Bull*in = Mensch

Immer wieder höre ich über Bull*innen Sätze wie „Für mich sind das keine Menschen mehr“. Das stimmt mich jedes Mal aufs neue nachdenklich: Was bedeutet es, Bull*innen zu entmenschlichen? Was bedeutet das für uns? Was bedeutet das für die Bull*innen?

Nein, ich bin kein Hippie, kein*e Pazifist*in und kein*e Bull*innenfreund*in! Ich hasse Bull*innen abgrundtief und ich befürworte (fast) jede Form von Gewalt gegen Bull*innen, ich wünsche ausnahmslos jeder*jedem Bull*in, dass sie*er mal so richtig auf die Fresse bekommt und bei jeder Bull*innenkontrolle wünsche ich mir, ich könnte diese Aufgabe übernehmen. Aber ich kann es nicht, d.h. ich will es nicht, denn ich würde verlieren und die Aussicht, mehrere Jahre im Knast zu sitzen, nur für den Versuch, einem*einer Bull*in die Fresse einzuschlagen, reizt mich nicht besonders.

Das passt nicht zusammen? Ich finde schon.

Wenn ich einer*einem Bull*in das Recht – ja, das kann auch ein Privileg sein – zugestehe, kein Mensch zu sein, gestehe ich ihr*ihm automatisch auch zu, für die eigenen Handlungen keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Als Menschen, so zumindest die gängige gesellschaftliche Interpretation, sind wir für unsere Taten und Handlungen verantwortlich, gilt eine Person nicht mehr als menschlich, entbindet sie das gewissermaßen auch von der eigenen Verantwortung. Schon häufiger habe ich erlebt, dass diejenigen, für die Bull*innen keine Menschen sind, einem dieser Arschlöcher in Uniform vorschlagen, diese doch abzulegen, dann könne mensch sich gerne unterhalten. Schön wär’s für die Bull*innen: Zum Schichtbeginn schlüpfen sie in ihre Uniform und legen ihr Menschsein ab. In der Uniform üben sie dann ihre Macht aus, berauben andere Menschen ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit und manchmal gar ihres Lebens und nach Schichtende legen sie die Uniform ab, kehren zurück in ihr Menschsein, fahren nach Hause, treffen sich mit ihren Freund*innen und Familien und vergessen ihre Taten. So sind sie keiner*keinem Rechenschaft schuldig, nicht einmal sich selbst, denn sie befolgten ja „nur“ Befehle, taten das was nötig gewesen sei und hatten überhaupt nur gute Absichten. Wie die Deutschen nach ’45.

Nein, so dürfen wir Bull*innen nicht davon kommen lassen. Für mich ist das was Bull*innen tun nicht damit abgegolten, dass ein*e Bull*in mal eben kurz ihre*seine Uniform ablegt, ich laste diese Taten dem Menschen an. Und gerade weil Bull*innen Menschen sind, hasse ich sie für das was sie tun.

„Aber es gibt doch auch Menschen, die mit guten Absichten zu den Bull*innen gegangen sind.“ Mit Sicherheit, ich würde sogar sagen, dass die allermeisten Menschen, die Bull*innen geworden sind, das nicht taten, weil sie eigentlich lieber Verbrecher*innen geworden wären. Aber das ist ja das Problem. Die berühmten guten Absichten sind abhängig von gesellschaftlichen Moralvorstellungen, die in Gut und Böse zu unterscheiden gewohnt sind. Bull*innen gehören zu denjenigen, die sich in diesem Koordinatensystem selbst um jeden Preis auf der Seite des Guten verorten möchten. Damit jedoch erhalten sie dieses Koordinatensystem, das all diejenigen auf der anderen Seite abwertet und zu unterdrücken sucht, implizit aufrecht. Bei Bull*innen ist das sogar nicht nur eine Metapher, sie tun das buchstäblich: Indem sie Jagd auf alle Gesetzesbrecher*innen und diejenigen machen, die in dieser Gesellschaft scheinbar auch ohne jeden Gesetzesverstoß als vogelfrei gelten.

Aber auch diejenigen, die Bull*innen entmenschlichen schaffen ein solches Koordinatensystem, auch wenn sie Ursprung und Achsen je nach ihrem eigenen Standpunkt anders ausrichten würden. Eine Person oder eine Personengruppe zu entmenschlichen dient denjenigen, die diese Entmenschlichung vornehmen unter anderem dazu, sich selbst über diese Person oder Personengruppe zu erheben, sich selbst als Gut, den*die andere*n als Böse zu betrachten. Und schon bewegt mensch sich auf dem gleichen moralisierenden Niveau wie auch die Bull*innen und ihre Freund*innen, nur dass die Standpunkte vertauscht wurden. Wozu das führen kann? Nun, das haben die Deutschen vor ’45 ausgiebig erforscht, als sie diverse Personengruppen zunächst entmenschlichten und dann vernichteten. Ist das wirklich eine Perspektive, die mensch einnehmen möchte? Ich finde nicht.

In diesem Sinne möchte ich – wie im Titel dieses Artikels angedeutet – ebenso wie die lächerliche Pro-Bull*innen-Kampagne „Polizist = Mensch“ dafür plädieren, den „Mensch in der Uniform zu sehen“. Denn nur auf diesem Weg, wenn wir uns nicht moralisch über diejenigen erheben, die es vorzogen, Bull*innen zu werden, können wir unser eigenes Handeln beständig hinterfragen und auch in Zukunft verhindern, dass wir zu Bull*innen im Geiste werden.

Und ganz nebenbei: Nur wer den Menschen in einer*einem Bull*in sieht, kann ihr*ihm nach Hause folgen …