Utopie heißt Herrschaft

Wie oft habe ich schon von utopischen Gesellschaftsvorstellungen gehört, die angeblich alles verbessern, die Menschen befreien oder gleich eine Totalität des Guten und Schönen seien, die als ultimatives Ziel aller angeblich progressiven Entwicklungen am Ende der Geschichte steht und diese schließlich aufhebt? Neben der althergebrachten utopischen Gesellschaftsvorstellung des Kommunismus, die selbst in ihrem prozessualen Charakter doch auch nur eine Variation der christlichen Vorstellung vom jüngsten Gericht und des Paradieses auf Erden bleibt, meine ich vor allem solche Vorstellungen, die aus antiautoritärem Anspruch entstehen: Da gibt es etwa die Vorstellung des „libertären Kommunalismus“ von Murray Bookchin und Janet Biehl, die sich nicht zu blöd ist, ihr Vorbild in der antiken griechischen Polis zu suchen oder eine Variante davon, den „Demokratische Konförderalismus“, der derzeit in den autonomen Gebieten Kurdistans Anwendung findet. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe utopischer Vorstellungen einer besseren, angeblich herrschaftsfreie(re)n Welt, die sich allesamt darin ähneln, dass irgendwelche Wichtigtuer*innen glauben, die letzte Lösung für alle Probleme gefunden zu haben.

Etwas polemisch ausgedrückt: Unter Bezeichnungen wie „Transformationstheorie“, „Transformationsprozess“ oder irgendwelchen anderen Worthülsen mit „Transformation“ entwickeln und befürworten jeweils distinkte Gruppen in sektenähnlichen Konstellationen unterschiedliche Masterpläne, wie denn die eigene utopische Vorstellung ausgehend von der heutigen Gesellschaft erreicht und all den übrigen Menschen aufgezwungen werden könne. Freilich entspricht das nicht dem Selbstverständnis dieser Menschen. Sie verstehen sich eher als eine Art intellektuelle oder revolutionäre Elite, deren Aufgabe es ist, die Massen in ihrem Sinne zu bilden, damit diese dann diese eine, „objektive Wahrheit“ von selbst erkennen und danach handeln. Selbstverständlich sind auch nur die wenigsten dieser Menschen der Meinung, die „objektive Wahrheit“, von deren Existenz sie ausgehen, selbst so vollumfänglich erkannt zu haben. Also organisiert mensch Modellprojekte wie utopische Camps, Workshops oder Art-Performances, bei denen mensch sich – gemäß bestimmter Regeln, das versteht sich doch von selbst – im utopischen Zusammenleben ausprobieren können soll, um die eigene Utopie so (weiter) zu entwickeln. Das klingt dann zum Beispiel so:

Inspiriert von P.M. dem Solzialutopiker Hans Widmer – planen wir den Umbau der Stadt, den Abbau der überflüssigen Industrien, die Absage an Besitz und die Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Freitod.

Ihr könnt euch kostenfrei Anmelden und in den zwei Tagen mit uns Essen, Denken, Regeln unterlaufen und die verspiegelten Toiletten der Pina als euer persönliches Badezimmer verwenden. Es wird uns an nichts fehlen, denn wir brauchen nicht mehr viel außer uns Alle – ist die Grundthese. 

Aus der Ankündigung der Veranstaltung „bolo’bolo Anarchietheorie Workshop in der Neuen Sammlung“

Eine Veranstaltung, die mir erlaubt, Regeln zu unterlaufen? Was soll ich dazu noch sagen? Und doch will mensch bei dieser Veranstaltung den „Umbau der Stadt“ planen. Will in kleiner Runde mit vielleicht 20 Teilnehmer*innen eine neue Gesellschaftsordnung auf dem Reißbrett entwerfen – wenngleich auch nur als Kunstprojekt. Na vielen Dank auch, das klingt nach diesem einen „wahren Anarchismus“! Ob die Teilnehmer*innen Streitigkeiten, wie sie durch das unterlaufen von Regeln entstehen könnten, dann auch nach den von Widmer aufgestellten Duellregeln austragen, die eher an das deutsche Verbindungswesen erinnern, als an den erklärten Versuch, Streit nicht zu unterdrücken oder umzuformen?

Die genannte Veranstaltung ist symptomatisch für das herrschaftsaffirmative Denken der meisten Utopist*innen: Immer bedarf es dieser einen, „objektiven Wahrheit“, nach der alles und jede*r sich auszurichten hat. Doch die Vorstellung einer „objektiven Wahrheit“ ist immer auch der Machtanspruch, selbst richtig zu liegen. Was daraus folgt, sieht mensch an den zahlreichen Utopien, die in den Köpfen vieler Menschen herumspuken. Immer gibt es ein Ideal, nach dem sich die gesamte Gesellschaft zu organisieren hat. Dabei ist es kein Zufall, dass der Verfasser der ersten modernen Utopie, Thomas Morus, der diesen Begriff überhaupt erst erschaffen hat, später von mehreren christlichen Kirchen heilig gesprochen wurde. Was Thomas Morus möglicherweise als Paradies auf Erden verkaufen wollte, wollen uns heute irgendwelche angeblich anarchistischen Utopisten als „befreite Gesellschaft“ verkaufen. Wovon damals die Kirchen profitierten, profitieren heute diejenigen, die all die neunmalklugen Bücher verfassen, in denen sie ihren Masterplan in mehreren Bänden – seien es drei oder 43 – vermarkten.

In meinen Augen ist jede Utopie untrennbar mit dem Anspruch zu herrschen verbunden, sei es als Individuum mit dem Masterplan, von dem mensch natürlich will, dass er umgesetzt wird, oder als gesellschaftliche Mehrheit, die ihre Ideen anderen aufzwingt. Für mich ist deshalb jede Utopie eine Dystopie, jede*r Utopist*in, die*der glaubt, eine allgemeine Vorstellung davon zu haben, wie andere ihr Leben gestallten sollten, ein*e Feind*in der Freiheit.

Warum sollten wir die Verwirklichung unserer Ideen auf unbestimmte Zeit in die Zukunft verschieben, statt sie im Hier und Jetzt zu leben?