Ich habe einen Spalthammer und ich werde ihn benutzen!

Ein mechanischer Prozess wird in der (radikalen) Linken von vielen sehr ungern gesehen: die Spaltung. Dahinter steht der Gedanke, dass eine starke, einheitliche Linke sich nach außen präsentieren müsse, um gesellschaftliches Gewicht zu haben. Doch was ist diese „Linke“ überhaupt? In welchen Einheitsbrei wird mensch da hineingezogen? Und ist eine Linke, die einheitlich an einem Strang zieht, nicht ein höchst gruseliges Konzept, in dem Individuen sich einer einheitlichen Idee unterordnen müssen, um durch das Diktat der Vielen gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen? Ein höchst demokratisches Konzept. Und damit eines, das ich als Anarchistin entschieden ablehne.

Als Anarchistin ordne ich mich durchaus der radikalen Linken zu. Jedoch frage ich mich manchmal warum. Denn wenn ich sehe, wer sich alles unter diesem Label versammelt, hat das mit meinen Positionen überhaupt nichts zu tun. Entscheidende Basis meiner politischen Einstellung ist die Ablehnung jeglicher Form von Herrschaft. Andere, die sich im Dunstkreis der radikalen Linken bewegen und sich als eine solche verstehen, erstreben eine Diktatur des Proletariats und haben die gesammelten Werke vom sowjetischen Diktator Stalin und vom nordkoreanischen Diktator Kim Il-Sung in ihrem Bücherregal stehen, verlangen von ihren Mitgliedern eine „proletarische Herkunft“ oder zumindest eine „proletarische Gesinnung“ und sind ganz offenbar der Meinung, dass einige Menschen (nämlich „Proletarier*innen“ – wer auch immer das sein soll) gleicher seien als andere. Der Verlauf der chinesische Kulturrevolution wird allerhöchstens mal als „widersprüchlich“ bezeichnet, die DDR wird verklärt und Herrschaft als Mittel zum Zweck betrachtet. Diese Menschen hängen Ideologien bzw. Ideolog*innen an, die noch nie gezögert haben, Anarchist*innen dann, wenn sie sich ihren Herrschaftsfantasien widersetzten, zu verraten, zu verfolgen, aus dem Weg zu räumen. Sie scheuen sich auch nicht offen zu äußern, dass sie Anarchist*innen „nach der Revolution“ an die Wand stellen wollen. Die Rede ist von auoritären Kommunist*innen (im Gegensatz zu libertären und anti-autoritären Kommunist*innen) und mit diesen habe ich einfach nichts gemein und je größer mein Spalthammer ist, um diese Menschen auf Distanz zu halten und auch um sie an der Verbreitung ihrer Propaganda zu hindern, desto besser. Ich bin nicht Teil derselben Bewegung wie sie. Anarchismus und autoritärer Kommunismus sind nicht miteinander in Einklang zu bringen. Spätestens als Marx Bakunin aus der Internationalen mobbte, weil er keine Kritik an seinen autoritären Einstellungen hören wollte, gingen Anarchismus und autoritärer Kommunismus getrennte Wege.

Wer heute noch – nach der Sowjetunion, nach Nordkorea, der DDR oder China und Milliarden von Toten – den Ideen Lenins, Stalins oder Kim Il-Sungs oder allgemein der Idee einer „Befreiung“ der Menschheit durch eine Diktatur nachhängt, der*die ist mir (fast) genauso suspekt wie Faschist*innen. Dass jedoch eine Distanzierung zu solchen Gruppierungen nicht Konsens in der „radikalen Linken“ ist, sondern diese sogar als Teil desselben politischen Dunstkreises verstanden werden und Kritik an ihnen als „interne Streitereien“ betrachtet werden, die es „unter sich“ zu klären gilt und nicht nach außen getragen werden dürfen, ist schockierend – mensch erinnere sich an diese denkwürdige 8. Mai-Demo 2017, als Menschen dafür kritisiert wurden, dass sie sich öffentlich gegen die offizielle (!) Bündnispartnerin SDAJ (Sozialisitische deutsche Arbeiterjugend) gestellt hatten und ihnen „Spaltung der Linken“ vorgeworfen wurde. Bitte, ich wünsche mir mehr solcher Spaltungen! Ich wünsche mir eine kritische Haltung zu dem Denken, dass nach außen das Bild einer geschlossenen (Arbeiter-) Einheitsfront aufrechterhalten werden soll. Besonders aber wünsche ich mir eine kritische Distanz gegenüber autoritären Gruppierungen – egal ob von rechts oder von links – und zwar nicht nur bei der üblichen Plenumslästerei über andere Gruppen oder privat für sich, sondern auch in der politischen Arbeit. Offenbar finden viele, die in autonome(re)n, also nicht den klassischen kommunistischen Gruppen organisiert sind, die häufig zumindest bis zu einem gewissen Grad antiautoritäre Haltungen vertreten, die politischen Haltungen von Autoritärkommunist*innen nicht so schlimm oder teilen sie sogar teilweise. Natürlich ist es jeder*m selbst überlassen zu entscheiden, mit wem eine Zusammenarbeit noch ok ist und mit wem nicht. Manchmal kann ich die Gründe auch nachvollziehen, warum sich Menschen mit solchen Gruppen in ein Bündnis setzen. Jedoch geht es hier um mehr, nämlich um die Konstruktion einer kollektiven linken „Familie“, zu der Autoritärkommunist*innen wie Anarchist*innen gehören sollen. Diese sollen dann gefälligst ihren Zwist unter sich klären und ansonsten Schulter an Schulter geschlossen heroisch gegen Faschismus, gegen Kapitalismus etc. marschieren. Welche Horrorvorstellung! Ohne mich!