Fickt euren Konsens!

Ist es dir schon einmal passiert, dass Personen in deiner Nähe dich fragen, ob es in Ordnung sei, wenn sie neben dir etwas essen, wenn sie ihr Oberteil ausziehen, wenn sie rauchen, usw.? Und ganz ehrlich, was hast du dir dann gedacht? Dachtest du: „Oh, das ist aber nett, dass du mich fragst, das finde ich sehr rücksichtsvoll von dir“, oder dachtest du eher „Du Opfer, kannst du nicht einmal essen/rauchen/entspannen, ohne dass du dafür das Einverständnis aller brauchst?!“ Auf die Gefahr hin, dass ich den folgenden Text spoilere: Wenn du dich aufrichtig über die Rücksichtnahme der fragenden Person gefreut hast, dann wird dir der folgende Text mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht gefallen. Aber das ist doch kein Grund, die Lektüre hier abzubrechen, oder?

Zugegeben: Natürlich ist das Ganze kein Entweder-Oder.  Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen aufeinander Rücksicht nehmen, ich kann verstehen, dass in bestimmten Kontexten die Angst davor, etwas falsches zu tun, so bestimmend ist, dass die Frage um Erlaubnis weniger das Verlangen nach Zustimmung ausdrückt, sondern vielmehr ein Ausdruck der Unsicherheit ist und manchmal erkundige ich mich selbst bei anderen Menschen, ob sie mit bestimmten Handlungen gerade einverstanden sind oder nicht. Und doch habe ich zumindest in bestimmten Kontexten den Eindruck, dass vor lauter ritualisierter und sinnentleerter Rücksichtnahme aufeineinander eine Situation kreiert wird, in der strengere Regeln herrschen und Fehlverhalten schärfer sanktioniert wird, als in der übrigen Gesellschaft. Jaja, ich weiß, dass ich das sage muss daran liegen, dass ich in beinahe jeder Hinsicht privilegiert wäre und mir die Einsicht fehle, dass eine solche Stimmung notwendig ist, um sichere Räume für weniger Privilegierte zu schaffen, blablabla, alles langweilige und altbekannte Versuche vom Thema abzulenken. Und nur keine Sorge, Menschen wie ich meiden diese Räume meistens und stören nicht den Frieden eurer fantastischen Parallelwelt. Jede*r, wie es ihr*ihm gefällt. Wenn dieses ganze Polizieren aber von sich behauptet es wäre anarchistisch, wenn das ganze Wettgeeifere, wer der vorsichtigste Elefant im Porzellanladen ist, dazu dient, neue Autoritäten zu begründen und wenn alle, die dieses lächerliche Spiel nicht mitspielen wollen, zunehmend als eigentlich autoritär abgestempelt und auf die ein oder andere Art und Weise gezwungen werden sollen, sich den neuen Regeln des Opferdaseins zu unterwerfen, dann scheint es mir an der Zeit, die Illusion einer konfliktfreien Welt, in der es für alles einen Konsens gibt und geben müsse zu zerstören und beim Namen zu nennen: Sie ist nichts weiter als eine neue Form der Herrschaft.

Konsens. Das ist ein Wort mit vielen verschiedenen Bedeutungen. Allgemein meint es wohl das Einverständnis aller Beteiligten mit irgendetwas. Konsensuale Sexualität beispielsweise beschreibt eine Idealvorstellung von Sexualität, bei der immer sichergestellt wird, dass alle Beteiligten mit allen Handlungen einverstanden sind. Und auch wenn ich oft eher den Eindruck habe, dass Konsens in diesem Kontext ein Lippenbekenntnis ist, das vermeidet, sich damit auseinandersetzen zu müssen, dass es keine reine, konfliktfreie und rein positive Sexualität gibt, habe ich im Grunde nichts gegen Konsensuale Sexualität einzuwenden. Schließlich beschreibt Konsens hier das Einverständnis aller Beteiligten eines notwendigerweise willentlichen Akts der Interaktion. Aber das Prinzip Konsens wird häufig auch auf Situationen übertragen, in denen eine Interaktion zwischen Personen nicht notwendigerweise willentlich stattfindet. Wenn ich beispielsweise etwas essen oder rauchen oder mein Oberteil ausziehen oder – toppaktuell – keine Maske tragen möchte, sich in meiner Umgebung aber andere Personen befinden, die entsprechend sehen, hören und riechen, was ich tue und denen etwas davon missfallen könnte, so stellt dies einen Konflikt widerstreitender Bedürfnisse dar, bei denen es jedoch keinerlei Notwendigkeit gibt, diese in Einklang zu bringen. Es mag teilweise friedliche Lösungen für diese Konflikte geben, es mag etablierte Normen geben, die Lösungen für diese Konflikte vorschreiben bzw. vorsehen und es mag nett von mir sein, wenn ich meine Bereitschaft zeige, eine friedliche Lösung für diese Konflikte zu finden. Aber selbst wenn ich mich nicht an eine dieser Normen halte, wenn ich keine friedliche Lösung akzeptiere und keine Bereitschaft zeige eine solche zu finden, so übe ich durch mein Verhalten keinerlei Herrschaft [1] über andere Menschen aus. Wer aber umgekehrt der Meinung ist, es wäre meine Pflicht, auch in solchen Situationen einen Konsens zu finden und andernfalls das essen/rauchen/mich entkleiden zu unterlassen, die*der beweist doch umgekehrt, dass er*sie irgendein Bedürfnis dazu hat, andere Menschen zu zwingen nach seinen*ihren Vorstellungen zu handeln. Und während schon diese Konsensvorstellung letztlich nichts anderes als eine Regel beschreibt, bei der es in der Verantwortung des*der Regelbrecher*in liegt, sich um Legitimation für diesen Regelbruch zu bemühen, gibt es auch Situationen in denen der Begriff Konsens ganz unverblümt an die Stelle des Begriffs Verhaltenskodex tritt.

