Ich arbeite nicht mehr, ich klaue mein Leben zurück

Ich stehe in der Warteschlange einer ALDI-Kasse. Semmeln für 1,20 € und eine Dose Tomaten für 39 ct habe ich auf das Kassenband gelegt. Der Rest meiner Einkäufe befindet sich in meinem Rucksack, gut versteckt vor den neugierigen Blicken der Mitarbeiter*innen und Kund*innen. „Das macht dann 1,59 €“ verkündet mir die*der Kassierer*in. Ich bezahle, verabschiede mich freundlich und steuere auf den Ausgang zu. Natürlich habe ich mich vorher vergewissert, dass dort kein bulliger Secu den Durchgang blockiert.

Zuhause packe ich meinen Rucksack aus: Frisches Bio-Gemüse, Süßigkeiten, Nudeln, CousCous, Olivenöl, … Warum sollte ich mich schlechter ernähren, nur weil ich weniger Geld als andere habe?

Heute kommt Judith zum Essen. Judith kann momentan nicht mehr klauen, weil sie auf Bewährung ist. Also teilen wir alle mit Judith, damit sie trotzdem nicht arbeiten muss. Als Judith damals verurteilt wurde, hat sie bei der Roten Hilfe um Unterstützung gebeten, aber den großen Antikapitalist*innen dort war Judiths Ladendiebstahl nicht politisch genug gewesen, um es wert zu sein unterstützt zu werden. Egoistisch sei dieser Diebstahl gewesen und eher schädlich für die Sache, als gut. Für welche Sache, fragten wir uns damals alle. Heute wissen wir: Sich zu nehmen, was mensch zum Leben braucht ist nur dann in Ordnung, wenn wir das als proletarische Massenbewegung tun, wenn wir uns jedoch selbst ermächtigen, uns zu nehmen, was wir brauchen, dann ist das für die moralisch integren Revolutionsführer*innen verwerflich. Seitdem nennen wir uns mit Stolz Egoist*innen, denn wir folgen weder einem Gott, noch einer*einem Herr*in!

Auch meine Mutter findet es nicht gut, dass ich mir nehme, was mir gefällt. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, sagte sie mir einmal. Wo hatte sie diesen Wahlspruch der Sozialdemokratie nur wieder her? Ich jedoch esse trotzdem, erstens weil ich es muss und zweitens weil ich es will! Ganz ähnlich hatte auch die Richterin Judith damals erklärt: „Wenn Sie arbeiten gehen, dann können Sie sich auch Bücher leisten und müssen diese nicht stehlen.“ Zu zehnt liefen wir damals im Gericht von Toilette zu Toilette und klauten dort das Toilettenpapier. Was wir damals aus Rache taten, das mache ich heute einmal alle zwei Wochen und so muss ich jedes Mal wenn ich mir den Hintern abwische mit leiser Freude daran denken, dass jetzt vielleicht ein*e Richter*in ohne Toilettenpapier auf dem Klo sitzt.

Es klingelt an der Tür. Judith hat Ina und Vroni mitgebracht. Auch den beiden fällt es schwerer zu stehlen. Ina wird von den Verkäufer*innen, Secus und Bull*innen ohnehin immer argwöhnisch angekuckt. Schon öfter wurde sie beim Verlassen des Ladens durchsucht, auch wenn sie brav bezahlt hat. Mensch nennt das racial profiling, denn Ina ist nicht weiß, wie die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland. Scheiß Rassist*innen! Vroni dagegen fällt es schwer zu stehlen, weil sie panische Angst hat erwischt zu werden. Oft übernimmt sie deshalb eine beobachtende Rolle und warnt uns anderen vor herumlungernden Secus, während wir zusammen unsere Wochen“einkäufe“ machen. Jede*r nach seinen*ihren Möglichkeiten, Jeder*m nach ihren*seinen Bedürfnissen. Ist es nicht seltsam, dass wir diese Marx’sche Utopie zumindest teilweise auch ohne die proletarischen Massen verwirklichen konnten?

Nach dem Essen geht es noch in den Baumarkt, denn für heute Nacht haben wir uns noch etwas vorgenommen. Ina packt ihren Rucksack voll mit Sprühdosen, während ich eine Packung Einmalhandschuhe in meinem Umhängebeutel verschwinden lasse. Zu dritt verlassen wir den Laden ohne zu bezahlen, während Judith noch immer von einem Verkäufer gemansplained bekommt, welche Farbe geeignet ist, um ihr Wohnzimmer zu streichen. Haha, welches Wohnzimmer überhaupt.

Und wenn du nun glaubst, ich und meine Freund*innen leben im Luxus, dann hast du nichts verstanden: Wir nehmen uns täglich was wir zum Leben brauchen, denn wir wurden ungefragt in eine Welt geboren, die uns diese Dinge verweigert. Wir haben keine Lust unsere Arbeitskraft zu verkaufen, wir wollen unbeschwert leben ohne die Sorgen des Geldes. Und wenn auch du keine Lust mehr hast, dieses Spiel mitzuspielen, jeden Morgen früh aufstehen und doch nichts vom Tag zu haben, dann solltest auch du anfangen dir einfach zu nehmen, was du zum Leben brauchst. Lass uns gemeinsam gegen diese Welt revoltieren, indem wir auf deren Regeln scheißen!

Und unterdessen dämmert der Morgen in München. Die ersten Arbeitssklav*innen sind bereits auf den Beinen. Und an den Fassaden der prunkvollsten Häuser in allen Straßen steht eine Botschaft an sie geschrieben:

Geht stehlen, statt wählen!