Louis Lingg: An das Gericht, 1886

Diese Woche jähren sich die Haymarket Riots von 1886 in Chicago. Anlässlich dessen haben wir das Letzte Wort des Anarchisten Louis Lingg, der infolgedessen zum Tode verurteilt wurde, ins Deutsche übersetzt. Uns erschien das jedenfalls passender, als von den 1. Mai Protesten in München zu berichten, die mit ihrem historischen Vorbild so gar nichts mehr zu tun haben. Aber vielleicht inspiriert Lingg ja die*den eine*n oder andere*n.

Gerichtshof! Mit der gleichen Ironie, mit der ihr meine Versuche, in diesem „freien Land von Amerika“ eine menschenwürdige Lebensgrundlage aufzubauen, betrachtet habt, gesteht ihr mir nun, da ihr mich zum Tode verurteilt habt, die Freiheit des letzten Wortes zu.

Ich nehme euer Zugeständnis an; aber nur, um die Ungertechtigkeiten, die Verleumdungen und die Gewalttätigkeiten, die mir angetan wurden zu enthüllen.

Ihr habt mich des Mordes angeklagt und mich verurteilt: Welche Beweise habt ihr vorgelegt, die meine Schuld bezeugen?

Zunächst habt ihr den Burschen Seliger dazu gebracht, gegen mich auszusagen. Ihm habe ich geholfen, Bomben herzustellen. Weiter habt ihr bewiesen, dass ich mit der Hilfe eines*r anderen, diese Bomben in die Nr. 58 der Clybourn Avenue gebracht habe. Was ihr aber nicht bewiesen habt – nicht einmal mit der Hilfe des von euch gekauften „Verräters“ Seliger, der so eine prominente Rolle in der Angelegenheit gespielt zu haben scheint – ist, dass irgendeine dieser Bomben zum Haymarket gebracht wurden.

Einige Chemiker*innen, die hier als Spezialist*innen vorgeladen wurden, konnten nur aussagen, dass das Metall, aus dem die Haymarket-Bombe gemacht war, eine gewisse Ähnlichkeit zu meinen Bomben aufwies, und euer Mr. Ingham hat sich völlig vergeblich bemüht, zu leugnen, dass die Bomben völlig verschieden waren. Er musste zugeben, dass es einen Unterschied von einem ganzen Zoll hinsichtlich des Durchmessers gab, auch wenn er die Tatsache verschwieg, dass es außerdem einen Unterschied von einem Viertelzoll hinsichtlich der Dicke der Hülle gab. Das ist die Art von Beweis, auf dessen Basis ihr mich verurteilt habt.

Allerdings habt ihr mich nicht wegen Mordes verurteilt. Der Richter hat das heute morgen kurz in seinem Resümee des Falls betont und Grinnell hat wiederholt behauptet, dass wir nicht wegen Mordes vor Gericht stünden, sondern wegen Anarchismus, also ist mein Verbrechen, dass ich ein Anarchist bin!

Was ist Anarchismus? Das ist ein Thema, das meine Genossen bereits mit hinreichender Deutlichkeit erläutert haben und es erscheint mir unnötig, dass ich darauf noch einmal eingehe. Sie haben euch deutlich genug erklärt, was unsere Ziele sind. Der Staatsanwalt hat euch das jedenfalls nicht erklärt. Er hat nicht unsere Ideale des Anarchismus, sondern lediglich unsere Methoden, mit denen wir diese praktisch umsetzen wollen, kritisiert und verurteilt, und selbst hier konnte er nur verlegen schweigen, angesichts der Tatsache, dass uns diese Methoden durch die Brutalität der Polizei aufgezwungen wurden. Grinnells eigener Lösungsvorschlag für unsere Missstände ist die Wahl in Kombination mit Gewerkschaften und Ingham hat sogar seinen Wunsch nach einer Sechs-Stunden-Bewegung geäußert! Aber Tatsache ist, dass jeder Versuch, von unserem Wahlrecht Gebrauch zu machen, in dem Bestreben, die Bestrebungen der Arbeiter*innen zu vereinen, mit der brutalen Gewalt der Polizeiknüppel beantwortet wurde, und das ist der Grund, warum ich rohe Gewalt zur Verteidigung gegen die noch rohere Gewalt der Polizei empfahl.