Aktionskonsens, anarchistischer/antifaschistischer/linker Grundkonsens, Gruppenkonsens, usw., all das sind Begriffe, die immer dann, wenn von ihnen Gebrauch gemacht wird, eigentlich keinen Konsens, sondern vielmehr einen Non-sense beschreiben. Ermahnungen wie „Bitte haltet euch an den Aktionskonsens“ und Feststellungen wie „Er*sie hat sich nicht an den Aktionskonsens gehalten“, erfreuen sich trotz ihres paradoxen Sinngehalts in gewissen Kreisen einer überraschenden Beliebtheit und müssen zuweilen gar als Legitimation für unterschiedlich geartete Sanktionierungen herhalten. Zugleich enttarnen manche Entscheidungsprozesse von Gruppen/Organisationen, bei denen Entscheidungen entweder „im Konsens“ getroffen werden sollen und wenn das „nicht möglich“ sei, mit z.B. einfacher „Mehrheit“, was der Begriff „Konsens“ wenigstens in diesem Zusammenhang eigentlich meint.

Wenn du nämlich ein „Troll“ bist, die*der sich unseren Vorstellungen auch nach aller zumutbarer Überzeugungsarbeit nicht fügen will, dann torpedierst du unser schönes Konsensprinzip und hinderst uns daran, unsere Vorstellungen zu verwirklichen, deshalb überstimmen wir dich dann einfach. So oder so ähnlich scheint die Angelegenheit von solchen Leuten gesehen zu werden. Und gerade dann, wenn man Gefahr läuft, dass man selbst beispielsweise im Zweifel überstimmt werden könnte, weil möglicherweise viele Leute zu einer „Aktion“ oder einem Camp oder sonstwohin kommen könnten, die das fragliche anders sehen, so bedient man sich eines anderen Kniffs. Man legt den „Aktionskonsens“ oder die Camp-/Veranstaltungs-Verhaltensregeln einfach im Vorhinein, d.h. im kleinen Kreis der Organisator*innen/Möchtegern-Anführer*innen fest und weist diese einfach als Konsens aus. Ein Konsens also, zu dem die meisten Personen nie befragt wurden, geschweige denn ihre Zustimmung gegeben haben.

Aber ich will hier gar nicht allzu sehr herumargumentieren, dass das ja eigentlich kein Konsens sei, weil ich es im Grunde egal finde. Es verhält sich ein bisschen, wie Stirner es vielleicht formulieren würde:

„Dächte man sich auch selbst den Fall, daß jeder Einzelne im Volke den gleichen Willen ausgesprochen hätte und hierdurch ein vollkommener „Gesamtwille“ zu Stande gekommen wäre: Die Sache bliebe dennoch dieselbe. Wäre ich nicht an meinen gestrigen Willen heute und ferner gebunden? Mein Wille in diesem Falle wäre erstarrt. Die leidige Stabilität! Mein Geschöpf, nämlich ein bestimmter Willensausdruck, wäre mein Gebieter geworden. Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wäre in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt. Weil ich gestern ein Narr war, müßte Ich’s zeitlebens bleiben. So bin Ich im Staatsleben besten Falls – ich könnte ebensogut sagen: schlimmsten Falls – ein Knecht Meiner selbst. Weil ich gestern ein Wollender war, bin Ich heute ein Willenloser, gestern freiwillig, heute unfreiwillig.“

Oder kürzer und vielleicht einfacher ausgedrückt: Wenn irgendetwas ohnehin den Willen aller (Beteiligter) widerspiegelt, wozu es dann aufschreiben, festhalten oder aussprechen. Wenn ein Konsens wirklich Konsens ist, ist es dann nicht absolute Zeitveschwendung überhaupt davon zu reden? Für viele offensichtlich nicht. Aber sind sie nicht eigentlich Wollende, die danach trachten, ihren Willen aufzuschreiben, nur um morgen Willenlose zu werden? Oder wollen sie vielleicht andere zu Willenlosen machen?

Aber wozu sich selbst und andere zu Willenlosen machen? Wozu dieser Konsens, nach dem so viele zu trachten scheinen? Warum seine Zeit damit verbringen, irgendwelche Regeln aufzustellen, die – vorausgesetzt einer*einem ginge es wirklich um eine konsensuale Einigkeit – selten den Prozess ihres Entstehens überdauern werden? Unabhängig davon, wie all die in die Welt hinaus postulierten Konsense zustande kamen, kann vielleicht ein Blick auf deren weitere Verwendung hier Aufschluss geben. Wo immer es einen postulierten Konsens gibt, scheint es auch eine oder mehrere Personen zu geben, denen an der Verbreitung dieses Konsenses (durch Plakate, etc.) gelegen ist und auch Personen (meist dieselben), die auf die allseitige „Einhaltung“ dieses Konsenses achten und im Falle von Regelverstößen zumindest für Ermahnung, gelegentlich auch für Sanktionierung sorgen. „Du hast wiederholt gegen unseren Konsens verstoßen, du bist hier nicht länger willkommen.“ Wer kennt diesen Satz nicht? Aber wäre nicht etwas wie „Verpiss dich, ich habe keine Lust mehr auf dich“ oder „Ich glaube deine Ideen passen mit den meinen nicht zusammen, ich finde du solltest gehen“ nicht um ein Vielfaches ehrlicher? Aber wo bliebe da die Legitimation des eigenen Handelns? Wäre es dann nicht genauso legitim bzw. illegitim, wenn die andere Person antworten würde „Verpiss dich doch selber“? Ja, wäre es. Aber wo ist das Problem? Fällt es wirklich so schwer sich einzugestehen, dass das eigene Handeln und die eigenen Vorstellungen keinen universellen Wahrheitsgehalt beanspruchen können? Fällt es wirklich so schwer, nicht das „richtige“ zu tun, sondern vielmehr das, was den eigenen Vorstellungen entspricht? Braucht das eigene Handeln wirklich die Legitimation des „objektiv Richtigen/Sinnvollen“ bzw. der Mehrheitsauffassung der Gruppe? Und wie passt das dann noch mit dem im Zusammenhang mit Konsens so oft zitierten „Minderheitenschutz“ zusammen, wenn sich am Ende doch der „Konsens“ seiner (vermeintlich) mehrheitlichen Befürworter*innen gegen die (vermeintliche) Minderheit seiner Opponent*innen richtet?

Konsens in diesem Sinne scheint also eine Kollektivität zu meinen, die sich gegen diejenigen Individuen richtet, die aufgrund bestimmter Einstellungen/Eigenschaften außerhalb dieser Kollektivität verortet werden. Statt die sich ergebenden Konflikte offen auszutragen, wird mit dem Verweis auf einen Konsens der Konflikt verschüttet und stattdessen ein anderer, gänzlich uninteressanter und letztlich herrschaftsvoller Konflikt ausgetragen, nämlich der der Gruppe gegen ein die Einheit störendes Element. Der eigentliche Anlass tritt dabei meist in den Hintergrund und gar nicht so selten kommt es vor, dass die Verteidiger*innen des Konsens vom ursprünglichen Konflikt gar nichts wissen oder bloß Gerüchte gehört haben, also für eine Sache streiten, ohne sich überhaupt ein eigenes Bild verschafft zu haben. Aber so ist das schließlich in der utopischen Welt des Konsens: Dissens hat darin keinen Platz.

