Zur Kritik gängiger Verbrecher*innensozietäten

Eine kapitalistische Gesellschaft ist zum Zwecke ihrer Aufrechterhaltung darauf angewiesen, eine Reihe von Maßnahmen zur Befriedung gesellschaftlicher Konflikte zu ergreifen. Neben zahlreichen kleineren Zugeständnissen an aufbegehrende Gruppen gehört dazu auch die Verbreitung zahlreicher Ideologien, die die jeweilige Gesellschaftsordnung ideologisch untermauern und die jeweiligen Vorstellungen von moralisch integrem Handeln, also den Wertekanon der Gesellschaft, an die jeweiligen Gegebenheiten anpassen. Der große Vorteil solcher Ideologien ist, dass diese in aller Regel mit einem Minimum an materiellem Zwang auskommen und sich zugleich so erfolgreich selbst reproduzieren, dass ein Eingreifen von Seiten der Herrschaft nur selten erforderlich ist.

In den meisten kapitalistischen Gesellschaften ist einer dieser zentralen Werte, um deren Aufrechterhaltung sich diverse Ideologien bemühen, das Eigentum. Der Gedanke des Eigentums beschreibt den absurden Gedankengang, dass Gegenstände, Pflanzen, Tiere – oder in früheren Gesellschaften gar Menschen – einer Person oder einer Institution gehören und diese darüber bestimmen dürften, weil sie oder eine*r ihrer Vorfahr*innen diesen Gegenstand oder dieses Lebewesen einmal im Tausch erworben, legal geraubt (in Deutschland weit verbreitet etwa Immobilien, Kunststücke, Schmuck, etc., die vormals in jüdischem Besitz waren und von den jetzigen Eigentümer*innen oder ihren Vorfahr*innen während des Nationalsozialismus in Besitz genommen wurden) oder – in den seltensten Fällen – selbst produziert haben. Absurd ist dieser Gedankengang – abgesehen von der offensichtlich widerwärtigen Vorstellung, dass es einen Besitz an Lebewesen geben könnte – vor allem deshalb, weil er menschenverachtende Verhältnisse manifestiert, in denen sich Gegenstände bei bestimmten Personen oder Institutionen akkumulieren und diesen damit Macht verleihen. Nun ja, so oder so ähnlich, es gibt eine Menge Auseinandersetzungen mit diesem Thema, das möchte ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen.

Das Faszinierende an den diversen Ideologien, die versuchen, diese Werte zu etablieren und aufrechtzuerhalten ist, dass sie über die konkrete Gesellschaftsordnung hinaus zu bestehen scheinen. Das wird besonders deutlich anhand gängiger Verbrecher*innensozietäten, die mit ihrem Handeln scheinbar außerhalb der gesellschaftlichen Normen zu stehen scheinen, bei genauerem Hinsehen jedoch ganz ähnliche Strukturen etablieren und ein ähnlich herrschaftsvolles, wenngleich meist weniger komplexes Geflecht bilden.

Ich habe durch Zufall einmal einen Zeitungskommentar gelesen, in dem die*der verfassende Journalist*in sich darüber ereiferte, dass im Rahmen einer Befragung von Schüler*innen nach ihrem späteren Berufswunsch zahlreiche Schüler*innen Berufswünsche wie „Drogendealer“, „Gangsterboss“ oder „Mafiaboss“ angegeben hätten. Nun, abgesehen davon, dass ich als Teilnehmer*in einer solch dämlichen Befragung in meiner Schulzeit sicherlich etwas ähnliches angegeben hätte – auch wenn mir „Tagedieb“ besser gefallen hätte, denn immerhin habe ich mir diesen Berufswunsch mittlerweile erfüllt – und mensch sich durchaus fragen könnte, wie ernst diese Angaben gemeint sind, spiegelt ein solches Ergebnis doch die Unzufriedenheit der Menschen mit den sich ihnen bietenden Alternativen wider.

