Der Keim der Herrschaft

CN: Mobbing, Diskriminierung, Entmenschlichung, Täter*innen-Opfer-Umkehr

Ich beziehe mich auf den Artikel „Bull*in = Mensch“ vom 24.05.2019 aus der Ausgabe Nummer 15, dem ich vollkommen zustimme. Ich möchte hier ergänzend auf zwei weitere Aspekte eingehen, die meiner Meinung nach ebenfalls bei der Haltung „Für mich sind Bull*innen keine Menschen“ mitschwingen und die in oben genanntem Artikel einmal nur sehr kurz und einmal nicht zur Sprache kamen.

Im Artikel wird angerissen, dass eine solche Aussage den*die Äußernde*n dieses Satzes moralisch über den*die Bull*in erhebt. „Wozu das führen kann? Nun, das haben die Deutschen vor ’45 ausgiebig erforscht, als sie diverse Personengruppen zunächst entmenschlichten und dann vernichteten.“ Diese sehr drastische Aussage scheint mir den Nagel auf den Kopf zu treffen, ich möchte mich dennoch noch etwas länger damit auseinandersetzen, wie diese moralische Erhebung funktioniert und welche Implikationen sie hat. Wenn eine Person eine solche Aussage trifft, grenzt sie sich von der kritisierten Person ab. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass diese Person für sich den Begriff „Mensch“ beansprucht und in diesem Kontext positiv meint. Wenn wir betrachten in welchem Zusammenhang Personen noch in „Mensch“ und „Un-Mensch“ eingeteilt wurden, so kommt einer*m natürlich Rassismus in den Sinn, Antisemitismus und beHindertenfeindliche Diskurse ebenso wie die Abwertung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Dabei standen und stehen bis heute die Sympathien nie auf der Seite derer, die nicht als „richtige Menschen“ und damit als „nicht normal“ betrachtet wurden und werden. In diesem Denkmuster zu verbleiben bedeutet, dieses zu reproduzieren. Es wird nicht besser, wenn die Gruppe, die mit solch einer Entmenschlichung bedacht wird, keine marginalisierte Minderheit und auf jeden Fall kritikwürdig ist. Als Person, die bereits damit konfrontiert war, dass Menschen sie nicht als Menschen wahrgenommen haben, ist es äußerst gruselig so einen Satz aus dem Mund einer wie mensch dachte reflektierten und gegen Diskriminierung kämpfenden Person zu hören. Denn das bedeutet, dass dieser Person nicht klar ist, was für eine repressive Geschichte und was für eine Macht so eine Idee hat und wie sehr sie das Leben einer Person zur Hölle machen kann. Dabei geht es besonders darum auf welcher Seite sich die*der Sprecher*in positioniert. Nämlich auf der Seite der „Menschen“, der „Guten“, der „Normalen“, nicht „irgendwelcher vereinzelter Spinner“ oder von „Freakos“ (letztere sind zwei Zitate, die ich in den letzten Wochen in linken Zusammenhängen gehört habe und die abwertend gemeint waren). Egal, wen ich durch eine solche Abgrenzung ausschließen will; ich stelle mich auf die Seite einer normierenden und sich als Norm betrachtenden Mehrheit, und über eine andere Person oder (von mir konstruierte) Personengruppe.