Bei all der Hingabe so vieler Menschen, sich irgendwelche hirngespinstigen Utopien einer „besseren Welt“ oder einer „befreiten Gesellschaft“ auszumalen, in der für jede*n Menschen bereits ein Platz vorgesehen ist, und diese dann noch als „anarchistisch“ zu verkaufen, frage ich mich zuweilen dennoch, woher es eigentlich kommt, dabei auch noch einen „Konsens“ realisieren zu wollen. Wer bist du, du Utopist*in, dass du glaubst, andere würden deine Wahnvorstellung einer schönen neuen Welt doch tatsächlich als ihre eigene Utopie übernehmen? Und selbst wenn du meist bei anderen Utopist*innen abgeschaut haben dürftest, so wird dir doch hoffentlich klar sein, dass zumindest die Menschen, für die du (in der Regel) die repressiven Organe deiner neuen Gesellschaft vorgesehen hast, wohl kaum deinen „Konsens“ teilen dürften. Oder gibt es in deiner Vorstellung einer Gesellschaft das Verbrechen gar nicht mehr?

Schaut man sich an, welche Institutionen bzw. „Strukturen“ heute (bei Camps und Veranstaltungen) und in Zukunft dafür sorgen sollen, dass der Konsens auch ein Konsens bleibt, so findet man die altbekannten autoritären Institutionen wieder: Awareness-Teams, Transformative Justice Gruppen oder „Antifaschistische Schutztruppen“, wie es wenig verschleiert in gewissen sozialrevolutionären Programmen heißt. Auffällig finde ich dabei, dass all diese Vorschläge einer gemeinsamen oder wenigstens ähnlichen, provokanterweise könnte man sagen konsensualen, Analyse zu entspringen scheinen: Einer in ihrer Ausprägung meist liberalen Privilegientheorie, die die Einteilung von Menschen aufgrund von Identitäten in Privilegierte und Unterprivilegierte/Diskriminierte zumindest vielfach befürwortet und die Menschen so als von ihrer Identität determiniert behandelt. Freilich ist der Konsens einer solchen Analyse dann in der Regel, dass Diskriminierungen nicht geduldet werden, ebenso wie das nur allzu schwammige nicht „die eigenen Privilegien checken“, das gar keine konkrete Diskriminierung einer anderen Person erfordert, sondern schlicht darin bestehen kann, vorzuschlagen sich selbst gegen Diskriminierungen, Übergriffe, usw. zur Wehr zu setzen, anstatt dafür Institutionen wie beispielsweise Awareness-Teams, Transformative Justice-Gruppen oder „Antifaschistische Schutztruppen“ zu gründen oder diese in Anspruch zu nehmen.

Auffällig ist dabei, dass die Institutionen, die also häufig einen autoritären und kollektiven Regelwerk-Konsens verteidigen, den Begriff Konsens zugleich auch auf der individuellen Ebene, also von Individuum zu Individuum verwenden. Wer kennt sie nicht, die platten und nichtssagenden Awarenessplakate „Nein heißt Nein“ [2], wie sie in so vielen Räumen (kriminal-)“präventiv“ aushängen. Hier geht es um konsensuale Sexualität und für all diejenigen, von denen die Urheber*innen des Plakats wohl glauben, dass sie zu blöd wären, zu verstehen, was das heißt, finden sich darauf Erklärungen wie „Eine schlafende Person kann niemals zustimmen!“, ganz so als würde das irgendwer glauben. Aber ich denke es gibt einen Grund, warum so gut wie alle Materialien zum Thema konsensuale Sexualität entweder banal und oberflächlich sind oder – bzw. meist zusätzlich – auf die fieseste Art pädagogisch. Wer etwa glaubt, die Befürchtung mancher Personen, für den propagierten „konsensualen“ Sex dieser Art müsse man eigentlich jedes Mal vorher ein Formular ausfüllen und unterzeichnen, sei übertrieben und Ausdruck einer Abneigung gegen konsensualen Sex, der*die sollte sich mal die „Ja, Nein, Vielleicht-Liste“ [3] ansehen, die von zahlreichen Awareness-Befürworter*innen verbreitet wird. Immerhin fehlt das Unterschrifts-Feld am Ende, aber ansonsten erinnert das Ganze durchaus an ein behördliches Formular. Das mag manch eine*r vielleicht für ein erotisches Vorspiel halten, soetwas auszufüllen – was allerdings wenigstens nicht der erklärte Zweck der Liste ist –, ich bin mir jedoch sicher, für die meisten ist es das nicht. Und das alleine ist Grund genug, so eine Liste niemals auszufüllen. Außerdem zeigt diese Liste die Armut der Vorstellung von Sexualität ihrer Befürworter*innen auf und wirft dabei die Frage auf, inwiefern die engstirnigen Vorstellungen von Sexualität solcher Leute sich nicht einfach in die gesellschaftliche Prüderie einreihen.

Aber das „Nein heißt Nein“-Plakat und die „Ja, Nein, Vielleicht-Liste“ sind nur Beispiele dafür, wie wenig es selbst den Befürworter*innen einer ausdrücklich konsensualen Sexualität gelingt, diesen Begriff mit Inhalt zu füllen. Ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass das Ganze nur ein Lippenbekenntnis für etwas ist, von dem man einfach hofft, dass es schon funktionieren wird? Ich meine woher kommt der Optimismus, dass man einfach immer nur fragen müsse, ob man jemanden hier berühren, da ablecken oder dort küssen dürfe und schon hätte man eine konsensuale Sexualität geschaffen, bei der eigentlich nichts mehr schief gehen könne und wenn doch, ja dann …

Zu gerne würde ich einmal sehen, wie eine der Personen, die immer meinen „ich weiß nicht was daran so schwer sein soll, einfach immer vor jedem Schritt zu fragen“, diesen dämlichen Tipp in die Praxis umsetzt. Und das ist kein Argument dafür, einfach draufloszuficken, weils ja eh keine konsensuale Sexualität gibt. Nur woher kommt dieser Optimismus, Sexualität mit all den gesellschaftlichen Stigmata und Erwartungshaltungen, all den Idealen und Normen, all der Entfremdung und all der Überhöhung sei etwas, das ganz einfach konsensual ablaufen würde, wenn man eine dreischrittige Anleitung befolgt. Diese Vorstellung ist höchstens Verdrängung derjenigen, die sich ja, indem sie Räume betreiben/gestalten, in denen vorrangig orgiastische Balzveranstaltungen stattfinden und in denen „PC“ mehr als irgendwo sonst „für Pussy Crushing“  zu stehen scheint, selbst in die Reihen derer begeben, die Sexualität zu dem machen, was sie in dieser Gesellschaft zu sein scheint.

