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Gegen das sterile Überleben

Schon vor paar Monaten geschrieben, jetzt wieder ausgegraben…

Die Angst vor der Katastrophe prägt das Denken einer Bevölkerung, welche sich selbst nicht mehr anders wahrnehmen kann als als Zahlen in einer Statistik. Selbst komplett von ihrem lebendigen Kern entfremdet, haben sich die allermeisten schon daran gewöhnt, einen Grossteil ihres Lebens vor Bildschirmen zu verbringen, während der reale, ansteckende, gefühlvolle und auch konfliktive, intensive, oftmals schwierige, aber allemal lebendige Kontakt mit den Menschen immer mehr eine Unbekannte bleibt. Alle verstecken sich hinter ihrer Maske, abgeschottet in ihrer Blase, welche sie nicht mal mit den Nächsten teilen, und wissen nicht, was eigentlich das Potential von menschlicher Beziehung sein könnte. Stattdessen flüchtet ihre Sehnsucht in Ersatz-Befriedigungen – sei es die Pornografie oder sei es die Protagonisten der Serien, welche in den Gesprächen oftmals die Rolle der besten Freunde einnehmen – da Freundschaft sonst kaum bekannt ist. Individualität wird mit Identitäten verwechselt, etc. etc. etc. All das zu schildern ist mir jetzt zu blöd, jeder kann es weiterspinnen – jeder kann es, sei es als Kritik an andern oder an sich selbst weiterdenken.

Was ist Leben? Angst vor der Katastrophe? Angst vor dem Tod? Anpassung, Überlebenssicherung und Isolation? Was würdest du machen wollen, wenn du mit gewissen Vorerkrankungen an allen möglichen, sonst eher harmlosen Viren draufgehen könntest? Die ganze Welt in ein Gefängnis verwandeln, dich isolieren und vegetieren? Scheinbar ja. Oder zumindest angeblich. Dies ist zumindest die Figur, vielleicht grossteils fiktiv, welche als Argument hinhält, dass die grösste Katastrophe die wäre, dass das Sterberisiko der ohnehin schon gefährdeten Menschen statistisch etwas ansteigen könnte. Während zur Abwendung dieser Realität jeder Einschnitt, jede absolute Unterwerfung angebracht erscheint – vorübergehend natürlich.

Aber was heisst vorübergehend? Die Konditionierung wird Spuren hinterlassen und das soll sie auch. Die Integration in die technologische Welt, die Ersetzung realer Beziehungen durch Bildschirme und Lautsprecher – sie erhält jetzt einen massiven Schub. Es ist auch kein Wunder, dass eine der Hauptfiguren der WHO – Bill Gates höchstpersönlich (ja sorry, is halt so…) – schon seit Jahren ein solches Szenario herbeifaselt, wie es sich jetzt abspielt. Dass er dabei ein finanzielles Interesse hat – keine Frage. Aber auch Pharmaunternehmen, nicht zuletzt etwa Bayer, mischen bei der WHO kräftig mit. Aber ja: hier soll nicht eine Verschwörung behauptet werden – diese dystopischen Szenarien diskutieren diese Leute ja auch immer ganz öffentlich – vielmehr repräsentiert die WHO halt eine Fraktion des Kapitals, zumindest steht sie der einen näher als der anderen– was wohl kaum geleugnet werden kann.

Die Technologisierung der menschlichen Beziehungswelt (oder vielmehr deren fortlaufende Abschaffung) und die Entwirklichung unserer Leben gehen voran. Aber – mit dieser «Disruption», welche sich gewisse Teile des Kapitals schon immer erhofft haben, während die einzelnen Staaten vielleicht teils eher widerwillig dem Diktat der «world governance»-Politik der WHO folgen – wird auch vieles offengelegt, was vorher als eher absurde Zukunftsszenarien bisher noch die allermeisten als auf jeden Fall ablehnenswert eingeordnet hätten. Wer hätte bis vor kurzem nicht gesagt, dass eine komplette, landes-, ja, europaweite Ausgangssperre, komplette Grenzschliessungen, etc., nicht ihre komplette Ablehnung gefunden hätte – und zwar mit egal welchem Grund diese durchgesetzt würden. Und wer hätte dies nicht für einen feuchten Traum von Faschisten gehalten, welche hierzulande zumindest noch etwas Zeit benötigen würden, um fähig zu sein, sich an die Macht zu putschen? Zumindest hätten viele ihren Widerstand angekündigt…

