By 2020 we rise up

Anmerkung der Redaktion: Wir verweisen hinsichtlich des folgenden Textes darauf, dass es neben der Bildung politischer Massenbewegungen, die unserer Ansicht nach grundsätzlich Herrschaftsstrukturen reproduzieren, auch andere, antiautoritäre Formen der Organisation gibt. Ein guter einführender Text zu diesem Thema ist etwa „Archipel. Affinität, informelle Organisation und aufständische Projekte“ aus Salto Nr. 2. Wir werden einige Auszüge daraus in den kommenden Ausgaben abdrucken.

Dieses Netzwerk zielt im Gegensatz zu vielen anderen nicht darauf ab möglichst viele Mitglieder zu rekrutieren. Es soll vielmehr die vielen Umwelt-/Klimaorganisationen in Europa vernetzen. Weiter sollen sich diese eine gemeinsame Strategie ausdenken wie gezielt möglichst viele Aktionen in möglichst vielen unterschiedlichen Ländern Europas den gewünschten Effekt bewirken, es soll also „Methoden entwickeln, um auf eine aufständische Art und Weise zu intervenieren und solche Interventionen zu koordinieren.“[1]

Diese Idee gemeinsam groß zu werden, „to rise“, dementsprechend höheren Druck auf Wirtschaft und Politik auszuüben und als geeinte „action wave“ über Europas Klimaleugner*innen hereinzubrechen steckt hinter „by 2020 we will rise up!“.

Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen sollen die Organisationen zusammenarbeiten und sich unterstützen. Auf sogenannten Klimacamps, das letzte fand im Rheinland bei Köln zur Massenaktion von Ende Gelände statt, geschieht zum Teil die Planung der Strategie, die Vorbereitung auf Aktionen des zivilen Ungehorsams und die Vernetzung von Menschen, die ebenfalls dem herrschenden Wirtschaftssystem und der Manipulation der Massen den Kampf angesagt haben. Gleichzeitig bietet das Klimacamp für alle Menschen, denen das auf Leistung und Wettbewerb beruhende System zuwider ist eine wohlige Abwechslung oder besser gesagt: Das Leben in der Utopie. Hier wird gemäß menschlicher Natur gelebt und nachher wird versucht diese durch Aktionen zurückzuerobern. In ganz Europa sollen ab September immer wieder solche Camps stattfinden. Die nächsten Camps werden vom 15.08.- 27.08. im Rheinland und vom 04.09.-08.09. in Venedig stattfinden. Aber auch einfache Aktionen, wie Blockaden von Hauptverkehrsstraßen, so zuletzt in Wien, als Ende Gelände Wagen die Hauptverkehrsstraße zum Flughafen blockierte, sollen in Zukunft in Städten oder Gebieten zur Aufmerksamkeitsmobilisation der Gesellschaft und der Medien und zum Druck auf die Regierung dienen.

Was heißt Druck und wie wird er ausgelöst? Druck wird sowohl dadurch ausgeübt, als dass sich die Masse umorientiert hin zum ökologischen Denken und Handeln und damit zum einen die Nachfrage, also den Markt, bestimmt als auch, als dass immer wieder auf kürzer oder länger Betriebswege, Wirtschaftszweige oder Verkehrswege lahmgelegt werden. Das wiederum beeinträchtigt das alltägliche Leben der Menschen, der „Ottonormalverbraucher“, die ebenfalls durch ihren Lebenstil ein Stück weit Schuld sind an der rasant negativen Entwicklung des Klimas, aber eigentlich nicht dafür zu Rechenschaft gezogen werden sollten. Denn sie konsumieren nur das, was ihnen der Markt bietet. Natürlich könnten sie bewusster konsumieren, aber eigentlich liegt die Verantwortung beim Herstellerin. Dass Menschen unter Aktionen des zivilen Ungehorsams „leiden“ kann dazu führen, dass sich die breite Masse nun doch, statt vernünftig zu sein, sich gegen die Weltverbessererinnen stellt, also auf Seiten der konservativen Regierung, die ihnen verspricht, dass das Tempolimit in Deutschland erstmal nicht in Kraft treten wird.

So oder so ist die Zeit jetzt reif, oder muss ja, denn viel Zeit bleibt uns eben nicht mehr. Die Gesellschaft ist jetzt sensibilisiert, allein durch das halbe Jahr in dem FFF Aufmerksamkeit, plump gesagt, auf den Klimawandel durch die Aktionsform „Schulstreik“ erreichte. Und deswegen offener gegenüber Veränderungen- zumindest gegenüber solcher, die die Fortdauer der Menschheit sichern sollen- welche die Einschränkung des westlichen Luxuslifestyles bedeuten. Dass die SZ den Diskurs innerhalb der Gesellschaft darüber, ob der Kapitalismus nun Schuld sei am Klimawandel, oder
eher gesagt die Meinung, dass er auf jeden Fall nicht die Ursache dessen ist, anstößt- auch, wenn sie eine mehr als konservative und wirtschaftsbejahende Meinung zu vertreten pflegt- sollte kritisch gesehen werden. Einerseits könnte Mensch es nun positiv finden, dass immer öfter in der Öffentlichkeit und in den Medien über den Klimawandel, seine Folgen und das Umdenken der Menschen berichtet und diskutiert wird. Wobei Umdenken nur das „ökologische Bewusstsein stärken“ heißt. Andererseits wird im Kontext des Klimawandels selten der maximierende Faktor- unser Wirtschaftssystem- genannt und wenn doch, dann wird er, wie in der SZ, verteidigt. Anstatt den Verlauf der Erderhitzung im Zusammenhang mit dem Wirtschaftswachstum und dem damit einhergehenden CO2-Ausstoß kritisch zu sehen, sehen ihn die Menschen lieber garnicht. Dennoch schließen sich immer mehr Menschen der „Ökobewegung“ an, immer mehr Menschen politisieren sich, immer mehr Menschen radikalisieren sich.

Der Grundstein vom Turm, dessen Glocken den Systemwandel – zumindest in Europa – einläuten werden, wird gelegt. Ob die Zeit, die uns bleibt unsere Gewohnheiten zum Wohle der Menschheit radikal umzuwerfen, ausreicht den Systemwandel herbeizuführen, der bitter nötig ist, um die Welt wie wir sie kennen vor der Kippe zu bewahren, ist allerdings, trotz europaweiter, bald weltweiter Vernetzung, Umdenken im Alltag, Aktionskonsensen und vor allem Aktionsbereitschaft, fraglich.

https://by2020weriseup.net/

[1] Wolfi Landstreicher, Eigenwilliger Ungehorsam, 2016, S. 63 (Kontakt und Bestellung: edition-irreversibel@riseup.net, editionirreversibel.noblogs.org)