Um diese Utopie aufrechtzuerhalten ist es notwendig von Zeit zu Zeit zu vertuschen, dass es eben nicht immer einen Konsens gab, gibt und geben wird – und zwar weder auf individueller Ebene zwischen zwei Individuen, noch auf einer kollektiven Ebene. Und das geschieht dann eben durch den Ausschluss derjenigen, die diese Utopie stören. Derjenigen, die bezichtigt werden übergriffig gewesen zu sein – was ja nicht ausschließt, dass sie es tatsächlich gewesen sein mögen –, ebenso wie derjenigen, die den „Konsens“ dieser Gemeinschaft an Utopist*innen gelegentlich in Frage stellen. Wozu da überhaupt einen Unterschied machen?

Anstatt vom Ideal eines Konsenses auszugehen ist es vielleicht sinnvoller, zunächst einmal die Realität des Konflikts anzuerkennen und statt der Hoffnung alle Konflikte zu einem Konsens zu führen, ja führen zu müssen, sich damit anzufreunden Konflikte auszutragen. Und wer weiß, vielleicht stellt sich dann ja tatsächlich in vielen Konflikten der vielbeschworene Konsens ein. Ein individueller Konsens jedoch, der eine Lösung für diese Konflikte darstellt, nicht ein normativer Konsens, der diese verschüttet.

Anmerkungen

[1] Es mag wenige Ausnahmen geben, in denen das für die beschriebenen Verhaltensweisen nicht gelten muss, beispielsweise, wenn ich in einer Situation, in der eine andere Person keine Möglichkeit hat, Abstand zu mir zu halten und obwohl sie mich darauf hingewiesen hat, etwas esse, was bei dieser Person in der fraglichen Distanz erhebliche allergische Reaktionen auslöst, kann man sich durchaus darüber streiten, ob ich dann Herrschaft ausübe oder nicht. Aber solche seltensten Ausnahmen will ich hier getrost außen vor lassen.

[2] http://defma.blogsport.de/images/dt_v2_2_p.pdf

[3] http://queertopia.blogsport.de/images/JaNeinVielleichtListe.pdf

An einen Waschlappen

„Theoriefeind ist, wer Feind meiner Theorie ist“ (Mao Zedong)

Jens Störfried hat sich Mal wieder damit hervorgetan, die phösen „Einzelgänger*innen“, die er als „Teil des Problem[s]“ (sic!) betrachtet, anzufeinden. Darauf hat mich ein Gefährte kürzlich hingewiesen. Dies in einem Text, in welchem er darüber spricht, mit wem er Bier trinkt und mit wem nicht (auf jeden Fall nicht mit Nihilisten und Individualisten, so scheint es). Aus der Sicht von Jens Störfrieds bürgerlicher Subjektivität nimmt sein Trinkverhalten natürlich höchste Wichtigkeit ein, denn in seiner privilegierten studentischen Selbstbezüglichkeit denkt er, Texte wie Radikale Linke, ich trenne mich von dir würden sein irrelevantes Trinkverhalten mit radikalen Linken kritisieren. So scheint das zumindest.

Jaja, die Welt hört beim Bauchnabel auf.

Nun ist der Text, welchen er persiflagiert nicht von mir, somit werde ich auch seine Persiflage nicht beantworten. „Nicht mein Bier“, könnte man sagen. Aber ich weise darauf hin, dass Störfried mir immer noch eine Antwort schuldig ist. Und wenn der allzu friedliche Störfried sich den Vorwurf der intellektuellen Feigheit nicht gefallen lassen will, so müsste er sich wohl mal die Mühe machen, seine Vorwürfe der Bürgerlichkeit gegen individualistische, nihilistische und aufständische Anarchisten zu belegen. Diese Vorwürfe behaupte ich nämlich in meinem Text in der In Der Tat #3 widerlegt zu haben! Trotzdem wiederholt er diese ständig, sich zu Unrecht dabei auf Kropotkin beziehend (den er mittlerweile immerhin gelesen hat), ohne irgendwelche Argumente zu bringen. Und gleichzeitig behauptet er, es wäre ihm an Debatte gelegen. Jaja.

Persönlich glaube ich zwar, dass die Zeitung „Waschlappen. Zeitschrift für einen pragmatischen Anarchismus“ nicht existiert, in welcher Jensens Text angeblich erschienen ist. Aber des Witzes halber wollen wir annehmen, dass es sie gibt. Denn natürlich würde „Waschlappen zu Störfried passen, dessen Waschlappismus doch längst erwiesen ist. Ebenso das „pragmatisch“, wobei Pragmatismus ja oft an Opportunismus zu grenzen pflegt…

Im übrigen zitiere ich, zur Debatte, aus der Zeitung Die Erstürmung des Horizonts #1 vom November 2014: „Was die Beschäftigung mit der Linken aus einer anarchistischen Sichtweise aber noch notwendiger macht, ist, dass die Linke (…) auf dem revolutionären Terrain aufkreuzt (jedenfalls in ihren radikalen Teilen), und dort den Gestank der Politik verbreitet.“ Jens, schreib das doch in dein Stammbuch. Und überlege dir, ob du nicht selbst zu jenen gehörst, welche derartige Gerüche verbreiten…

Dass der Anarchismus Teil der „sozialistischen Bewegung“ sei, ist eine langweilige Diskussion, hängt von beliebigen Definitionen ab und besagt eigentlich rein gar nichts. Mein persönlicher Anarchismus besteht aus sozialen und antisozialen Anteilen, und auch wenn ich dem Sozialen hohe Wichtigkeit beimesse, ist mir in diesem Bereich das -istisch höchst suspekt.

