Diskutieren will gelernt sein

Diskussionen sind in linksradikalen und anarchistischen Kontexten wichtiger Bestandteil der Meinungsbildung von Menschen. Doch mir fällt es inzwischen schwer mich auf Diskussionen einzulassen, denn immer wieder nimmt die Diskussion einen Verlauf, bei dem ich nur noch Lust habe, wegzulaufen und mich irgendwo zu verstecken. Aus welchem Grund ich immer wieder einen starken Fluchtreflex bekomme, möchte ich im Folgenden versuchen aufzudröseln. Dabei geht es mir im Folgenden um Verhaltensweisen von Mitdiskutierenden, die Interesse an der Diskussion haben und nicht eh der Meinung sind diese stören oder verhindern zu wollen, aus welchen Gründen auch immer.

Während ich anfangs beeindruckt und begeistert von der Diskussionsfreudigkeit vieler Menschen war, bin ich heute deutlich vorsichtiger geworden. Denn ich empfinde die meisten Diskussionen, die ich in linksradikalen Kontexten führe, als gewaltvoll. Viele Verhaltensweisen, die bei Diskussionen an den Tag gelegt werden, scheinen als Teil einer Diskussionskultur betrachtet zu werden, mit der ich mich aber nicht identifizieren kann. Rededominanz, Ablenken vom Thema, Unterstellungen, Gegenseitiges Nicht-Zuhören, persönliche Angriffe, fehlende Offenheit gegenüber den Meinungen anderer, eine irritierende Selbstsicherheit in bezug auf die einzig wahre Richtigkeit der eigenen Positionen, bei angekündigten Diskussionen innerhalb öffentlicher Veranstaltungen die mangelnde Bereitschaft sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sondern bereits mit einer unverrückbaren vorgefertigten Meinung zu kommen, von der andere ausschließlich überzeugt werden sollen. Quasi eine Mission zur Bekehrung der Ungläubigen.

Auch das verbale „Duell“ in diesem Kontext scheint sich bei vielen Leuten starker Beliebtheit zu erfreuen. Gearbeitet wird dabei mit allen rhetorischen Tricks – teilweise unbewusst, teilweise aber auch bewusst. Dabei strotzen viele nur so vor Selbstbewusstsein und sind sich ihrer Position vollkommen sicher. Oder tun zumindest so. Teilweise wird versucht Leute zu überzeugen. Teilweise aber auch manipulativ zu beeinflussen. Sie so zu beeindrucken, sodass sie so eingeschüchtert sind, weil sie den Eindruck haben zu dumm oder zu ungebildet sind, um gegen die geballte intellektuelle Autorität anderer zu argumentieren. Auch Menschen Diskussionen aufzuzwingen oder Diskussionen zu kapern, um über die Dinge zu reden, mit denen Mensch sich am besten profilieren kann, scheinen mir beliebte Strategien.

Ist das der Weg zu einer anderen Gesellschaftsform und zu einem cooleren Miteinander zu kommen? Ich bin mir sicher, dass viele diskussionsfreudige Menschen nicht absichtlich gewaltvoll handeln. Auch wenn einige mir durchaus auch schon freudig davon erzählt haben, dass sie Schopenhausers Tipps um „Recht zu behalten“ – z.B. „Den Gegner zum Zorn reizen: denn im Zorn ist er außer Stand, richtig zu urteilen und seinen Vorteil wahrzunehmen“, sehr gerne anwenden. Jedoch scheint es bei vielen wenig Bewusstsein darüber zu geben, dass mensch unterschiedliche Begriffe von Diskussionen haben kann und dass je nach dem, welche Ziele dabei verfolgt werden, unterschiedliche rhetorische „Methoden“ zum Einsatz kommen. Viele scheinen mir unter Diskussion zu verstehen, Recht behalten zu wollen und andere vom eigenen Gesagten zu überzeugen oder zumindest so zu argumentieren, dass mensch nicht am Ende als „Verlierer*in“ dasteht. Damit wird die Diskussion zu einem Wettkampf, in dem der Mensch, der rhetorisch am versiertesten ist, am Ende als Sieger*in hervorgeht. Das ist jedoch nicht die Art Diskussion, für die ich mich interessiere. Sie scheint mir dann auch Zwecken zu dienen, die nicht mit anarchistischen Prinzipien vereinbar sind, wie einem Konkurrenzdenken, einem Leistungsdenken und dem Prinzip, dass das Ziel die Mittel rechtfertige (der „Sieg“ in der Diskussion rechtfertigt miese rhetorische Mittel). Die Diskussion hingegen, an der ich mich gerne beteilige, ist die, in der Menschen aufrichtiges Interesse haben, gemeinsam über eine bestimmte Fragestellung nachzudenken, und ohne dabei einer Meinung zu sein, trotzdem in der Lage sind zu respektieren, dass andere Menschen eine andere Meinung zu einem Thema haben und die darum bemüht sind, dass alle Menschen Teil an der Diskussion haben, die also in der Lage sind sich zurückzunehmen, zuzuhören und auf das von anderen Gesagte einzugehen. Solche Diskussionen habe ich zum Glück auch schon geführt.