Feierabendterrorismus

Zu streiken ist immer netter als arbeiten zu gehen und sei es nur für einen Tag. Sich einen Stuhl zu nehmen und sich damit ab 5 vor 12 für den Rest des Tages nach draußen zu setzen, wie das Mobivideo für den „Frauenstreik“ am achten März aufruft, klingt ganz sympathisch, zumindest solange es nicht regnet und wenn mensch keine Kinder hat, die bis dahin schon ein Frühstück gerichtet und ein Pausenbrot geschmiert bekommen haben und zur Schule gebracht wurden, um dann, sobald das Kind abgesetzt wurde, noch halbtags in ein Büro zu hetzen, bis mittags das Kind wieder Vorrang hat. Zum Glück sind immerhin in Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg Schulferien, d. h. zumindest viele Elternteile haben wahrscheinlich eh Urlaub und zusätzlich ist ja auch noch Freitag und für einige Lohnarbeitende – egal ob sie Kinder haben oder nicht – wie auch für Schüler*innen ist der Freitag nachmittag eh frei oder lässt sich auch mal freischaufeln. Ein schöner Streik mit erfreulich wenig Potenzial, auch nur irgendjemandem Stress zu machen. Genau wie geplant, denn „tatsächlich führen die Frauen weder einen Staatsstreich im Schilde, noch beabsichtigen sie, unbefristet zu streiken, solange bis allerorten gleiche Rechte gelten“, versichern die Organisator*innen auf ihrer Webseite.

Aber warum nicht? Genug Grund dazu gäbe es ja und was ist verkehrt daran, die eigene Rolle im aktuell HERRschenden System zu verweigern, bis wir endlich auf eine HERRschaftsfreie Art und Weise zusammenleben? So schreit das anarchistische Herz auf, um sodann „Sabotage!“ zu rufen, wenn es irgendwo den Aufruf zum Streik vernimmt. Das Mittel der Wahl zahlreicher Anarchist*innen in ihrem Befreiungskampf. Streik ist zwar durchaus auch schön und gut, doch gerade durch das berechtigte Misstrauen gegenüber „(proletarischen) Massen“ sozialistischer Befreiungsfantasien, vertraut der*die Anarchist*in lieber auf die (spontanen) Befreiungsakte einzelner Individuen und kleiner Gruppen. Ach, jedoch… wie sieht Sabotage in anarchafeministischen Bereichen aus? Die eigene Küche kaputtschlagen? Ins gemeinsame Bett kacken? Das eigene Auto anzünden (wenn mensch denn überhaupt eins hat)? Die Scheiben im Pflegeheim einwerfen? Grundsätzlich ist ein Weg von Anarchist*innen, die HERRschaft ausübenden Institutionen anzugreifen. Wo jedoch sind diese? Einige lassen sich ausmachen. Die Kirche, das Standesamt, der Bundestag, das Bundesamt für Arbeit, das Bundesverfassungsgericht. Wie jedoch da auch gerade den feministischen Standpunkt klar machen? Denn alle genannten Institutionen sind auch so Angriffspunkt anarchistischer Interventionen. Doch der gute alte orthodox-marxistische „Nebenwiderspruch“ der sogenannten „Frauenfrage“ löst sich ebenso wenig in der Abschaffung des Kapitalismus auf wie auch in der Abschaffung des Staates und seiner Institutionen. Sexistische und patriarchale HERRschaftsstrukturen müssen explizit bekämpft und zerschlagen werden. Nur wie? Denn diese HERRschaftsstrukturen strukturieren auch die intimsten Verhältnisse von Menschen zueinander. Sie äußern sich teilweise äußerst subtil, denn es geht dabei auch darum, wem was zugetraut wird, wem zugehört wird, wer ernstgenommen wird, wem welche Aufgaben automatisch übertragen werden oder wer diese auch automatisch übernimmt. Häufig sind diese HERRschaftsverhältnisse den Menschen nicht einmal bewusst. Und jede*r kann sie ausüben, auch wenn nicht jedem gegenüber.

Ein Streik – zumindest wenn er mehr als ein paar Stunden dauert – kann gewisse Automatismen aufdecken und Gewissheiten erschüttern. Die Problematik bleibt, dass eine traditionell weibliche Aufgabe die Care-Arbeit ist, sich also zu kümmern, und zwar um diejenigen, die nicht mehr in der Lage sind mit ihren eigenen Gefühlen wie mit denen anderer umzugehen, als auch insbesondere um diejenigen, die auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen sind. Hier zu streiken bedeutet, die von Care-Arbeit abhängigen Menschen alleine zu lassen. Die Druckmittel eines solchen Streiks würden also darin bestehen, dass diese Menschen leiden müssen. Durch die Organisation kollektiver Betreuungsangebote während des Streiks versuchen Initiativen wie die „Frauen*streik“-Menschen eine Vernachlässigung von von Care-Arbeit abhängigen Menschen zu verhindern. Jedoch nehmen sie ihrem Streik dadurch auch die Sprengkraft. Auch eine Verweigerung der Hausarbeit führt erst einmal dazu, dass sich die Lebensqualität der streikenden Person selbst verschlechtert.

Wie Sabotage da größeren Druck aufbauen kann, muss wohl kreativ erforscht werden. Die Möglichkeiten sind, wenn auch weniger gegenüber Freund*innen oder Lebenspartner*innen und in den eigenen vier Wänden, durchaus da: Botschaften an sexistische Clubs oder an Hauswände von sexistischen Personen, Angriffe auf Gebäude, Autos oder sonstigen Mobilien wie Immobilien, die sexistische und patriarchale HERRschaftsverhältnisse aufrechterhalten. Die „Rote Zora“, eine feministische Gruppe, hat sehr erfolgreich gute 20 Jahre lang, von den 70er bis zu den 90er Jahren feministische Sabotageakte verübt. Damals bezeichnete der Verfassungsschutz diese als „Feierabendterrorismus“. Mensch mag nicht mit all ihren Anschlagszielen oder ihren politischen Ansichten einverstanden sein, jedoch haben sie es verstanden Sabotage in ihre feministische Arbeit miteinzubeziehen. Bei den engsten Bekannten jedoch, die vielleicht sogar anarchistisch sind und trotzdem unbewusst sexistische und patriarchale HERRschaftsverhältnisse verinnerlicht haben, ebenso wie die, die von Care-Arbeit abhängig sind, hilft Sabotage wohl nicht weiter. Sabotage ist ein gutes Mittel, um gegen institutionalisierte HERRschaftsverhältnisse aufzubegehren oder auch mal gegen Personen, die es besonders verdient haben. Wenn es aber um verinnerlichte Verhaltens- und Umgangsweisen geht, die jede*r von uns in sich trägt, hilft wohl nur Reden, sich miteinander, auch mit sich selbst auseinanderzusetzen, zu kritisieren, zu informieren. Schließlich müssen wir Menschen überzeugen und neue Umgangsweisen miteinander ausprobieren und lernen, wenn wir eines schönen Tages Anarchismus wollen.