Jenseits deines Trinkens mit fragwürdigen Leuten, Jens, frage ich mich, ob du deinen Waschlappen nicht letztlich in Benzin tränken solltest, um ihn in einen Zündlumpen zu verwandeln. Oder willst du ewig damit Lampen putzen?

Ein umherschweifender Eigenbrödler

Jens Störfried, du alter Pragmatiker!

Ob das nun eine späte, stellvertretende „Rache“ für die Insurrektionalistische Sonderausgabe zu Corona des sonst „sterbenslangweiligen Förderationsorgans“ Gai Dao sein soll, die sich anonyme Herausgeber*innen vor einigen Monaten erdreistet haben, zu publizieren? [1] Oder wollte sich der olle Störfried doch einfach nur einmal an einer neuen Textgattung, der Persiflage, versuchen? Jedenfalls greift er den Text „Radikale Linke, ich trenne mich von dir“ aus Zündlumpen Nr. 054 auf und stellt unter dem Titel „Radikale Linke, ich trinke noch ein Bier mit dir“ seine eigenen Ansichten zu diesem Thema zur Diskussion. Wenn ich so arrogant sein darf, hierzu ein vorläufiges Fazit zu ziehen, Jens: Für eine bissige Polemik scheint dir – vielleicht wegen all der „solidarischen Kritik“, auf die du dich sonst so oft beschränkst – noch ein wenig die Übung mit dieser Art von Text zu fehlen, aber mach dir nichts draus, in etwas Benzin getränkt, entpuppt sich schließlich auch ein Waschlappen als brauchbarer Zündlumpen.

Aber was hat der engagierte und allzeit konstruktive anarchistische Erneurer (gleich vier „Für eine neue anarchistische …“-Texte – zu Synthese, Theorie, Organisation und Ethik – hat er jüngst veröffentlicht), denn nun inhaltlich zu dem Thema zu sagen? Wenn ich ihn richtig verstehe, dann will er die Radikale Linke differenziert betrachten, hält dies – indem er statt von sich selbst von Anarchist*innen spricht – vielmehr für ein dem Anarchismus als „Hauptströmung der sozialistischen Bewegung“ (für seinen Anarchismus mag das ja gelten) inhärentes Verhältnis und wünscht sich bei aller Abgrenzung des Anarchismus von radikaler Linken dann doch eine gelegentliche gemeinsame Tätigkeit: „Deswegen nehme ich ein ambivalentes Verhältnis zwischen Anarchist*innen und der antiautoritären radikalen Linken wahr. Mögen sie sich selbst bestimmen und immer zusammen tätig sein, wo es sinnvoll und praktikabel ist!“ Nun, viel Spaß dabei. Und das meine ich – ausnahmsweise – keineswegs sarkastisch. Es ist mir ziemlich egal, wo und mit wem Jens Störfried sein Bier trinkt, ja nicht einmal die Sorte Bier ist mir wichtig. Und sollte er eines Tages zum Rotwein wechseln, weil er des Bieres überdrüssig ist, so müssten sich die gesellschaftlichen Situationen doch erheblich verändern, dass mir selbst das nicht egal wäre. Und in keinem Fall wünsche ich Jens Störfried, dass er am nächsten Morgen mit einem Kater erwacht.

Doch wie du sicher schon erraten hast, wäre es des Aufwands doch ein wenig zu viel, einen Text zu verfassen, nur um zu sagen, wie egal es mir ist, ob Jens Störfried eine Haltung teilt, die ich zwar mit Sicherheit teile, jedoch in der hier vorliegenden Form nicht einmal zu Papier gebracht habe. Und so folgt hier nun ein scheinbar berüchtigtes Prozedere, nämlich das Vollpöbeln eines Strohkopfes, pardon Strohmannes. Und für all diejenigen, die eher schwache Nerven haben und mit solch kompromissloser und ohnehin flegelhaft vorgebrachter Kritik schnell überfordert sind, hält Jens Störfried ja bereits eine Ausflucht parat: Haltet euch ruhigen Gewissens vor Augen, dass es mir eigentlich nur darum gehe, die eigene „Kränkung“ zu überwinden. Vielleicht stimmt das ja sogar …

Als „umherschweifende[r] Einzelgänger“ bin ich für Jens Störfried sowieso „Teil des Problems und nicht dessen Lösung“. Aber warum? Ja wie kommt es, dass – nicht nur bei Jens Störfried – sogenannte „Individualisten“ und „Nihilisten“ als Problem gesehen werden? Und das gar noch, wenn sie ohnehin als „umherschweifende Einzelgänger“ abgestempelt werden, die „konsequenterweise […] die Gesellschaft, welche sie hervorgebracht hat [bekämpfen]“? Ich meine angenommen – eine unbegründete Annahme, die einer Überprüfung vermutlich nicht (so pauschal) standhalten würde – das zu tun würde tatsächlich aus einer „privilegierten“ Position resultieren, wie Jens Störfried argumentiert, und so nicht jeder*m möglich sein (was die Biografien unterschiedlichster Individualist*innen auf der ganzen Welt offensichtlich widerlegen), was wäre dann das fucking Problem dabei? Wenn für „die meisten von Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung betroffenen Menschen […] die Notwendigkeit der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen [anstünde]“, was selbst bei Störfried „nur durch die Überwindung der bestehenden Gesellschaftsordnung erfolgen kann“, was sollten sie denn dann gegen jene haben, die die Verhältnisse, die ihre derzeitigen Lebensbedingungen prägen, angreifen – und das auf eine Art und Weise, die für sie nicht schon eine bestimmte Rolle nach dem Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung vorsieht? Was sollen sie im Gegenzug mit denen anfangen, die dieser Theorie zufolge genauso „privilegiert“ wären, solche Angriffe zu verüben, aber ihre „Privilegien“ lieber darauf verwenden „Skills [zu] verbreiten, Geschichten auf[zu]schreiben, Bildung und Erfahrung [zu] vermitteln, verschiedene Gruppen in Dialoge [zu] verstricken, […]“ und zu allem Überfluss auch noch „gemeinsame Diskussionen um Strategien und Visionen [zu] entwickeln“? Sprich mit jenen, die herumsitzen und eine Avantgarde mimen, jenen, die sich einladen (und bezahlen) lassen, dafür, dass sie ihrer „Leidenschaft“, ihrem „Aktivismus“ (Jens Störfried) nachgehen und kluge oder weniger kluge Vorträge und Workshops abhalten? Es ist ja nicht so, dass ich finde, man sollte nicht den eigenen Leidenschaften nachgehen. Aber wenn man die eigenen Leidenschaften als revolutionärer verkaufen will, als die derjenigen, die wenn sie – auf „poetische“ Weise (Jens Störfried in „Endlich neue Tatsachen!“ aus Gai Dao #99) – von Leidenschaft sprechen, in der Regel ein Feuer meinen, das die Herrschaft niederbrennt, dann sollte man vielleicht etwas mehr als nur trockene Texte anzubieten haben, in denen doch tatsächlich als „Eckpunkt der sozialen Revolution“ die „Verbannung“ – von alten und neuen Verbrecher*innen – „in menschenwürdige Umgebung auf 5 bis 30 Jahre bei jährlicher Prüfung einer möglichen Rückkehr in die alte oder eine andere Gemeinschaft“ vorkommt, neben „antifaschistischen Schutztruppen“, die Polizeiaufgaben übernehmen und einer „Nutzung von Medienanstalten“ zur „Beeinflussung der Massenkommunikation“ (siehe Jonathan Eibisch, alias Jens Störfried in „Für eine neue anarchistische Synthese!“ S. 12 f.). Und während sich der Störfried Gedanken um eine „neue“ totale Herrschaft macht, zu der man sich im Sinne eines „ωir“s (Ja, das ist absichtlich kein gewöhnliches W am Anfang dieses Wortes) freiwillig assoziiert, spiegelt für ihn die „„absolute Kompromisslosigkeit“ gegenüber „jeder Ordnung und Moral““ derjenigen, die so einen Quark – wie will man das anders nennen – ablehnen, „letztendlich bloß die Isoliertheit und den Fatalismus bürgerlicher Individuen“ wider.