Doch der Vorwand greift, und die medial inszenierte Panik (man sollte vielleicht beginnen, sich die Namen und Gesichter dieser Panikprofiteure zu merken) hält bisher die Schockstarre aufrecht und versucht einen smoothen Übergang zu was auch immer die Herrschenden als nächstes entscheiden werden. Aber er greift auch teilweise nicht. Der Unmut ist gross. Und das Wesen des Staates zeigt sich gerade allzu offensichtlich…

Dass das alles niemand so erwartet hätte – mag sein.

Verbrenne alle Bibeln

Vor einiger Zeit stöberte ich in einigen individualistischen anarchistischen Ephemera und stieß dabei auf einen Artikel, der von einer Debatte zwischen zwei Egoist*innen erzählte. Das Thema, um das es in dieser Debatte ging ist nicht relevant für das, was ich hier sagen möchte. Was relevant ist, ist die Art und Weise auf die die Debattierenden ihre Standpunkte stützten. Keine*r dieser vorgeblichen egoistischen Individuen nahm sich die Zeit, sein*ihr eigenes Argument zu entwickeln und anhand ihrer*seiner gelebten Erfahrungen oder eigenwilligen Selbstschöpfung darzulegen … Nein, stattdessen zitierten sie Kapitel und Paragraph der Schrift von Max Stirner, als ob diese eine heilige Schrift wäre.

Ich hätte von fanatisch gläubigen christlichen Idioten oder massenverblödeten marxistischen Schwachköpfen erwartet, dass diese ihre heiligen Schriften auf diese Art und Weise durchsucht hätten, um ihre Deutung ihres Glaubens zu stützen. Schließlich besitzen diese einen Glauben, eine Heilige Schrift, Propheten und Gottheiten. Aus ihrer eigenen Sicht macht es Sinn, dass solche nichtsnutzigen, glaubensfanatischen Idioten sich ihrer Schrift zuwenden, anstatt selbst zu denken und zu fühlen. Immerhin könnte solch selbstbestimmtes Denken und Empfinden gut und gerne dazu führen, dass sie die eintönigen und beschränkten Doktrinen ihres Glaubens anzweifeln würden … Und wo kämen sie da hin?

Aber für diejenigen, die behaupten selbstbestimmte und eigensinnige Individuen zu sein, ist es eine Absurdität, ein tiefgreifender Widerspruch, sich auf irgendetwas oder irgendjemanden außer ihnen selbst zu berufen, um die eigenen Ideen zu stützen, für diejenigen, die sagen, dass sie ihr Leben und ihre Worte im Rahmen ihrer Möglichkeiten so gestalten, wie sie es wollen, ist es eine Absurdität und ein Widerspruch, irgendein Buch als heilige Schrift oder irgendeinen Denker als Propheten zu behandeln. Für jede*n selbst ernannte*n Individualist*in oder Egoist*in ist es nicht nur eine schwerwiegende Beleidigung, Stirner oder Nietzsche als Propheten und ihre Schriften als Bibel zu behandeln, sondern schlimmer noch, es enttarnt sie als eine*n weiteren dämliche*n Jünger*in in der unglückseligen Herde der Gläubigen. Es ist egal, dass er seinen Glauben „Individualismus“ oder „Egoismus“ nennen mag; es bleibt eine Form sklavischer Dienstbarkeit gegenüber einer höheren Macht ihrer eigenen Schöpfung. Andernfalls hätte er kein Bedürfnis nach einer heiligen Schrift, nach einer Bibel, die er zitieren kann, weil sie durchaus in der Lage wäre, für sich selbst zu sprechen und zu handeln.

Verstehe mich nicht falsch. Ich liebe die Schriften von Stirner und Nietzsche. Diese Typen waren klug. Sie konnten komisch, poetisch und stürmisch sein. Es gibt eine Menge in ihren Schriften, das es wert ist, zu stehlen, um es in deine eigene Weise, wie du mit deinem Leben und deinen Welten spielst, zu verweben. Aber sobald du diese Schriften wie eine Bibel behandelst, stiehlst du nicht länger aus ihnen für dein eigenes Stück. Stattdessen hast du dich diesen selbst unterworfen, du hast diese Schriften in etwas geheiligtes verwandelt, das du anbetest … du hast sie in eine Bibel verwandelt.