Ich habt mich beschuldigt, „Recht und Ordnung“ zu verachten. Worauf läuft euer „Recht und Ordnung“ hinaus? Seine Repräsentant*innen sind die Polizist*innen und die haben Diebe in ihren Reihen. Hier sitzt Captain Schaack. Er selbst hat mir gegenüber zugegeben, dass mein Hut und meine Bücher aus seinem Büro gestohlen wurden, gestohlen von Polizist*innen. Das sind die Verteidiger*innen eurer Eigentumsrechte! Die Kommissare, die mich verhaftet haben, haben sich den Zugang zu meinem Zimmer wie Einbrecher*innen erschlichen, indem sie vorgaben ein Schreiner namens Lorenz aus der Burlington Street zu sein. Sie haben geschworen, dass ich alleine in meinem Zimmer war und begingen damit Meineid. Ich habt diese Frau, die anwesend war, Mrs. Klein, nicht vorgeladen. Sie hätte das gerade gesagte bezeugen können, dass die Kommissare unter falschen Angaben in mein Zimmer eingebrochen sind und ihre Zeugenaussagen erlogen sind.

Aber lasst uns noch einen Schritt weiter gehen. Mit Schaack haben wir einen Polizeihauptmann, der selbst ebenfalls Meineid begangen hat. Er hat geschworen, dass ich ihm gegenüber eingeräumt hätte, dass ich bei der Versammlung in der Montagnacht anwesend war, obwohl ich ihn zweifelsfall davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass ich bei einem Zimmerertreffen in der Zepf’s Hall war. Er hat geschworen, dass ich ihm erzählt hatte, dass ich aus Herrn Mosts Buch gelernt habe, wie man Bomben baut. Das ist ebenfalls ein Meineid.

Lasst uns noch einen Schritt weiter nach oben in der Hierarchie dieser Repräsentanten von „Recht und Ordnung“ gehen. Grinnell und seine Angestellten haben Meineid begangen, und ich behaupte, dass sie es wissentlich getan haben. Der Beweis wurde von meinem Anwalt herangezogen und ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, dass Grinnell Gilmer acht Tage, bevor er in den Zeugenstand gerufen wurde, die Personen zeigte, gegen die er aussagen sollte.

Während ich, wie ich bereits sagte, an Gewalt glaube, zum Zwecke der Erreichung von Lebensumständen, die menschenwürdig sind für mich und meine Gefährt*innen unter den Arberiter*innen glaube, hat Grinnell auf der anderen Seite seine Polizisten und andere Schurken dazu angestiftet, Meineid zu begehen, um sieben Männer, darunter auch ich, zu ermorden. Grinnell besaß den erbärmlichen Mut, mich hier im Gerichtssaal, wo ich mich nicht selbst wehren konnte, einen Feigling zu nennen! Dieser Wicht! Ein Bursche, der sich mit einem Haufen niederträchtiger Tagelöhner verbündet hat, um mich an den Galgen zu bringen. Warum? Für nichts als verachtenswerte Selbstsüchtigkeit – dem Wunsch „reich und berühmt“ zu werden, fürwahr.

Dieser Schuft, der mittels des Meineides anderer Schuften sieben Männer ermorden wird – ist der Kerl, der mich einen „Feigling“ nennt! Und ihr legt mir zulast, dass ich solche „Verteidiger des Gesetzes“, solche unsäglichen Heuchler verachte!

Anarchismus bedeutet, dass kein Mensch über einen anderen Menschen herrscht oder bestimmt, und ihr nennt das eine „Störung“. Ein System, das keine solche „Ordnung“ befürwortet, zu deren Durchsetzung es der Dienste von Schurken und Dieben bedarf, bezeichnet ihr als „Störung“.