Wenn ich mich mit Jens Störfried hoffentlich darauf einigen kann, dass durchaus ein Widerspruch besteht, zwischen dem – für ihn „pubertären“ – Affekt „jegliche Ordnung abzulehnen“ und der Existenz innerhalb – oder am Rande, das spielt keine Rolle – der Gesellschaft, Zivilisation, oder wie mensch es auch nennen mag, so kann es für mich doch keine „pragmatische alltägliche Praxis“ geben, die diesen Widerspruch einfach so stehen lässt. Während sich Jens Störfried „hier und jetzt sozial-revolutionär orientier[t] und formier[t], [sich] darin selbst ernst [nimmt], Verantwortung über[nimmt] und für emanzipatorische Bestrebungen kämpf[t]“, bedeutet das glücklicherweise nicht, dass diese Form des Selbstbetrugs die einzige Art und Weise ist, mit diesem Widerspruch umzugehen. Wozu mich sozial-revolutionär orientieren und formieren und mich dann auch noch ernst nehmen, wenn der Angriff doch meinem individuellen Verlangen und Vergnügen entspricht? Wozu und vor allem welche Verantwortung übernehmen und wem gegenüber? Etwa die Verantwortung die Gesellschaft „zu überwinden“? Hast du diese Verantwortung übernommen, Jens Störfried? Und wenn ja, dann rechtfertige dich doch mal, wie es kommt, dass „ωir“, wenn ich mich da nur mal für den Moment und aus rein funktionalen Gründen mit dir assoziiere, noch immer in dieser Gesellschaft leben. Oder ist es nur die Verantwortung, sich an die „formierte“ Linie zu halten? Und worin besteht diese Linie dann? Mich dünkt ohnehin, die Sache mit der Verantwortung ist nur eine leere Phrase, eine Abgrenzung zu jenen verantwortungslosen Anarchist*innen wie mir, die jede Verantwortung schon aus Prinzip zurückweisen, weil das Konzept von Verantwortung zumindest in diesem Sinne auch nur einer weiteren (sich anarchistisch gebenden) Moralerei entstammt, die, wenn sie tatsächlich die für sich behauptete universelle Wahrheit beanspruchen könnte, unnötig wäre, aufzuschreiben oder überhaupt von ihr zu reden. Aber das ist ja der Trick bei diesem Konzept, für Kant ebenso wie für Kropotkin und heute auch für den Jens Störfried: den eigenen Willen oder auch nur die eigenen Ansichten als universelle Wahrheit zu verkaufen.

Sicher würde Jens Störfried das nun als „Theoriefeindlichkeit“ abtun und vielleicht wäre ich sogar geneigt, diese Bezichtigung anzunehmen. Wenn Jens Störfried schreibt „Mangelnde Selbstreflektion, Geschichtsvergessenheit und die geringe Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung kompensieren sie [theoriefeindliche Anarchist*innen] mit romantischem Kitsch, der problematischen Feier ihrer (meist post-bürgerlichen) Subjektivität, einer Fetischisierung von sich „echt“ anfühlenden „Taten“ und zur Schau gestellten rebellischen Phrasen“, dann mag man geneigt sein, ihm zu widersprechen, aber formuliert man einige seiner Behauptungen ein wenig wohlwollender, ergibt das schon ein anderes Bild: Wenn „mangelnde Selbstreflektion“, wie sich in Jens Störfrieds Text abzeichnet eigentlich eher mangelnde Kompromissbereitschaft und einen mangelnden Pragmatismus meint, wenn „Geschichtsvergessenheit“ bedeutet, mit der Vorstellung zu brechen, man sei Produkt einer sich von einer*m unabhängig entwickelnden Geschichte und als solches nicht im Stande die eigenen Lebensumstände durch Taten zu verändern, wenn die „geringe Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung“ bedeutet, dass man auf lächerliche Unterstellungen wie die von Jens Störfried höchstens polemisch antworten wird, dann gibt es eigentlich überhaupt nichts zu kompensieren. Auch wenn ich nicht wüsste, wie es kommt, dass Jens Störfried etwa den „Echtheitsgehalt“ von Taten in Frage stellt, er eine Begründung, warum Taten fetischisiert und rebellische Phrasen „zur Schau gestellt“ werden würden, schuldig bleibt und eine „post-bürgerliche“ Subjektivität, wenn man nicht weiter definiert, was man damit meint, eigentlich nur eingesteht, dass es jemandem gelungen ist, Bürgerlichkeit zu überwinden. Theoriefeindlichkeit würde dann bedeuten, sich nicht (länger) in irgendwelchen Theorien zu verlieren, die das Leben soweit abstrahieren, das sich der Widerspruch gegen die herrschenden Verhältnisse schließlich ebenfalls nur noch auf theoretischer Ebene vollziehen kann. Theoriefeindlichkeit würde dann bedeuten, keine Trennung zwischen einer erst noch zu entwickelnden Theorie und einer daraus resultierenden Praxis zu praktizieren, sondern –  meinetwegen jede solche Theorie über den Haufen werfend – das eigene Handeln an den realen Begebenheiten und den anarchistischen Vorstellungen zu orientieren, nicht auf eine Art und Weise, die die eine*n umgebende Herrschaft in Einklang mit diesen Vorstellungen bringt, sondern auf eine Art und Weise, die diese Herrschaft kompromisslos angreift, zumindest mit dem Ziel sie zu zerstören und sich nicht in ihr einzurichten. Wenn man das als Theoriefeindlichkeit bezeichnen will, dann bin ich überzeugter Theoriefeind und überlasse das selbstreferentielle Theoriespinnen gerne den Jens Störfrieds dieser Welt.

