Burschis aus dem Viertel jagen!

EIN KOMMENTAR UND HANDLUNGSVORSCHLAG ZUR DEMO GEGEN DIE BURSCHIS VOM LETZTEN WOCHENENDE

Letztes Wochenende, vom 19. bis zum 21. Juli fand in der rechtsradikalen Burschenschaft Danubia ihr alljährlich stattfindendes Stiftungsfest statt. Am Samstag fand diesbezüglich eine antifaschistische Demonstration mit dem Titel „Völkische Verbindungen zerschlagen!“ statt. Das Ziel laut eigenem Aufruf: „Burschis aus dem Viertel jagen!“ Am Ende dieses Aufrufs sind die Ambitionen bereits deutlich geringer: „Vermiesen wir ihnen die Party!“ Leider hatte ich den Eindruck, dass auch dieser Anspruch durch die stattfindende Demo kein bisschen erfüllt wurde. Denn rätselhafterweise hatten die Veranstalter*innen entschieden zu ihrer Demonstration die Bulletten herzubestellen. Die waren dann auch eifrig in großer Anzahl erschienen und überwogen in ihrer Größe bei weitem die der restlichen Demonstration. Entsprechend begleiteteten sie die Demonstration im engsten Spalier und hatten um das Haus der Burschenschaft Danubia einen soliden Käfig aufgebaut, und auch für die Endkundgebung der Demonstration war ein Käfig vorbereitet, in den die Demonstrant*innen für die Zeit der Kundgebung gesperrt wurden. Die Bulletten waren auf alles vorbereitet. Die Demonstration hingegen hatte lediglich vor dem Haus der Burschis das Abfeuern einer Konfettikanone parat sowie das Werfen in Kunstblut getränkter Tampons – die aufgrund ihrer Beschaffenheit und vielleicht aus Angst vor dem martialischen Bullettenaufgebot leider nicht weiter flogen als vielleicht einen Meter. Offenbar waren die Ziele der Demonstration auch nicht höher gesteckt: „Es gilt […] zu zeigen was wir von ihnen halten!“ Das laute Skandieren von Parolen sollte dem wohl genüge tun. Aber „Burschis aus dem Viertel jagen“? Burschis „die Party vermiesen“? Ich konnte leider überhaupt nicht erkennen, inwiefern es überhaupt Pläne gab, um dies tatsächlich hinzubekommen. Beim Anblick der Demonstration habe ich mich laufend gefragt: Warum um alles in der Welt bestellt mensch die Bulletten her? Denn wer eine Demonstration anzeigt, insbesondere eine mit solch einem Titel, die*der kann damit rechnen, dass die Bulletten mit solch einem Aufgebot anrücken werden. Und selbst wenn es nicht so viele sind, werden immer welche da sein. Warum gibt mensch freiwillig an, welche Strecke mensch gehen will, wann und mit wie vielen und wer diese Demonstration veranstalten will? Damit beraubt sich mensch bereits den Möglichkeiten frei und selbstbestimmt eine Demonstration zu machen, mensch macht sie vom Staat vorherseh-, kontrollier- und befriedbar (sei es auch nur, weil die Bullettenpräsenz einschüchternd wirkt). Insbesondere wenn das Ziel ist Burschis aus dem Viertel zu jagen und ihnen ihre Party zu vermiesen, ist ja wohl eine angemeldete Demonstration so ziemlich das letzte Mittel, um solch ein Ziel zu erreichen. Mir scheint, dass das Durchführen einer angezeigten Demo für viele das einzige (tagsüber ausführbare und kollektive) Handlungsmittel zu sein scheint. Dabei scheinen mir allerdings Strategiefragen teilweise gar nicht mehr gestellt zu werden: Was ist unser Ziel? Mit welchem Mittel können wir dieses Ziel bestmöglich erreichen? Was trauen wir uns (zu)? Häufig verkommt damit das Durchführen einer angezeigten Demonstration zum langweiligen Ritual ohne Sinn und Ziel.