Ein wahrhaft eigenwilliger Selbstschöpfer wird es ablehnen an eine Bibel gebunden zu sein, irgendeiner Schrift zu dienen. Bei dem kleinsten Anzeichen dafür, dass eine solche Unterwerfung begonnen haben könnte, wird sie bereit sein, ihre Bibel zu verbrennen. Aber Feuer ist nicht das einzige (und ebensowenig notwendigerweise das beste) Mittel, um eine Bibel zu verbrennen. Was der Selbstschöpfer in diesem Fall verbrennen will, ist der sakrale Griff mit dem das Buch ihn gebannt hält, der ihn dazu bringt, daraus nicht Werk- und Spielzeuge daraus für sein eigenes Stück der Selbst- und Weltschöpfung zu stehlen, sondern darin universell anwendbare Antworten zu suchen. Um diese Heiligkeit auszulöschen, um sie niederzubrennen, ist das beste Werkzeug die sarkastische Verhöhnung und das Gelächter. Sarkasmus und Verachtung, die so oft und großzügig angewandt werden, wie nötig, um den Makel des heiligen vollständig auszulöschen.

Und wenn die Bibeln, die du verbrennen must, die Schriften von Stirner oder Nietzsche sind, die du für die in Heilige Schriften verwandelt hast – Nun, dann hast du Glück gehabt. Diese Schriften bieten selbst endlose Beispiele dafür, wie das Heilige mit der sarkastischen Säure ausgelöscht werden kann. Also stehle diese Klugscheißer-Waffe des Verstands von deinen grinsenden, gottlosen Göttern. Sie sind tot … sie können dich nicht daran hindern! Und dann verleibe sie deiner eigenen, einfältigen, verehrenden Einstellung ein. Dann solltest du feststellen, dass du die Bücher in Werk- und Spielzeuge, mit denen du spielen kannst, zurückverwandelt hast … Und wenn nicht … ?

Dann werfe deinen Stirner und deinen Nietzsche das nächste Mal, wenn du ein großes Lagerfeuer machst, hinein, lache dabei laut und singe „Stirner ist tot! Nietzsche ist tot! Ebenso tot und verschwunden wie Gott!!!“ Denn wenn du schließlich bereit bist, ohne jede Bibel zu leben, kannst du dir immer noch neue Exemplare dieser Bücher stehlen.

Übersetzt aus dem Englischen: Burn all Bibles von Apio Ludd in My Own #24

[Besançon, Doubs (Frankreich)] Zwei Texte zur Verhaftung eines Gefährten

Besançon: über die Einsperrung eines anarchistischen Gefährten

Indymedia Nantes, 5. Oktober 2020

Am 27. März 2020 wurde ein Mobilfunkmast am Fort de Brégille in Besançon, im Doubs, angezündet. Am 10. April sind zwei andere Masten, die mehrere Dutzend Meter voneinander entfernt standen und auf dem Mont Poupet über Salins-les-Bains, im Jura, standen, in Flammen aufgegangen. Sie sind nicht die Ersten, die ein wärmendes Ende erfahren haben, da seit zwei Jahren mehr als hundert dieser Herrschaftsstrukturen sabotiert worden sind, davon bereits mehr als zwanzig nur in der Zeit des Lockdowns im Frühling – anders gesagt quasi alle zwei Tage einen – und insgesamt um die sechzig seit Beginn des Jahres. Und es sind auch nicht die letzten, da der Kampf gegen die technologischen Käfige sich aufs Schönste fortsetzt, ohne auf die Ankunft von 5G zu warten, um sich die Mobilfunkmasten und Glasfaserkabel vorzunehmen, so sehr sind sie bereits von vielen als Ärgernis identifiziert worden, wenn es um Kontrolle geht, um Überwachung, Entfremdung, Enteignung oder Restrukturierung der Wirtschaft.