Ein unmedikamentierter Narzisst, äh hoppla, Egoist

Fußnoten

[1] Damals kommentierte ein sichtlich angefressener Jens Störfried: „Übrigens haben gewisse Leute, die sich selbst als „Insurrektionalist*innen“ bezeichnen, ein Fakesimile dieser Gai Dao-Sonderausgabe erstellt. Vermutlich, um den Austausch über verschiedene Positionen und Stile anzuregen. So inspirierend manche Gedankengänge aus diesem Spektrum immer wieder sind, beruhen sie jedoch meiner Ansicht nach weitgehend auf problematischen Grundannahmen. Die Autor*innen wissen dies natürlich und so bleibt ihnen zur Rechtfertigung ihrer Positionen lediglich der Verweis auf die vermeintliche „Gesamtscheiße“ und die romantische Verklärung von liberaler Freiheit und des bürgerlichen Individuums. Weil sie es nicht aushalten, mit ihren eigenen Widersprüchen umzugehen und weil ihnen eigentlich kaum wer zuhört, bauen sie sich im konstruktiven Anarchismus einen Strohmann auf, den sie vollpöbeln können. Die Abwertung anderer um die eigene Kränkung zu überwinden, die reflexhafte Abwehr von Kritik und die Ausflucht in die idealistische Traumwelt eines post-zivilisatorischen „puren“ Lebens, lässt sich mustergültig als unbearbeiteter Narzissmus interpretieren. Er birgt die Gefahr, ins Autoritäre umzukippen. Doch wird er mit der individualistischen Leistungs- und Selbstdarstellungsgesellschaft untergehen, die ihn hervorgebracht hat. In dieser Hinsicht erscheint die reine Negation durchaus als erstrebenswert.“

Wieder einmal einer dieser Wissenschaftler …

Bedarf der Artikel „Sozialdarwinistische Rebellion. Teile der insurrektionalistischen Anarchist*innen nehmen Abschied von Linken und entdecken die »Pandemieskeptiker*innen« als Sympathieträger“ von Ewgeniy Kasakow, der in der linken Zeitung „Analyse und Kritik“ Nr. 662 abgedruckt wurde, überhaupt eines Kommentares? Vielleicht nicht, wer aber mal wieder so richtig schmunzeln will und ohnehin Zugang zu einer kostenpflichtigen Ausgabe dieser Zeitung hat oder weiß, wo man sich eine klauen kann, der*dem sei dieser Artikel wärmstens empfohlen. Neben den üblichen Klischees von wegen „Insurrektionalismus“ hätte etwas, bzw. auch etwas mehr mit dem Kommenden Aufstand zu tun (vgl. dazu Wolfi Landstreicher, Eine Verkaufsmasche für den Aufstand), gibt Ewgeniy Kasakow auch ein paar gute Lektüretipps, unter anderem empfiehlt er – bzw. er empfiehlt das nicht gerade, aber das ist doch schließlich die beste Empfehlung – die Zeitschrift „In der Tat“, die Zeitung „Fernweh„, „Die Erstürmung des Horizonts“, die „Alles geht weiter“, den Text „Die Ideologie der Wissenschaft“ und auch diese Zeitung, den Zündlumpen. Allesamt lesenswerte Publikationen, finde ich. Ein paar Lektüretipps hat Ewgeniy Kasakow aber vergessen, um die ich seine Liste an Lektüreempfehlungen unbedingt noch erweitern will: In „Die Smartifizierung der Macht – Beiträge zu einer Offensive gegen das technologische Netz“ (mit z.B. Gefangen im Netz) mag es zwar nicht um Corona gehen, dafür aber viel um die Technologien und Ideologien, die unter dem Vorwand der „Pandemie“ gerade endgültig etabliert werden, verschiedene Publikationen des jungen „Maschinenstürmer Distros“ greifen die „ursprünglich abwertende Bezeichnung »Nihilismus«“ sicher nicht als Erste positiv auf (Was muss einem ehemaligen Doktorand einer „Forschungsstelle Osteuropa“, der sich unter anderem dauernd im Habitus des Besserwissenwollens auf die Russische Revolution bezieht, eigentlich alles entgangen sein?!) und die Zeitschrift „Ramasuri„, von der gerade eine zweite Ausgabe erschienen ist, ist trotz einiger Liebäugeleien mit der (radikalen) Linken auf jeden Fall auch eine Lektüre wert.

Die Katastrophenpsychose

Weitsichtiges aus den späten 1980er Jahren. Aktueller denn je. Man denke nicht nur an die gegenwärtige Coronahysterie sondern auch an die – gerade nicht ganz so präsenten – FFF…

Für eine lange Zeit ist jetzt schon eine terroristische Erpressung am Laufen, welche mehr und mehr zur polizistenmässigen Logik des Notstands führt. Die Medien führen die Aufgabe aus Probleme hervorzuheben und die apokalyptischen Bilder der Bedrohung durch die Katastrophe zu nutzen um grosse Volksmassen zu deren Verhinderung zu mobilisieren.

Man sollte sich selbst fragen was hinter dem von den Medien präsentierten Bild des bevorstehenden Albtraums der ökologischen Katastrophe steht. Diese wird präsentiert als etwas, was jenseits des Bereichs der gesellschaftlichen Verhältnisse oder des Klassenkonflikts gelöst werden soll.

Wir haben starke Zweifel bezüglich des Zeigens von guten Absichten, welche von Politikern aller Sorten und Farben gezeigt werden (einschliesslich der Umweltaktivisten) und ihrem plötzlichen Interesse an der Gesundheit der Bevölkerung.