Der Richter selbst musste zugeben, dass der Staatsanwalt nicht in der Lage gewesen war, mich in Verbindung mit dem Bombenanschlag zu bringen. Natürlich weiß letzterer, wie er das umgehen kann. Er beschuldigt mich, ein „Mitverschwörer“ zu sein. Wie beweist er das? Ganz einfach: Er erklärt die International Working People’s Association [(eine damalige anarchistische Organisation ähnlich der Internationale)] zu einer „Verschwörung“. Ich war Mitglied dieser Organisation, also kann er mir diesen Vorwurf sicher anhängen. Wunderbar! Keine Aufgabe ist zu schwer für das Genie eines Staatsanwalts!

Es fällt mir schwer, die Beziehung, die ich zu meinen Gefährten in diesem Unglück habe, in Worte zu fassen. Ich kann offen und ehrlich behaupten, dass ich mit meinen Mitgefangenen nicht so vertraut bin, wie mit Captain Schaack.

Das allgemeine Elend, die Verwüstungen der kapitalistischen Hyäne haben uns in unserer Agitation zusammengebracht, nicht als Menschen, sondern als Köämpfer für die gleiche Sache. Von dieser Art ist die „Verschwörung“, derer ihr mich verurteilt habt.

Ich protestiere gegen diese Verurteilung, gegen die Entscheidung des Gerichts. Ich erkenne euer Gesetz nicht an, durcheinandergewürfelt, als wäre es von den Niemanden vergangener Jahrhunderte, und ich erkenne die Entscheidung des Gerichts nicht an. Mein eigener Anwalt hat durch die Urteile gleichrangiger Gerichte schließlich bewiesen, dass uns ein neues Verfahren gewährt werden muss. Die Staatswanwaltschaft zitierte dreimal so viele Entscheidungen von möglicherweise höheren Gerichten, um das Gegenteil zu beweisen, und ich bin überzeugt davon, dass wenn diese Urteile von 21 Instanzen bestätigt werden würden, sie 100 zum Beweis des Gegenteils heranziehen würden, wenn es darum geht, Anarchist*innen vor Gericht zu bringen. Und nicht einmal unter einer solchen Gesetzgebung, einer Gesetzgebung die jeder Schuljunge verachten muss, nicht einmal mit solchen Methoden war es ihnen möglich, uns „legal“ zu verurteilen.

Sie haben zum Meineid angestiftet, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Ich sage euch offen und Ehrlich: Ich bin für Gewalt. Ich habe es bereits zu Captain Schaack gesagt, „wenn sie Schusswaffen gegen uns einsetzen, werden wir Dynamit gegen sie einsetzen.“ Ich wiederhole, dass ich ein Feind der heutigen „Ordnung“ bin, und ich wiederhole, dass ich mich mit all meiner Macht, solange ich atme, verteidigen werde. Ich erkläre erneut, ehrlich und offen, dass ich für den Einsatz von Gewalt bin. Ich habe Captain Schaack gesagt, und dabei bleibe ich, „Wenn ihr auf uns schießt, sprengen wir euch in die Luft“. Ihr lacht! Vielleicht denkt ihr „du wirst keine weitern Bomben werfen“, aber lasst mich euch versichern, dass ich unbeschwert am Galgen hängen werde, so sicher bin ich mir, dass sich die hunderten und tausenden, zu denen ich gesprochen habe, an meine Worte erinnern werden. Und wenn ihr uns hängen solltet, dann werden sie – erinnert euch an meine Worte – Bomben werfen! In dieser Hoffnung sage ich euch: Ich verachte euch. Ich verachte eure Ordnung, eure Gesetze, eure gewaltgestützte Herrschaft. Hängt mich dafür!

Übersetzung des englischen Originals „Address to the Court“ von Louis Lingg.