Anarchismus – aber in teilzeit bitte!

Wer sich dafür entschieden hat Anarchismus gut zu finden und Anarchismus leben zu wollen, steht vor einer ziemlich großen Aufgabe. Denn der Anarchismus stellt eines der grundsätzlichsten Dinge, die aktuell das Fundament unserer Gesellschaft (und auch der meisten anderen Gesellschaften) bilden, infrage: Herrschaft und alle damit verbundenen Konzepte: Staat, Chefs, Macht von Eltern über ihre Kinder, Polizei, Justiz, Befehle, allgemein Hierarchien und autoritäres Verhalten.

Bis wir mal mit dem Konzept des Anarchismus in Berührung gekommen sind, haben wir bereits eine Riesendosis Herrschaft abbekommen und auch verinnerlicht. Insbesondere während der Kindheit die Herrschaft der eigenen Eltern oder von sonstigen Bezugspersonen und natürlich die Schule und die Lohnarbeit. Wenn wir uns nun vom Anarchismus haben überzeugen und begeistern lassen, dann stehen wir erst einmal vor einem großen Scherbenhaufen und wir stehen vor der großen Frage: aber was dann? Wie funktioniert eine Gesellschaft ohne Herrschaft? Wir haben keine Ahnung, schließlich kennen wir nichts anderes. Also stürzen wir uns evtl. in Literatur, besuchen Vorträge und insbesondere reden wir mit anderen. Doch auch wenn wir dann das Gefühl haben, alle Probleme in der Theorie so ganz abstrakt gelöst zu haben, stehen wir vor der großen Aufgabe, diese Theorie in die Praxis umzusetzen. Und das ist leichter gesagt als getan. Denn eine Ablehnung von Herrschaft muss auch eine Arbeit an sich selbst beinhalten. Ob im Umgang mit Kindern, im Haushalt mit den Mitbewohner*innen, sogar mit Freund*innen. Wer hat sich nicht auch mal autoritär durchgesetzt bei irgendetwas, das mensch halt so wollte. Punkt. Aus. Basta.

Abgesehen von der Arbeit an sich selbst, das Verändern eigener Verhaltensweisen und das Finden neuer Umgangsformen mit anderen Menschen, steht mensch noch vor einem ganz anderen Problem: nämlich dem, in einer Gesellschaft zu leben, die autoritär organisiert ist. Und da sie ja autoritär organisiert ist, lässt sie mensch auch nicht einfach in Ruhe, sondern im Zweifelsfall erzwingt sie auch gerne ein erwünschtes Verhalten. Teil dessen Anarchismus leben zu wollen ist also auch sich einen Umgang mit autoritären Institutionen zu überlegen; insbesondere da der brennende Wunsch da ist sie zerschlagen zu sehen, jedoch es diesen autoritären Institutionen inhärent ist, dass sie sich selbst erhalten und sich nicht einfach abschaffen lassen, im Zweifel also dir gegenüber (unmittelbareren) Zwang als üblich anwenden, wenn du ihnen gegenüber aufmüpfig wirst.

Manchmal handelt es sich aber auch um ein Zwischending von Selbstreflexion und Zwang von außen. So scheint es mir, dass es doch vielen sehr schwer fällt, sich so ganz vom Staat und seinen Zwangsmitteln zu verabschieden. Insbesondere dann, wenn die Justiz, die Gesetzgebung, die Polizei Dinge zugunsten einer Person verändert, ist eine positive Bezugnahme – und mehr als das – auch Inanspruchnahme nicht selten. Dabei geht es mir nicht darum, wenn Leute sich dazu entscheiden Hartz IV zu beziehen oder Sozialversicherungen abschließen. Es geht mir nicht darum sich die Dinge vom Staat zu nehmen, die einem ein besseres Leben ermöglichen, solange der Staat nicht dazu bereit ist seinen Anspruch auf alle Personen, die er als Staatsbürger*innen definiert hat, aufzugeben. Jedoch ist es äußerst irritierend, wenn Menschen Zwangsmittel des Staates auf einmal gutheißen und sogar selbst nutzen. Eine Ausnahme will ich gelten lassen: wenn Zwangsmittel des Staates gegen den Staat selbst verwendet werden, finde ich das zwar sicher nicht die ultimative Lösung – nein, es ist sicher gar keine Lösung! –, kann mensch aber schon mal machen, zum Beispiel, wenn mensch den Staat mal auf Schadensersatz verklagt und das kann teilweise auch ganz lustig sein oder um dadurch zu verhindern, mehr Repression als nötig abzukriegen. Eine andere Person zu verklagen oder anzuzeigen, finde ich hingegen ganz und gar nicht ok. Ebenso sich darüber zu ärgern, dass die Justiz rechtsradikale Personen nicht härter verurteilt oder ein Gesetz zu fordern, dass das oder das durchsetzt oder verbietet.

Ich bin durchaus der Ansicht, dass mensch sich auch mal dafür einsetzen kann die Lebenssituationen von Personen im Hier und Jetzt, in dieser Gesellschaft, zu verbessern. Ich finde nicht, dass alle Leute möglichst viel leiden müssen, damit es endlich zur ersehnten Revolution kommt. Das halte ich für gefährlich, grausam und für Quatsch. Deshalb kann ich auch mal ein Antidiskriminierungsgesetz nicht für ganz so problematisch wie ein verschärftes Polizeiaufgabengesetz halten und würde die Asylgesetzgebung massiv gelockert – nicht dass das auch nur in Nähe des Denkbaren liegt –, wäre ich sicher froh darum. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich meine kritische Distanz zu und meine Ablehnung von Gesetzen und der Gerichtsbarkeit, von Polizei und vom Staat aufgebe. Jede positive Bezugnahme auf den sogenannten „Rechtsstaat“ steht aber im absoluten Widerspruch zu anarchistischen Prinzipien. Wer den „Rechtsstaat“ immer nur dann ablehnt, wenn dieser etwas tut, das mensch nicht passt – wie eine*n selbst zu verurteilen oder auf einer Demo zu verprügeln –, aber schimpft, wenn dieser auf der Nazi-Demo niemanden verprügelt oder ins Gefängnis steckt, der*die hat wohl Anarchismus noch nicht so richtig zu Ende gedacht.

Natürlich ist das ein langer Erkenntnisprozess. Das Vertrauen auf Herrschaft, das Vertrauen auf den Staat sitzen tief. Es ist einfacher in den freudigen Chor mit einzusteigen, wenn die Nachricht kommt, dass Beate Zschäpe lebenslänglich verurteilt wurde als die eigene Ablehnung von Gefängnissen auch im Hinblick auf sie in diesem Moment zu äußern. Denn mensch wird auf massiven Widerstand stoßen. Doch mir scheint das nicht nur zu passieren, weil Leute Angst vor der Reaktion der anderen haben. Nein, gerade im Hinblick auf Rechtsradikale scheint dann doch jedes autoritäre Mittel Recht zu sein. Manchmal reicht es aber auch, dass jemand eine*n beim Kauf von etwas verarscht hat. Oder dass wer falsch geparkt hat. Jedoch nur in Teilzeit Anarchist*in zu sein, bedeutet sich darüber profilieren zu können, wann immer es einer*m nützt. Und sich ansonsten Papa Staat an die breite Brust zu werfen. Das hat aber nichts mehr mit Anarchismus zu tun.