Wahrnehmungsstörungen

In gewaltvollen Situationen ausgehend von Männern ist so schmerzhaft wie selten spürbar wie unterschiedlich mensch aufgrund der Zuweisung eines bestimmtes Geschlechts behandelt wird. In Konfrontation mit Bullen wird das immer wieder deutlich. Wird mensch ein männliches Geschlecht zugewiesen, so wird brutal gegen eine*n vorgegangen, mensch als gefährlich und zu allem fähig eingeschätzt. Wird mensch das weibliche Geschlecht zugewiesen, kommt es deutlich häufiger vor übersehen, ausgelacht, nicht ernst genommen, als „hysterisch“ bezeichnet oder sexistisch beleidigt zu werden, auch wenn mensch exakt dasselbe Verhalten an den Tag legt wie die Person neben einer*m, der das männliche Geschlecht zugewiesen wird. Egal ob Nazis, Bullen oder irgendwelche anderen Macker, nüchtern oder besoffen, die Gewalt, die mensch mit zugewiesenem weiblichen Geschlecht erfährt, ist eine andere als die, die Menschen erfahren, denen ein männliches Geschlecht zugewiesen wird. So ist es als Person, die weiblich gelesen wird – zumindest in meinen eigenen Erfahrungen – deutlich seltener, dass mensch auf die Fresse kriegt: keine Faustschläge, keine Fußtritte. Dafür sexistische Beleidigungen, sexualisierte Übergriffe und eine vollkommene Nichtbeachtung. Diese Verhaltensweisen haben alle eins gemeinsam: mensch wird als Objekt wahrgenommen, nicht als Subjekt. Wie eine wertvolle Vase, um die sich die Tüpen um einen herum streiten, die die einen verbotenerweise anfassen, während die „eigentlichern Eigentümer“ zum Schutz ihres wertvollen Guts einspringen. Mensch wird als etwas angesehen, von dem keine Gefahr ausgeht (außer von den vermeintlich „männlichen“ Begleitern) und das sich nicht selbst wehren kann, sondern beschützt werden muss (aus Sicht derjenigen, die Sympathie für die vermeintlich weibliche Person verspüren).

Beispiel gefällig? Ein Tüp fasst mir im Vorübergehen in die Haare und streichelt mir über den Kopf. Als ich dazu ansetze ihn dafür anzupöbeln, springt mein Begleiter neben mir auf, überbrüllt mich und schreit: „Fass die Frau nicht an! Lass die Frau in Ruhe!“ Daraufhin kriegt mein Begleiter auf die Fresse. Die beiden stehen sich wütend gegenüber. Ich spiele überhaupt keine Rolle. Beim Versuch nach vorne zu kommen, um den Tüpen selbst anzupöbeln, werde ich nach hinten geschoben, nicht nach vorne gelassen. Erst durch den Einsatz von Gewalt schaffe ich es mich nach vorne zu kämpfen, um den Tüpen selbst anzuschreien. In diesem Moment nimmt er mich zum ersten Mal wahr. Und kann es nicht fassen, dass ein „Weib“ (Zitat) sich hier gerade so aufführt. Auf die Fresse kriege ich im Gegensatz zu meinem Begleiter nicht. Dafür sexistische Kommentare. Bei meinem Begleiter hat den anderen die Reaktion nicht überrascht, dafür war er aber auch zackig in der Reaktion. Hahnenkampf, was sonst. Dabei will ich meinem Begleiter gegenüber nicht unfair sein. Im Gegensatz zu dem anderen super klassisch sexistischen Mackerarsch war er der Meinung, dass er genauso reagiert hätte, wenn ich ein Tüp gewesen wäre. Und das ist ihm auch wichtig. Bei genauerem Hinsehen mussten wir hinterher aber feststellen, dass dem nicht so gewesen wäre. Hat schon mal irgendwer gesagt: „Lass den Mann in Ruhe! Fass den Mann nicht an!“? Hätte er mich überbrüllt, sich schützend vor mich geschoben, mich nicht vorbeigelassen? Jedes Mal, wenn das passiert, und ich komme oft genug in diese Situationen, fühlt es sich richtig scheiße an. Denn ein solches Verhalten scheint die allgemeine Meinung zu bestätigen, dass Frauen nicht gefährlich sind und sich nicht selbst verteidigen können. Mensch sie also wie ein Objekt behandeln kann. Jedes Mal, wenn die Bullen jemanden neben mir niedertackeln und mich einfach als „hysterisch“ auslachen und ich dann nichts mache, weil sie mich dann doch in den Knast stecken würden, habe ich den Eindruck sie in ihrem Bild zu bestätigen. Dass der Tüp, wäre er an meiner Stelle, auch nichts gemacht hätte, ist dabei vollkommen nebensächlich. Jedes Mal, wenn ich nichts tue, bestätige ich den Bullen, dass ich keine Gefahr für sie bin. Und jedes Mal, wenn ich etwas tue, glauben sie, dass es Tüpen waren. „Jetzt mal ganz ruhig, Jungs“, wie oft habe ich diesen Satz schon gehört und das, obwohl die Hälfte der Personen in der Gruppe FLINT-Personen waren. „Lasst uns das von Mann zu Mann klären“, verkündete mal ein Nazi einer Gruppe Antifas, die ähnlich durchmischt war.