Die Betätigung als Verbrecher*in gehört dabei sicherlich zu den Interessanteren gebotenen Alternativen. Unverständlich bleibt mir dabei jedoch, warum mensch sich dabei einer autoritären Verbrecher*innensozietät verpflichten sollte. Sicherlich erfüllen diese Banden häufig gewisse Schutz- und Solidaritätsfunktionen, letztlich jedoch etablieren die meisten von ihnen ähnlich autoritäre Strukturen wie die des Staates bzw. ihrer legalistischen Pendants, den Firmen: Die erwirtschafteten bzw. erbeuteten Gewinne akkumulieren sich auf den höheren Organisationsebenen, ebenso entsprechende Macht. Angehörige der niederen Ebenen müssen sich den Anweisungen von oben unterwerfen und werden hinsichtlich ihrer Arbeitskraft bzw. hinsichtlich des jeweiligen Risikos ausgebeutet. Vielfach gibt es gewaltvolle Sanktionen von vermeintlichem Fehlbetragen, die statt über Geld- und Haftstrafen mit körperlicher und psychischer Gewalt funktionieren. Da stellt sich mir die Frage: Inwiefern bin ich in einer solchen Verbrecher*innenbande denn nun besser aufgehoben, als in irgendeinem Büro? Aber schlechter scheint es mir auch nicht gerade zu sein.

Dennoch: Wenn es mir nicht gerade um bessere Karrierechancen geht, sondern um eine grundlegend andere Form des (Zusammen)lebens, scheint mir die moderne Räuber*innenbande keine besonders geeignete Alternative zu sein. Vermutlich waren Räuber*innenbanden das ohnehin nur selten. All die Mythen und Legenden, die diese Form des Verbrechertums romantisieren scheinen mir dazu gemacht, die Sehnsüchte der Menschen auf eine Art und Weise zu kanalisieren, wie dies etwa gesellschaftlich produzierte Bedürfnisse tun wie beispielsweise das nach Urlaub. Faul am Strand zu liegen, sich bedienen zu lassen, köstliche Erlesenheiten mit hohem Preis zu essen – aber auch andere Formen des Urlaubs wie Rucksacktourismus, u.v.m. –, das ist ein weitverbreitetes gesellschaftliches Ideal, das sich die meisten in privilegierten Ländern lebenden Menschen wenigstens einmal in ihrem Leben – wenn möglich aber sogar einmal oder zweimal im Jahr – erfüllen. Dabei nehmen sie es in der übrigen Zeit gerne auf sich, jeglicher Form des Müßiggangs abzuschwören und sich regelrecht kaputt zu arbeiten. Ganz ähnlich scheinen mir auch die romantischen Sehnsüchte nach Abenteuer, die sich in den diversen Legenden um Räuber*innenbanden ausdrücken, eine gesellschaftliche Produktion zu sein, die grundlegende Sehnsüchte der Menschen nach einem besseren Leben kanalisiert und dabei entradikalisiert und kontrollierbar macht: Störtebeker, Robin Hood, Bonnie und Clyde, all diese tragischen Held*innenfiguren, die von „den Reichen“ nehmen und angeblich „den Armen“ etwas von ihrem neu gewonnenen Reichtum abgeben, sind doch nichts grundlegend anderes als der Mythos des Aufstiegs „vom Tellerwäscher zum Millionär“: Sie verkehren zwar die Eigentumsverhältnisse, stellen diese jedoch nicht radikal in Frage. Vielmehr produzieren diese Mythen und Legenden die Sehnsucht danach – auf legalem wie illegalem Wege – für sich persönlich ein größeres Stück vom Kuchen abzubekommen.

Auch wenn ich zweifelsfrei die Mythen und Legenden, in denen wenigstens ein paar Bull*innen und andere Büttel des Staates auf einer rasanten Abkürzung zum persönlichen Reichtum niedergeschossen werden, sympathischer finde, als diejenigen Mythen, in denen das individuelle Genie und der Fleiß eines Menschen zusammen mit dem staatlichen Repressionsapparat diesen Reichtum bedingen, sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Mythen letztlich der gleichen Ideologie entspringen und damit jeglichem emanzipatorischen Charakter entbehren.

So bleiben für mich die einzig progressiven Verbrecher*innensozietäten diejenige Affinitäten, die sich in ewiger Feindschaft zum Bestehenden konstituieren und denen es nicht um eine kluge Abkürzung auf dem Weg zu persönlichem Reichtum geht.