Volksfestatmosphäre

Seit Wochen bleiben sie der*dem aufmerksamen Beobachter*in beim flanieren durch die Stadt kaum verborgen, die unheilvollen Vorboten des grausamen alljährlichen Mega-Spektakels. Nicht nur die Ansammlung von Festzelten, Lastwägen, Kameras und Bauzäunen auf der Theresienwiese warnt uns vor dem in den kommenden Wochen anstehenden, identitären Exzess, auch die um diese Zeit zunehmenden, sexistischen Werbeplakate mit feschen Frauen im Dirndl und Männern in Lederhosen, Lebkuchenherzen „für meinen Schatzi“ oder völlig unverblümt einfach nur (scheinbar) weibliche Dekolletés im Hintergrund einer beliebigen Werbebotschaft überall in der Stadt schreien es einem auf Schritt und Tritt ins Gesicht: „ES IST WIEDER OKTOBERFESTZEIT!“

Oktoberfest also. Nun, auch wenn es sicherlich nicht besonders erfreulich ist, beim unbedarften Streifzug durch die Stadt in Kotzelachen zu treten ist dieser Aspekt sicher einer der angenehmsten Nebeneffekte dieses Volksfestes. Aber was ist schon ein bisschen Kotze gegen die alles durchdringende Atmosphäre, die uns extrem rechte Politiker*innen so gerne als „bayerische Leitkultur“ verkaufen wollen: Vergewaltigungen, übergriffiges Verhalten, rassistische, sexistische und antisemitische Parolen, ja sogar eine Renaissance des deutschen Grußes. Vom übermäßigen Alkoholgenuss enthemmt und möglicherweise durch den hohen Bierpreis irgendwie in ungute Stimmung versetzt offenbart sich all das, was das Denken so vieler Volksfestbesucher*innen heimlich schon immer bestimmte und sie sonst nur mühsam hinter ihren Masken verbergen können. Hier auf dem Oktoberfest sind sie zu Hause, hier können sie sich gehen lassen.

Der internationale Anstrich, den die Stadt München dem Oktoberfest in offiziellen Werbebotschaften so gerne gibt, kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass Tourist*innen aus anderen Ländern hier nur solange gerne gesehen sind, wie sie dieses traditionelle Gelage im Hintergrund mit zelebrieren und dafür auch gut bezahlen. Fragt mensch die Münchner*innen, was sie am Oktoberfest als störend empfinden, so antworten nicht wenige, dass es die „Ausländer“ seien, die sich hier nur hemmungslos betrinken würden und dieses – in ihren Augen – doch eigentlich so besinnliche Festchen in das Spektakel, das so vielen einfach nur auf die Nerven geht verwandeln. Da ist er wieder, der deutsche Rassismus, der es selbst dann schafft, die Verantwortung für die eigenen Probleme von sich zu weisen, wenn es um ein Spektakel geht, das neben SPD und CSU auch die Nationalsozialist*innen erfolgreich nutzten, um ihre völkische Propaganda zu verbreiten und das sich seither dennoch im wesentlichen nicht verändert hat. So erklärt sich auch, dass von den wirklich zahlreichen Hitlergrüßen in den Festzelten des Oktoberfests in den Medien vor allem die rezipiert werden, die nicht von deutschen Staatsangehörigen gezeigt wurden. Die dort kolportierte Verwunderung darüber, dass „Nicht-Deutsche“ diesen deutschesten aller Grüße wählen ist dagegen schwer nachzuvollziehen, immerhin ist es doch unter anderem jenes Klientel, das das Oktoberfest bayernweit, deutschlandweit und weltweit anziehen dürfte und wer sich dann doch unbewusst dorthin verirrt hat, wollte vielleicht auch nur dazugehören.

Aber was bedeutet das Oktoberfest neben massiv ansteigenden sexuellen und rassistischen Übergriffen auf und im Umfeld dieses Gelages, in den S- und U-Bahnen und auch beinahe sonst überall für die Stadt? In den angrenzenden Vierteln, ganz besonders im Westend macht sich derzeit die Verdrängung von Wohnraum, die mit dem Oktoberfest einhergeht, bemerkbar. Wer in unmittelbarer Nähe des Oktoberfestes Immobilien besitzt, strebt in der Regel danach, den Wohnraum darin in Gewerbeflächen für Hotels umzuwandeln. Wem das nicht erlaubt ist, der*die lässt seine Immobilien dann auch gerne verfallen in der Hoffnung, dass die Stadt den eigenen Bauplänen irgendwann dann doch zustimmt. So beispielsweise auch der Rechtsanwalt Klaus Peter Willner, Eigentümer des berüchtigten Gebäudes in der Schwanthalerstraße 119, auch bekannt als „Döner-Haus“ entsprechend der letzten Nutzung der darin befindlichen Ladenfläche vor rund 14 Jahren. Mittlerweile ist das Gebäude zu einer unbewohnbaren Bauruine verfallen, doch die Spekulation mit dem Grundstück scheint auch über einen solchen Zeitraum noch immer lohnenswert zu sein.

Das ist nur eines der Beispiele, für Verknappung von Wohraum und Gentrifizierung durch das Oktoberfest. Kein Wunder, wenn selbst ein billiges Hotelzimmer in München zu „Wiesn-Zeiten“ kaum unter 150 Euro zu haben ist. Da können die zahlreichen Hotels den Rest des Jahres gern größtenteils leer stehen.

Generell wertet der Tourismus anlässlich des Oktoberfestes zahlreiche Viertel auf. Zahlreiche privat vermietete Zimmer während der Wiesen-Zeit lassen die Mieten im Viertel ebenso steigen, wie hippe „Wiesn-After-Party“-Locations und alle anderen Formen neuer, hipper und doch traditioneller Läden, Gaststätten, Bars und Kioske. Unter dem Namen „modern bavarian Kitchen“ sprießen die Hipster-Gaststätten mancherorts nur so aus dem Boden. Dort gibt es dann etwa „Obazda mit Brezencracern“ als Vorspeise für rund 7 Euro, wer dann doch eine nahrhaftere Breze dazu möchte, die*der muss noch einmal 1,50 Euro extra berappen. Kein Wunder, dass sich da viele ihr Viertel nicht mehr leisten können.

Unterdessen feiert die Stadt das Oktoberfest als Motor für die Münchner Tourismusbranche und als wichtige Einnahmequelle für die Region. Doch das hilft nur einigen wenigen Reichen, die die Gewinne des Oktoberfests abschöpfen können, während wie üblich all diejenigen mit weniger finanziellem Erfolg nur die Nachteile dieses dekadenten Gelages zu tragen haben, während sie selbst aufgrund der hohen Preise von einer Teilnahme weitestgehend ausgeschlossen bleiben.

Doch wir müssen uns weder die sexistischen, rassistischen, noch die sozialchauvinistischen Zumutungen des Oktoberfests gefallen lassen. Die Profiteur*innen des Spektakels befinden sich größtenteils in München und sind allesamt angreifbar. Auf dass in Zukunft keine*r mehr Profit mit dieser identitären Scheiße macht.