90 % der für Gewalttaten verurteilten Täter in Deutschland sind Männer. Schon eine unverhältnismäßig hohe Zahl, oder? Auch wenn Personen, die von der Statistik als „weiblich“ geführt werden, vermutlich aus Gründen der Sozialisation tatsächlich seltener Gewalttaten verüben als Personen, die als „männlich“ erfasst sind, scheint mir das doch absolut überproportional. Self fulfilling prophecy: Ich ziehe meiner Meinung nach weibliche Personen als Täterinnen nicht in Betracht, also verurteile ich nur Männer. Noch dazu erzähle ich allen weiblichen Personen, dass sie nie Gewalt ausüben. Deshalb glauben sie auch, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Dass sie nicht gefährlich sind, dass sie keine Gewalt ausüben können. Also verhalten sich cis weiblich sozialisierte Personen auch passiv und verängstigt in Gewaltsituationen und üben weniger Gewalt aus. Umgekehrtes gilt dann natürlich für cis männlich sozialisierte Personen. Und diejenigen weiblichen Personen, die trotzdem Gewalt ausüben, werden nicht als solche erkannt, werden nicht wahrgenommen.

Wenn ich übrigens hier davon spreche Gewalt auszuüben, meine ich das auf eine neutrale Art und Weise, es kann sich also ebenso um übergriffige, Herrschaft ausübende Gewalt handeln, wie um Gewalt, um gegen Herrschaft anzukämpfen, Gewalt, um sich zu verteidigen, Gewalt, um die Gewalt durch andere abzuwehren.

Geil, könnte mensch meinen, als vermeintlich weibliche Person ist es vermutlich weniger wahrscheinlich im Knast zu landen oder sonst für das Ausüben von Gewalt bestraft zu werden, denn mensch gerät deutlich seltener in Verdacht. Würde mensch meinen, und ich bin auch absolut dafür, diesen „blind spot“ gegenüber Bullen, Justiz und Co. mehr auszunutzen! Jedoch ist es ein absolut beschissenes Gefühl nicht (als Subjekt) wahrgenommen zu werden, nicht ernst genommen zu werden. Es tut weh und es macht mich richtig wütend. Es ist eine andere Form der Gewalt, eine fatalere. Wenn ich einen Faustschlag ins Gesicht bekomme oder einen Tritt, dann werde ich (meistens) in konfrontativen Gewaltsituationen als ernstzunehmender Gegner wahrgenommen und behandelt. Ich bekomme auf eine seltsame Art und Weise Anerkennung. Wenn ich stattdessen ausgelacht werde, dann wird mir diese Anerkennung verweigert. Ich werde nicht ernst genommen. Ich werde als etwas betrachtet, mit dem mensch seine Spielchen spielen kann. Anfassen, wann mensch will (mensch muss nur aufpassen, dass der männliche Eigentümer gerade nicht hinschaut oder bestenfalls nicht da ist), darüber lachen, wie mensch will. In jedem Moment wird dir klar gemacht, dass mit keiner Gegenwehr gerechnet wird oder wenn welche kommt, dass sie lächerlich ist und nicht ernst genommen zu werden braucht. Es ist ein Gebahren in einem Herrschafts- und Machtgefälle, in dem ich nicht als handelnde Person betrachtet werde, sondern als lustiges, süßes Dekostück. Und sollte ich mich nicht an meine Rolle halten, dann habe ich mit sexualisierter Gewalt zu rechnen, verbal und physisch. Irgendwann kriege auch ich vielleicht auf die Fresse, aber erst wenn ich durch mein Verhalten bewiesen habe, dass ich keine „richtige Frau“ bin, sondern eine „Emanze“, eine „Lesbe“ oder ein „Mannsweib“.

Aber zurück zu diesem Ohnmachtsgefühl, das eine*n überkommt, jedes Mal, wenn mensch so übergangen und ignoriert wird. In diesem Moment vollzieht sich die Erfüllung des gesellschaftlichen Diskurses, dass Frauen gefährdet und nicht wehrhaft sind, dass sie permanente Opfer sind. Ein solcher Opferdiskurs nimmt mensch die Handlungsfähigkeit und die Subjektivität, denn mensch ist nur hilflos dem ausgeliefert, was über eine*n hereinbricht. Ein solcher Opferdiskurs führt zu einem permanenten Gefühl der Bedrohung und Machtlosigkeit, das jedes Mal bestärkt wird, wenn einer*m kein Raum gegeben wird, sich als Subjekt gegen eine Bedrohung oder eine Gewaltsituation zur Wehr zu setzen. Wenn mensch klar gemacht wird, dass die Aggressoren von einer*m keine Gefahr erwarten. Deshalb ist es mir auch so wichtig, zu meinem eigenen Empowerment ebenso wie um einen gesellschaftlichen Diskurs zu durchbrechen, mich selbst zur Wehr zu setzen, selbst aggressiv zu werden, selbst zu handeln und den oder die Aggressoren zu zwingen mich wahrzunehmen und mich ernst zu nehmen. Ich bin eine Gefahr! Ich kann mich wehren und ich werde mich wehren! Ich bin kein hilfloses Objekt patriarchaler Gewalt! Ich bin Widerstandskämpferin im Krieg gegen das Patriarchat! Selbst wenn mir Gewalt zugefügt wird, bestärkt mich das nur in meinem Kampf gegen das Bestehende. Und alle diejenigen, die mit mir diesen Kampf kämpfen wollen, egal ob ihnen eine weibliche oder eine männliche Geschlechterrolle zugewiesen wird, möchte ich an meiner Seite sehen. Ich möchte, dass wir gemeinsam kämpfen und nicht, dass sich irgendwer vor mich stellt. Ich möchte Kompliz*innen, keine Beschützer*innen. Ich bin kein Opfer, ich bin Täterin! FLINT-Personen sind gefährlich!