Am Dienstag, den 22. September im Morgengrauen, wurden drei Personen in Besançon wegen der Angriffe am Fort de Brégille und in Salins-les-Bains im Auftrag eines Untersuchungsrichters aus Nancy von den Bullen der Section de recherches (SR) des Polizeireviers dieser Stadt und durch die Kettenhunde der Direction interrégionale de police judiciaire (DIPJ) von Dijon verhaftet und ihre Wohnungen durchsucht. Während zwei der beiden nach 24 Stunden entlassen wurden, nachdem sie ihre DNA abgegeben haben, wurde gegen die dritte Person hingegen wegen „Zerstörung durch gefährliche Mittel“ Anklage erhoben und diese schließlich ins Gefängnis von Nancy-Maxéville gebracht.

Diese dritte Person, der die Zerstörung von Mobilfunkmasten während des Lockdowns vorgeworfen wird, ist ein anarchistischer Gefährte aus Besançon, B., der seit langem die Liebe zur Freiheit und den Hass gegen jede Autorität fest in sich trägt. Er ist derzeit in Untersuchungshaft, vorerst für vier Monate mit Möglichkeit der Verlängerung. Darüber hinaus ist im Rahmen dieser Ermittlung zumindest sicher bekannt, dass die Bullerei versucht, DNA-Treffer zu finden, sich für die Körpergröße möglicher Verdächtiger interessiert und sich nicht gescheut hat, mehrere Namen anderer lokaler Gefährt*innen zu nennen, um sie in Gewahrsam zu nehmen. Sie hat sich auch für die IGN-Karten [topographische Karten des frenzösischen Vermessungsamts] interessiert oder für eine anarchistische Broschüre, die aus dem Deutschen übersetzt wurde, „Brûler les foyers du virus technologique“ [1], die sie bei ihren Durchsuchungen gefunden haben. Nach unseren Kenntnissen ist der Gefährte immer noch im Gefängnis von Nancy am Einleben, im Rahmen der automatischen Covid-19-Isolationshaft hat er eine erste Erlaubnis zum Einkaufen erhalten und zeigt gute Miene.

Möge jede*r auf die Art und Weise, die er*sie für die angemessenste hält, sich dem Staatsterrorismus und dem demokratischen Totalitarismus widersetzen, von dem die schöne neue technologische Welt sicher einen seiner Pfeiler bildet. Und da es allgemein bekannt ist, dass Angriff die beste Solidarität ist… jede*m seinen*ihren Mast!

Einige anarchistische und solidarische Kompliz*innen

4. Oktober 2020

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[Text ohne Titel der Kumpelinen und Kumpels von B., der nach seiner Verhaftung in den Straßen und Lokalen von Besançon verteilt wurde.]

Per E-Mail erhalten.

Am Abend des Mittwochs, den 23. September, haben wir von der Einkerkerung in U-Haft unseres Gefährten und Freundes B. in die Strafanstalt Nancy-Maxeville in der Lorraine erfahren. Nachdem bei ihm zuhause ebenso wie bei seinem Bruder und einem anderen Gefährten eine Hausdurchsuchung durchgeführt worden war, wurde B. im Rahmen einer Ermittlung bezüglich der Brandstiftung an mehreren Funkmasten im Doubs (27. März) und im Jura (10. April) in Gewahrsam genommen und zum Kommisariat von Besançon gebracht.

Wir haben und pflegen engen Kontakt zu seiner Familie, um sie in dieser schwierigen Phase, die die Einkerkerung einer nahestehenden Person ist, zu unterstützen, aber auch mit dem Ziel, unserem Freund und Gefährten möglichst viel Unterstützung zu bieten. Diese Unterstützung ist bedingungslos und wir befürworten die Handlungen, die ihm vorgeworfen werden und die darauf zielen eine Welt zu zerstören, die uns zerstört, die darauf zielen mörderische Technologien zu bekämpfen, aus einem gesundheitlichen und sozialen Standpunkt wie auch im Hinblick auf die Umwelt und die ebenfalls darauf abzielen, den Wunsch zu bejahen, im Hier und Jetzt und überall außerhalb des Zugriffs und der Kontrolle des Staates und seiner kapitalistischen Verbündeten zu leben.

