Keine Gewalt ist auch keine Lösung

Es scheint eine nie enden wollende Debatte zu sein: Die Frage nach der Legitimation von Gewalt. Das charakteristische an dieser Debatte: Einen Begriff von Gewalt, scheint kaum eine*r, die*der so eifrig an der Debatte teilnimmt zu haben. Insbesondere diejenigen, die Gewaltfreiheit von emanzipatorischen Bewegungen einfordern zu dürfen glauben, schweigen so oft von der Gewalt, in deren Folge diese Bewegungen überhaupt entstehen, ja erkennen diese in so vielen Fällen nicht einmal als Gewalt an.

Der folgende Artikel versteht sich als eine Antwort auf derartige Positionen. Er soll gerade keine differenzierte, moralische Betrachtung der Gewaltfrage leisten, sondern ist vielmehr ein Plädoyer dafür, die verstaubten und herrschaftsaffirmativen Moralkataloge unserer Gesellschaft endgültig über Bord zu werden. Ich möchte damit Gewalt nicht verherrlichen oder fetischisieren, sondern vielmehr darauf aufmerksam machen, dass wir in einer Welt voller Gewalt leben, in der wir ständig freiwillig und unfreiwillig gewaltsam handeln und behandelt werden. Erst die Akzeptanz dieser Tatsache jenseits einer moralischen Bewertung ermöglicht uns eine Reflexion über diese Zustände.

„Gewalt ist keine Lösung“, dieses Dogma bekommen wir seit unserer Kindheit von Erltern, Lehrer*innen, von Medien, von Repressionsbehörden, usw. eingetrichtert. Als Gewalt gilt dabei nicht nur körperliche Gewalt gegen Individuen, sondern auch „Gewalt gegen Sachen“. In aller Regel nicht als Gewalt – oder zumindest nur eingeschränkt – gilt dagegen psychische und verbale Gewalt, die Gewalt der Lohnarbeit oder gar die Gewalt des Staates zur Durchsetzung seiner Interessen. Um diese zum Teil so offensichtliche Gewalt zu kaschieren, hat unsere Gesellschaft eine beeindruckende Reihe von Euphemismen geschaffen: „Unmittelbarer Zwang“ steht etwa dafür, dass Bullen einem ins Gesicht schlagen oder Schmerzgriffe anwenden, um dich zu zwingen, zu tun was sie von dir wollen, „Rückführung“ steht dafür, dass eine Horde bewaffneter Bull*innen in deine Unterkunft eindringt, dich gegen deinen Willen entführt und in ein anderes Land verschleppt, „Untersuchungshaft“ steht dafür, dass Bull*innen dich einsperren, jeden Kontakt zur Außenwelt überwachen, weil sie der Ansicht sind, du könntest gegen das Gesetz verstoßen haben. Ist es dennoch einmal unvermeidlich, bei den Schikanen des Staates von Gewalt zu sprechen, heißt es lapidar, der Staat hätte eben ein „Gewaltmonopol“, er dürfe das also und das Ganze diene dem guten Zweck.

Ebenfalls vom gängigen Gewaltbegriff der Gesellschaft nicht erfasst sind die zahlreichen Diskriminierungen, die Menschen in Form von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Klassismus, Homo- und Transfeindlichkeit, u.v.m. erleiden. Diese Diskriminierungen haben zum Teil immensen Einfluss auf das Leben Betroffener; sie verhindern die selbstbestimmte Entfaltung betroffener Individuen. Trotzdem gelten sie nicht als Gewalt.

Wer sich jedoch mit Gewalt diesen Diskriminierungen, der Gewalt des Staates, der Gewalt der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse widersetzt, der*die muss mit moralischen Anfeindungen, Kriminalisierung und Repression rechnen. Die Kritik an einer solchen Gewalt stammt dabei vor allem von einem Kreis privilegierter Menschen, die über die Anwendung von Gewalt selbstverständlich erhaben sind. Wozu sollten sie auch Gewalt – nach ihrem Begriffsverständnis – anwenden? Ihre Interessen werden durch den Staat geschützt, Diskriminierungen erfahren sie keine und mit ihrem Leben sind sie mehr oder weniger zufrieden – zumindest reden sie sich das gerne selbst ein. Wer Gewalt anwendet, delegitimiert sich in ihren Augen. Schön für sie.

Aber allzu häufig übernehmen auch wir anderen diese Argumentationsweise. Wir richten uns dabei nach Moralkatalogen, aufgestellt von Religionen, Philosoph*innen, Politiker*innen. Kurz: Von denjenigen, oder im Auftrag für diejenigen, die mit am meisten von diesen Moralvorstellungen profitieren. Dabei neigen auch wir dazu, die Gewalt, die wir täglich selbst erfahren oder beobachten müssen, in unserer Betrachtungsweise außen vor zu lassen, denn ansonsten müssten wir auch unsere Moralvorstellungen über Bord werfen.

Befreien wir uns also von dem Dogma der Gewaltfreiheit und richten wir unser Handeln stattdessen nach unseren eigenen Ansprüchen: Nach dem Anspruch auf ein Leben frei von Herrschaft.

Gewalt kann sowohl Herrschaftsverhältnisse schaffen, als auch zerschlagen. Ich für meinen Teil kann an der Zerschlagung von Herrschaftsverhältnissen und der damit einhergehenden Befreiung von Menschen nichts negatives finden.