Wir glauben das hinter der Bombardierung mit Neuigkeiten über die ökologische Alarmstufe Rot in Gebieten hoher industrieller Konzentration, wo Sicherheitslevels der Verschmutzung der Atmosphäre grosszügig übertreten wurden, ein anderer, viel weniger edler Kampf liegt: ein Machtkampf zwischen der alten, kapitalistisch-industriellen Klasse und der neuen, aufkommenden welche sich aus der öffentlichen und privaten Bürokratie zusammensetzt, angesichts der Position welche die letzteren innerhalb des technologischen Apparats des Kapitals und des Staates erreicht haben.

Wir wissen dass die Vorstellung der Katastrophe, in diesem Falle der ökologischen, die Massen gefühlsmässig dazu drängt, jenseits jeglicher Motivation welche von ihrer spezifischen Ausbeutungsbedingung herkommt zu kämpfen, also weniger für soziale Veränderung und mehr für ihr eigenes bedrohtes Überleben. Das drängt sie dazu, den Gedankengang welcher zur Konservierung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung führt zu übernehmen.

Der Planet ist am Sterben, wir wissen es alle. Er ist voll Gift und es fehlt ihm Sauerstoff aufgrund der atmosphärischen Verschmutzung. Die Flüsse sind biologisch tot; Seen und Meere sind zu Müllhalden reduziert; der Treibhauseffekt wird hervorgebracht durch das Erhöhen der Menge von Karbondioxid dank der massiven Arbeit der Entwaldung einer der Hauptlungen der Erde, des amazonischen Regenwaldes. Zunehmende Dürre führt zur Vergrösserung von gewaltigen Wüsten, und wir sind der Tragödie behilflich, welche Völker und Tierarten in ihre Ausrottung führt, der Logik des Profits und der Herrschaft geopfert.

Jede Klasse, welche nach der Herrschaft strebt, bringt ihre eigene Welt und ihre eigene Logik mit sich. Die aufsteigenden Bürokraten benutzen Ökologie um den Prozess der Übernahme der alten Welt zu beschleunigen.

Aber was kann dies in der Masse auslösen – zunehmend verängstigt durch die Möglichkeit der Katastrophe und die Verinnerlichung der Notstandslogik – wenn nicht ein totales Haften an den repressiven Verhaltensnormen welche von der kybernetischen Macht diktiert werden. Mit wissenschaftlicher Pünktlichkeit lädt sie Millionen proletarisierter Individuen ein neben den Institutionen daran teilzunehmen und zu mobilisieren, neue Kontrollorgane zu erschaffen und einzusetzen und die neuen Autoritäten mit der Schubkraft eines neuen demokratischen Radikalismus zu sanktionieren.

Jenseits des unmittelbaren Dramas gab der Atomunfall von Chernobil dem Kapital und allen Staaten die Chance kalt mit Elementen zu experimentieren, auf welche die repressiven Projekte der Kontrolle und des Konsens angewandt werden können, und zwar durch die Ausbeutung der Idee eines permanenten Notstands.

Die Ausnahmeintervention löst folglich nicht das Problem sondern dient dazu, Kontrolle zu installieren um den Konflikt auf dem gesellschaftlichen Territorium auszulöschen, durch die Erpressung der Pflicht zur Kollaboration zwischen den Klassen. Alle Notstandsmassnahmen welche als für das allgemeine gesellschaftliche Interesse notwendig präsentiert werden, geben faktisch aber einem Prozess des Privilegs und der Unterwerfung Raum, angesichts der Ungleichheit der bestehenden materiellen Bedingungen.

Die Grünen und die Umweltverbände suchen nicht nach einer Lösung für das Problem der Verschmutzung, sondern nach einem Kapillargefäss [capillary] und der Verbreitung der Kontrolle um sie in in eine Profitquelle zu verwandeln. Man entdeckt die am wenigsten verschmutzten Teile der Städte der höheren gesellschaftlichen Schicht vorbehalten sind; die Armen kriegen die Quadratmeter von Zement und Abfalldeponien an den Stadträndern.

Es ist also Zeit, anstatt solchen Kräften unkritisches Lob zu spenden, ihre Rolle als die neuen gesellschaftlichen Befrieder zu enthüllen, welche über das aufgetakelte Spektakel der Erpressung, dass „der Planet um jeden Preis gerettet werden muss“, hinausgehen, und sich anbieten die bestehende Entfremdung auf eine alternative Art zu verwalten, aber immer auf Ausbeutung und Unterdrückung basierend.

Wir denken, dass der Kampf gegen die Herrschaft des Menschen über den Menschen die einzige Ausgangsbasis ist. Sie ist die einzige welche fähig ist die Verantwortlichen für die Zerstörung von sowohl dem Planeten als auch dem sozialen Reichtum anzugreifen. Wir müssen konkret auf die Befreiung der Menschheit und der Natur in einem globalen Sinne abzielen.

Die Grünen und die Umweltaktivisten sind sogenannte Ökologisten, deren Ziel nicht ein sauberer ökologischer Planet ist; ihre Politik ist ein grüner Apartheid welcher „grüne Inseln“ will, vorgesehen für den Komfort der Privilegierten. Die internationalen Umweltverbände sind die Multinationalen der „Ökologie“, Kapitalismus überarbeitet und verbessert nach dem Schaden, welchen er durch die vorhergehende Phase der maximalen Industrialisierung angerichtet hat.

Der soziale Kampf im ökologischen Sinne ist nur dann brauchbar, wenn er die Herrschaftsbeziehung angeht, die Strukturen von Kapital und Staat, und seine subversive Kraft zeigt, welche die Aussicht einer neuen Welt beinhaltet, nicht die alternative Verwaltung der alten.

[übersetzt aus dem Englischen. the catastrophe psychosis; in: Insurrection. Anarchist paper September 1989; London]

[Ägypten] Proteste gegen Präsidenten

In Ägypten kam es am Wochenende letzte Woche in mehreren Städten zu ersten (unautorisierten) Protesten seit Jahren durch tausende Menschen. Auslöser war ein Video eines im Exil lebenden Insiders, der dem aktuell herrschenden General al-Sisi (der sich 2013 an die Macht geputscht hatte) Korruption vorwarf und zu Protesten aufrief. Die Regierung reagierte mit Tränengas, Gummigeschossen und Verhaftungen.

Anarchistische Zeitung aus München