Entfremdung und DIY

100.000 Hochglanzflyer in schickem Design und knalligen Farben. Deutschlandweit verschickt, von hunderten Organisationen unterzeichnet und doch verstauben die Flyer stapelweise in den unterschiedlichen lokalen Lagern, in den gängigen Flyerauslagen, wo wieder einmal viel zu viele dieser Flyer ausgelegt wurden oder werden von denjenigen, denen sie dann doch ausgehändigt wurden, achtlos zur Seite gelegt. Ein Szenario wie es bei fast jeder größeren Massenveranstaltung vorkommt.

Streuverlust nennen das die einen, ich nenne es Entfremdung. Entfremdung nicht nur durch die Entstellung der eigenen Positionen bis zur Unkenntlichkeit durch die Beteiligung an einer Massenorganisation, sondern auch durch die mangelnde Verbundenheit mit diesem Stück Papier, dessen Text von irgendeinem dafür gebildeten, sonst nicht näher bekannten Komitee geschrieben, das von irgendeiner Agentur gelayoutet und irgendeiner Druckerei gedruckt wurde und mir nun von irgendwem lieblos in die Hand gedrückt wurde, mit gestresstem Blick und ohne Zeit für ein kurzes Gespräch darüber. Selbst wenn ich mir die Mühe machen würde, die Webseite zu besuchen, die unten auf dem Flyer abgedruckt ist, würde mich doch nur eine ebenso anonyme Seite erwarten mit irgendeinem Gelaber davon, warum es wichtig sei, sich einer einheitlichen Masse bei einer x-beliebigen Demonstration anzuschließen, um das jeweilige Ziel – z.B. „Klimaschutz“, „Gegen Rechts sein“, usw. – zu erreichen. Vielleicht würde ich noch irgendein professionell produziertes Mobilisierungsvideo finden, in dem irgendwelche Anführer*innenfiguren das gleiche Gelaber noch einmal in eine Kamera sprechen und als ihre Position verkaufen.

Kein Wunder, dass ich nie zu solchen Veranstaltungen gehe. Wenn mir dagegen ein*e Freund*in oder auch nur irgendein*e entfernte*r Bekannte*r einen winzigen Zettel mit einem augenzwinkernden Blick in die Hand drückt, auf dem gerade mal ein Stichwort, eine Uhrzeit und eine Ortsangabe sind, die mensch entweder kennt oder bei der mensch sich eine Wegbeschreibung geben lassen muss, dann bin ich – sofern ich Zeit habe – mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit am Start. Und dutzende andere ebenfalls.

Ebenso ist es auch mit vielem anderen, zum Beispiel mit diesem Text: Wenn ich mir dieses Anliegen von der Seele geschrieben habe, werde ich diesen Text alleine oder mit anderen, die diese Ansichten teilen oder ihre Verbreitung unterstützenswert finden, layouten, drucken und verteilen. Vielleicht wird dieser Text in einer Zeitung erscheinen, aber auch dann weiß ich, dass diejenigen, die diesen Text layouten und drucken meine Werte teilen oder zumindest nicht für unvereinbar mit ihren eigenen halten – sonst würden sie den Text nicht verbreiten – und wenn die Zeitung dann gedruckt ist, werde ich möglicherweise bei ihrer Verteilung behilflich sein.

Das alles ist mir wichtiger, als maximale Professionalität, wichtiger als ein professionelles Lektorat, Layout oder Druck. Dabei bedeutet das nicht, dass diejenigen Dinge, die nach diesem DIY-Prinzip hergestellt wurden, weniger professionell sein müssen, aber selbst wenn sie das sind, finde ich, dass sie meist mehr Aussage haben, als die oft aussagelosen, genormten, professionellen Erzeugnisse. Sie vermitteln ihren Adressat*innen nicht den Eindruck, dass der Inhalt eigentlich egal ist und hinter der Form zurücktritt, sie vermitteln die Lebendigkeit der transportierten Inhalte.

DIY-Erzeugnisse vermitteln nicht den Eindruck, dass mensch es mit einer Autorität, die sich hinter ihnen verbirgt zu tun hat. Egal ob Musik, Text(e), Bilder oder ganz andere Erzeugnisse: Alles bleibt hinterfragbar und jede*r ist in der Lage auf etwas mit eigenen DIY-Beiträgen zu antworten.

Für mich ist das wertvoller, als mit einem professionalisierten und entfremdenden Erzeugnis 100.000 Menschen zu erreichen. Für mich zählt die Qualität, niemals die Masse!