Betrachten wir uns die Ziele der Organisator*innen: „Burschis aus dem Viertel jagen […] Vermiesen wir ihnen die Party.“ Für diese beiden Ziele scheint mir eine angezeigte Demo, die Konfettikanonen abfeuert und Tampons einen Meter weit wirft, nicht geeignet. Wäre es absehbar gewesen, dass die Demo groß genug wird, hätte mensch auch trotz Bullettenpräsenz planen können, das Haus der Danuben aus der Demo heraus militant anzugreifen, beispielsweise mithilfe von Steinen oder Farbbomben. Jedoch war absehbar, dass die Demonstration eher klein ausfallen und die Polizeipräsenz massiv sein würde. Damit fällt die Option, die Massen einer angezeigten Demonstration als Deckung zu nutzen, um Angriffe aus ihr heraus auszuführen, weg. Auch der Ort – die Straße, die an dem Danuben-Haus vorbeiführt – war nicht geeignet, um trotz Bulettenpräsenz eine unkontrollierbare Situation zu schaffen. Wird eine Demonstration absehbar zu klein, um gegen die Anwesenheit von Bulletten anzukommen, so sollte mensch also dafür sorgen, dass diese nicht zugegen sind. Sowieso ist vieles viel einfacher, wenn Bulletten nicht in der Nähe sind. Anstatt sich also heroisch in einen sinnlosen Kampf mit den Schweinen zu stürzen und zu meinen, dass es toll ist sich vollkommen absehbar und dämlich „für die Sache“ zu opfern oder sich aber in ihrer Anwesenheit nichts Militantes zu trauen (aus guten Gründen), scheint es doch sinnvoller diese nicht extra herzubestellen und diese militanten Dinge zu tun, wenn sie gerade nicht hinschauen. Der Schluss, der daraus gezogen werden kann, ist, dass mensch die geplante Demo einfach nicht anzeigen sollte. Argument für viele eine Demo anzuzeigen ist, dass die Mobilisierung einfacher zu gestalten ist. Ja, das stimmt, jedoch ist es sehr gut möglich auch ohne öffentlich dafür zu mobilisieren. Mensch kann Freund*innen einladen, die wiederum Freund*innen einladen, die wiederum Freund*innen einladen usw. Mensch kann kleine Handzettel auf Partys und Veranstaltungen verteilen, es können bereits existierende Netzwerke angezapft werden. Je nachdem was mensch vorhat, sollte mensch dabei unterschiedliche Sicherheitsvorkehrungen treffen. Dabei ist es in Deutschland noch nicht einmal strafbar sich unangezeigt zu versammeln, insbesondere wenn sich niemand als Veranstalter*in und als Versammlungsleiter*in ausmachen lässt. Einige trauen sich vielleicht nicht, weil es bereits vorkam, dass es nach einer Teilnahme an einer wilden Demo zu Hausdurchsuchungen kam. Jedoch ist so etwas auch nur möglich, wenn eine solche wilde Demo die absolute Ausnahme ist. Wäre sie die Regel kämen Bulletten mit den Durchsuchungen nicht hinterher. Sinn daran, so hart gegen Menschen vorzugehen, die an einer wilden Demo teilnehmen, ist sie mit besonders harter Repression zu überziehen, damit solche Demos nicht zur Regel werden, damit alle zu eingeschüchtert sind. Denn der Staat hat natürlich ein Interesse daran Menschen daran zu hindern sich ohne sein Wissen und damit ohne seine Supervision zu versammeln. Denn dann könnten sie ja auf dumme Ideen kommen.

Nun ist natürlich eine andere Strategiefrage, ob mensch die Danubia gerade dann angreifen sollte, wenn maximal viele Burschis dort versammelt sind. Jedoch ließe ein überraschender, vermummter, kurzer Angriff, bei dem mensch sich schnell wieder zurückzieht, den Burschis kaum die Möglichkeit zu reagieren. Wenn das Menschen zu heikel ist, können sie sonst auch auf die altbewährte Methode zurückgreifen: nachts angreifen, wenn alle schlafen. Immerhin hat es im Vorfeld zu dem Stiftungsfest einen Angriff auf das Haus gegeben: Anfang Juli zertrümmerten Personen im Vorgarten Lampen und Bumentöpfe. Für nächstes Jahr ist das sicherlich ausbaufähig. Außerdem kann mensch natürlich auch das ganze Jahr über Angriffe auf die Burschis verüben.

Bezüglich Demonstrationen im Allgemeinen – unabhängig davon, ob gegen Burschis oder gegen irgendeine andere Kackscheiße bzw. für irgendetwas – hätte ich einen Vorschlag: Lasst uns mehr Demonstrationen nicht anzeigen. Lasst uns uns wild versammeln, um uns die Straßen zu nehmen und unsere Wut auszudrücken, ganz wie wir es wollen. Lassen wir uns nicht von vornherein zähmen. Lasst uns ganz offen zu nicht angezeigten Versammlungen mobilisieren: ohne Ansprechpersonen, ohne Versammlungsleiter*innen, ohne Veranstalter*innen, mit falschen V.i.S.d.P.s. Dadurch bekommt eine Demonstration auch eher den Charakter von Individuen, die sich zusammenfinden, um gegen oder für etwas zu demonstrieren, anstatt dass diese zu einem Happening wird, das ich als Konsument*in besuchen gehe und von der ich mir ein möglichst unterhaltsames Programm erwarte. Hüten wir uns vor Gewohnheit und Ritualen. Lassen wir uns nicht bändigen, bleiben wir unkontrollierbar und unvorhersehbar. Nur so können wir zu einer echten Gefahr für den Staat, für Burschis und sonstige Herrschaftsfanatiker*innen werden.