Wir erheben unsere Stimmen mit seiner, die heute durch das Gefängnissystem einen Maulkorb verpasst bekommen hat, um die autoritären und demütigenden Auswüchse anzuprangern, die uns jeden Tag in unseren Gesellschaften mehr aufgelegt werden. Wir profitieren von dem, was uns an Freiheit bleibt, um unseren Ekel über die Kerker, die heute unseren Gefährten und Freund neben zehntausenden anderen gefangenen Personen einsperren, hinauszuschreien. Unsere Kritik an den Orten der Einsperrung kann sich tatsächlich nur steigern, wenn wir die aktuellen Haftbedingungen kennen, die sich durch die COVID-Maßnahmen verschlimmert haben: Isolation, Besuchsverbot, Verbot von Freizeitaktivitäten, Videokonferenzen…

Um ihn zu unterstützen, findet ihr Spendenboxen in mehreren Städten, die wir euch schnellstmöglich kommunizieren werden. Eine Spendenkasse ist ab jetzt in der Bibliothek Autodidacte an der Place Marulaz in Besançon zu finden. Das Geld wird für die Gerichtskosten und die Reisekosten für seine Familie von Besançon nach Nancy verwendet. Die Kosten für die Haft und das benötigte Geld für den Knasteinkauf werden von der Kaliméro-Kasse übernommen. Momentan verfügen wir noch nicht über die Ermittlungsakten, aber angesichts der Vorwürfe, die B. gemacht werden. riskiert er mehrere Jahren Knast.

Unser Schreiben geht heute um die Einkerkerung unseres Gefährten und Freundes, aber natürlich vergessen wir all die anderen Gefangenen und Verfolgten im Rahmen dieses erbitterten Kampfes gegen die Einführung der neuen Pseudo-Informations- und -Kommunikationstechnologien, die nur den Interessen der Herrschenden dienen, nicht. Ihnen unsere Unterstützung.

Mittwoch, den 30. September,
Einige Kumpels und Kumpelinen von B. aus Besançon

 

Quelle: Sans Nom

Anmerkungen der Übersetzung

[1] Auf deutsch „Die Herde des technologischen Virus anzünden“; diese Broschüre enthält eine Übersetzung des Textes Wann, wenn nicht jetzt? aus dem Zündlumpen Nr. 064, plus anhängig zwei weitere Texte aus derselben Ausgabe Brenn, Funkmast, brenn – eine kleine (unvollständige) Chronik und Flammende Spaziergänge entlang der Bahngleise und einen Text mit dem Titel „Sabotages contre la normalité numérique [Sabotagen gegen die digitale Normalität], erschienen bei Sans Attendre Demain.

Wenn ich schon einen Todesvirus „verbreite“, warum dann nicht „freudig“?

Eine leicht angepisste (ernsthaft, „Was ist eure Position zu Ökoterrorismus bzw. -faschismus?“) Antwort auf einen Leserbrief zum Artikel „Alkoholverbot statt Ausgangssperre

Sind Massensterben und Tod irgendein ein fruchtbarer Boden für ein freiheitliches Leben? Wohl kaum. Und als Autor*in des Artikels „Alkoholverbot statt Ausgangssperre“ würde es mich doch wundern, das gesagt zu haben. Und doch findet sich in diesem Artikel das folgende Zitat – das ich gleich noch weiter kontextualisieren will:

„Nein, wenn ich hier die Logik der Argumente für unsere Einsperrung untersuche, dann nur um zu beweisen, wie idiotisch das Ganze ist, ohne dabei zu verschleiern, dass selbst wenn Covid-19 den Untergang der Menschheit bedeuten würde, ich noch immer die orgiastisch-gewissenlose und freudige Verbreitung eines Todesvirus der sterilen Langeweile und dem vereinsamten sozialen Massensterben vorziehen würde.“

