Skizze einer Medienkritik

Medien haben einen äußerst bedeutenden Einfluss auf die Meinungs- und Willensbildung von Menschen. Das ist wenig verwunderlich, immerhin bestimmen die Medien, die Menschen konsumieren meist nicht nur die Positionen in aktuellen Debatten, die Menschen zu hören bekommen, sondern sie bestimmen in aller Regel auch darüber, welche Nachrichten und Meldungen ihre Leser*innen zu sehen bekommen.

Dabei ist die von großen und weit verbreiteten Medien abgedeckte Vielfalt nicht gerade besonders groß: In der deutschen/deutschsprachigen Medienlandschaft beispielsweise liest mensch in den etablierten Medien fast ausschließlich Positionen aus der Mehrheitsgesellschaft. Herrschaftskritische Positionen oder auch nur Positionen marginalisierter Minderheiten werden durch diese Medien kaum bis gar nicht vermittelt; und wenn doch, dann meistens in entstellter Art und Weise.

Das ist nicht sonderlich verwunderlich, schließlich waren diverse Medien immer schon ein Instrument für Herrschende, ihre Untergebenen zu beherrschen. Sie waren und sind ein Instrument, um den gesellschaftlichen Diskurs zu bestimmen und zu steuern. In Diktaturen werden die Medien meist „gleichgeschaltet“, d.h. erscheinen dürfen nur noch die Medien, die die Macht der Herrschenden nicht hinterfragen und bereitwillig ihre Propaganda verbreiten. Aber auch in Demokratien, die zwar ein Hinterfragen einzelner Machthaber*innen großzügig erlauben, die (herrschaftskritische) Forderungen nach einer Abschaffung des Staates und der Demokratie jedoch mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgen, kann mensch von einer gewissen Normierung der Medien sprechen, wenngleich diese deutlich subtiler vonnstatten geht und sich oft eher in einer Selbstregulierung der Medienschaffenden äußert.

Aber Medien waren auch immer schon ein Mittel des Widerstands. Viele subversive Medien wurden und werden bis heute verboten, ihre Herausgeber*innen verfolgt, eingesperrt und getötet. Staaten und ihre Machthaber*innen fürchten sich bis heute vor dem Einfluss des gedruckten – oder heute auch des gesprochenen – Wortes.

Beinahe alle politischen Akteur*innen versuchen deshalb einen möglichst großen Einfluss auf möglichst viele Medien zu nehmen, indem sie Pressemitteilungen versenden, Anzeigen schalten, sich mit den Herausgeber*innen „vernetzen“, eigene reichweitenstarke Medien aufbauen, usw. Das Kalkül dabei: Wenn die eigenen Positionen durch die Medien eine große Verbreitung erfahren, gewinnen sie dadurch an Einfluss. Oder etwas weniger abwertend ausgedrückt: Nur wer mit seinen Positionen viele Menschen erreicht, kann auch viele Menschen überzeugen. Ob es in der Regel ums Überzeugen von Menschen geht, erscheint mir angesichts der verwendeten Rhetoriken allerdings fraglich.

Die Medien auf der anderen Seite entscheiden, welchen Positionen sie welchen Platz einräumen. Sie verändern, kommentieren und zensieren diese nach ihrem eigenen Geschmack, ja sogar einfache Nachrichten werden nicht selten mit erfundenen Details ausgeschmückt oder durch die bewusste Auslassung anderer Details ebenso verfremdet. Lügenpresse also? Naja, dann müsste es ja eine objektive Wahrheit geben. Trotzdem ist es gängig, sich auf dieses Spiel mit den Medien einzulassen, in der Hoffnung, dass am Ende doch so viel der eigenen Positionen diesen Prozess überdauert, dass diese noch immer einige der Leser*innen überzeugen können. Und das obwohl die Medien ihre eigene Geschichte erzählen.

Auch radikale Linke und Anarchist*innen versuchen zuweilen, ihre Positionen in etablierten Medien unterzubringen. Dazu schreiben sie Pressemeldungen, benennen Pressesprecher*innen, die sich dann mit Vertreter*innen der Medien treffen und Interviews geben oder sie veranstalten gar Pressekonferenzen. Dabei ist oft zu beobachten, dass die eigenen (radikalen) Positionen für die Presse entschärft werden, Unwahrheiten und Falschdarstellungen von Ereignissen in propagandistischer Absicht (bspw. um „unangemessene Polizeigewalt“ zu kritisieren) verbreitet werden, oder viel Zeit und Energie investiert wird, um Pressemitteilungen zu verfassen, von denen dann am Ende nur ein einzelner Satz, der zudem entstellt und aus dem Kontext gerissen ist, zitiert wird. Manches davon finde ich sehr problematisch, insbesondere all das, was propagandistisch ist, anderes halte ich für Zeitverschwendung und manchmal finde ich linke und anarchistische Pressearbeit auch gelungen und trotz entstellender Berichte einigermaßen erfolgsversprechend.

Und trotzdem fällt mir auf, dass von einigen Akteur*innen bedeutend mehr Zeit darauf verwendet wird, die eigenen Positionen in die etablierten Medien zu bringen, auch wenn diese dort immer nur entstellt abgedruckt werden, als darauf verwendet wird, die eigenen Positionen überhaupt auszuformulieren und Interessierten auf anderem Wege zugänglich zu machen, sei es auf einer Webseite, auf Flyern, in eigenen Publikationen oder den auch für soetwas zur Verfügung stehenden linksradikalen und anarchistischen Publikationen. Letztere stehen in vielen Fällen nicht einmal mit auf dem Presseverteiler, obwohl mensch dort in den meisten Fällen von einem unzensierten Abdruck ausgehen könnte. Warum?

Im Umkehrschluss bedeutet das schließlich auch eine Unterstützung etablierter Medien im Gegensatz zu linksradikalen und anarchistischen Medien. Und es zeugt von einem mangelnden Vertrauen in diejenigen Strukturen, die Anarchist*innen und radikale Linke parallel zu den gängigen gesellschaftlichen Strukturen aufbauen. Oder ist es einfach so, dass mensch nicht daran denkt, auch anarchistischen und radikal linken Medien zu schreiben, weil mensch glaubt, deren Leser*innen ohnehin bereits erreicht zu haben? Nun, wenn das so wäre, würde sich doch die Frage stellen, warum es diese Medien überhaupt gibt. Wenn mit diesen Medien tatsächlich ausschließlich Angehörige einer abgeschlossenen „Szene“ erreicht werden würden und sich innerhalb dieser „Szene“ – bzw. in diesem Fall finde ich die Bezeichnung Sekte passender – ohnehin alle einig wären, wozu dann überhaupt eigene Medien?

Ich bin nicht der Meinung, dass anarchistische und linksradikale Medien überflüssig sind. Ich bin der Meinung, dass in ihnen wichtige Debatten untereinander geführt und anderen Menschen anarchistische bzw. linksradikale Positionen zugleich nahe gebracht werden (können), ganz ohne die Zensur von etablierten Medien und auch ohne propagandistische Entstellungen. Ich bin der Meinung, dass wir als Anarchist*innen solche „eigenen“ Medien stärker nutzen sollten, insbesondere sollten wir ihnen Vorrang vor etablierten Medien einräumen, und ich bin der Meinung es sollte auch von anarchistischen Medien eine größere Vielfalt geben, aber gerade die scheint in München ja momentan zuzunehmen.