Das führt mich zu dem anderen Aspekt, der im Artikel „Bull*in = Mensch“ keine Erwähnung findet: das Phänomen der Täter*innen-Opfer-Umkehr. Nicht den Bull*innen gegenüber. Doch ich betreibe Täter*innen-Opfer-Umkehr, indem ich mich eines solchen Diskurses bediene, um Bull*innen zu deligitimieren. Irgendein Rapper (ich weiß nicht mehr welcher und es ist mir auch egal) meinte mal über Bull*innen sinngemäß (an den exakten Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern): „Ich weiß ja nicht wie man Bulle werden kann, wahrscheinlich ist er als Kind gemobbt worden…“ Und erst letztens hörte ich ebenfalls in linken Kontexten, wie eine Person über einen bestimmten Bullen meinte, dass „diesen bestimmt noch nie jemand mochte“ und „dass er bestimmt einer derjenigen gewesen sei, der immer in der Ecke gesessen hat und mit dem niemand reden wollte“. Als ich das hörte, war das wie ein Schlag in den Magen, denn ich war eines dieser Kinder gewesen. Wusstet ihr übrigens, dass Hitler nur Nazi-Diktator geworden ist und Arier so toll fand, weil er als Kind mal von blonden Jungs verhauen und ausgelacht wurde? So zumindest suggeriert es eine fiktive Kurzgeschichte über Hitlers Jugend. Wir Gemobbten, wir Ausgelachten, Marginalisierten, Entmenschlichten, wir sind laut diesem Diskurs die Täter*innen von morgen. Wer aber über die Kinder (und auch Erwachsenen) lacht, die damals wie heute in Ecken sitzen und ausgeschlossen werden, der wird wohl auch über diejenigen gelacht haben, die er*sie selbst in Ecken hat sitzen sehen. Wer sich als „Mensch“ betrachtet im Gegensatz zu „Freaks“, der war und ist der*die eigentliche Täter*in. Wenn es um die Verurteilung von Taten geht, die jemensch begangen hat, bei Bull*innen wie auch bei Nazis oder bei anderen, ist es sehr beliebt, sich von diesen Täter*innen zu distanzieren, indem sie als „anders“, „(psychisch) krank“ oder „gemobbt“ einkategorisiert werden, während mensch selbst ja „menschlich“ und „normal“ und „gesund“ sei. Dabei entlarven sich diese Menschen als Anhänger*innen desselben diskriminierenden Denkmusters, das Grundlage für die meisten so von sich gewiesenen Taten ist: dass nämlich die Ausgeschlossenen und Marginalisierten für egal welches Übel verantwortlich seien.

Täter*innen seien die, die mal Opfer waren. Gleichzeitig wird durch solch einen Diskurs die Verachtung gegenüber den Ausgeschlossenen perpetuiert. Die Ablehnung, die sie damals erfahren haben, ist immer noch genauso vorhanden. Letzten Endes hat sich an der Ausgrenzung derjenigen, „mit denen niemand reden wollte“, nichts geändert. Eigentlich müsste jede*r, der*die Diskriminierung als Unterdrückungsmuster erkannt hat, immer auf der Seite derjenigen stehen, „mit denen niemand reden will“. Natürlich kann, wer ausgegrenzt wurde, auch zur*zum Täter*in werden. Ebenso können Täter*innen auch zum Opfer werden, so können auch Bull*innen Opfer von Mobbing durch ihre eigenen Kolleg*innen oder Vorgesetzten werden. Gleichzeitig können sie durch Ausübung ihres Jobs zum*zur Täter*in werden. Das Eine hat aber mit dem Anderen nichts tun, das Eine bedingt nicht das Andere. Täter*innen und Opfer von Ausgrenzung und Unterdrückung machen sich nicht gegenseitig fertig, immer wechselnd in ihrer Rolle, während die „Anderen“, die „Unbeteiligten“, die „Menschen“, die „als Antifaschisten Geborenen“ sich ratlos am Kopf kratzen über dieses „unmenschliche“ Treiben.

Jede*r hat bis zu einem gewissen Grad die Wahl wie er*sie mit anderen Menschen umgeht, für welche Rolle in diesem System mensch sich entscheidet. Wer sich dafür entscheidet, die Herrschaft des Staates aufrechtzuerhalten, muss mit aller Macht bekämpft werden. Jedoch ist eine Person, die sich für Herrschaft entscheidet, in ihrem Wesen nicht anders als eine Person, die sich dafür entscheidet, Herrschaft immer und überall zu bekämpfen. Wer beginnt solch eine Unterscheidung – die in „Mensch“ und „Nichtmensch“ – zu treffen, trägt bereits bzw. immer noch den Keim von Herrschaft in sich. Denn solch eine Unterscheidung war schon immer wichtig, um die Ausübung von Herschaft zu begründen.