Ist die „einzige Art und Weise mit einer tödlichen Pandemie anti-autoritär umzugehen […] diejenige […], die „freudige Verbreitung eines Todesvirus“ zu betreiben?“, wie du fragst? Habe ich das gesagt? Ich sprach davon, was ich  aus diesen beiden Optionen vorziehen würde. Ebenso wie du finde ich es auch müßig, mir hier irgendwelche Gedanken über meine Möglichkeiten außerhalb dieser „unterjochten Welt“ zu machen. „No Future“ eben. Nein, was ich in diesem Zitat tue, ist zwei – mehr oder weniger genau so – im Raum stehende Möglichkeiten zu vergleichen, die beide in dieser Welt entstanden sind. Ich übernehme dabei freilich auch ein von außen übergestülptes Narrativ – das des absichtlich Corona-verbreitenden Partygängers – auf eine mehr oder weniger sarkastische Art und Weise, das so freilich völliger Unfug ist, denn auch wenn man sich allgemein sicher gerne darüber lustig macht, die Erzählung der „gewissenlosen Superspreader“ für sich übernimmt, so dürfte am Ende doch jede*r mit ein bisschen Sinn für Sarkasmus erkennen, dass Ziel der von mir als „orgiastisch-gewissenlose und freudige Verbreitung“ beschriebenen Weiterführung des Lebens nicht das Verbreiten von Corona oder eben eines gedachten Todesvirus ist, sondern eben sich zumindest nicht auf eine Art und Weise einzuschränken, der umgekehrt „sterile Langeweile und […] vereinsamte[s] soziale[s] Massensterben“ gegenübergestellt wird. Aber vielleicht ist der konkrete Anlass für die Wahl meiner Benennung auch nicht so wichtig und lenkt eher vom Thema ab.

Wichtig finde ich dagegen durchaus, und ich glaube, das weißt du bereits, was ich in meinem Text mit „verbreiten“ meine. Wie verbreitet man ein Todesvirus freudig, könnte man fragen. Und die Antwort ist: Indem man es nicht absichtlich tut, aber eben auch nicht so tut, als gäbe es eine Möglichkeit, auf die Verbreitung des Virus auf einer individuellen oder auch nur kollektiven Ebene zu verzichten. Für mich ist es nicht das individuelle Verhalten und auch nicht das kollektive Verhalten innerhalb der Strukturen unserer Zivilisation, das eine Ausbreitung des Virus verhindert oder befördert. Für mich ist es die Zivilisation, in der wir leben, selbst, die die Verbreitung des Virus – sei es nun ein Todesvirus oder nicht –, bestimmt. Zunehmend sich einander angleichende Lebensbedingungen, Massenmobilität, sowie die kurze Zeitdauer in der es möglich ist, beliebige Strecken zurückzulegen, die globale Vernetzung der Logistik des Kapitalismus, durch hygienische Umgebungen und Gebräuche, sowie einer stets sofortigen medikamentösen Einwirkung verlorengegangene Immunkräfte der Menschen, und vieles mehr, all das spielt für mich eine weitaus größere Rolle für die Verbreitung eines (Todes-)Virus, als es mein individuelles Sozialverhalten – was ja auch nicht ohne das Verhalten meines Gegenübers stattfindet – jemals könnte. Wenn ich also davon spreche, ein Todesvirus „freudig [zu] verbreiten“, dann meine ich nicht etwa, mit einer Spritze umherzulaufen und es anderen zu injezieren (was vielleicht der Ansatz irgendwelcher Ökoterrorist*innen bzw. -faschist*innen wäre, wenn du schon nach meinem Verhältnis zu diesen Ideologien fragst), ja nichteinmal, dass ich mich in ein Flugzeug setze und möglichst viele Orte aufsuche, um in Kontakt mit möglichst vielen Menschen zu kommen, nein ich meine damit raus zu gehen, auf die Straße (den Eintritt in einen Club, ins Theater oder sonstwohin, wo sich drinnen viele Leute versammeln könnte ich mir sowieso nicht leisten, selbst wenn er offen hätte, und ich wollte vermutlich auch nicht) und einfach weiterhin Menschen in meinem Umkreis zu treffen. Das kann freilich niemand so genau wissen, wenn sie*er das Wort „verbreiten“ hört, magst du nun teilweise zu Recht, teilweise zu Unrecht entgegnen. Aber ich denke doch, dass der Kontext meiner Äußerung zumindest das (Ökofaschismus-) Extrem des mit der Spritze rumlaufens oder irgendwie anders ganz bewusst einen Todesvirus in Umlauf bringens, verneint haben dürfte. Falls nicht, dann wäre das aber zumindest jetzt hoffentlich geklärt.

Aber warum dieses „freudig“? Naja, Gegenfrage: Warum denn „traurig“, „schlechten Gewissens“, „emotionslos“, usw.? Warum nicht zur Abwechslung mal freudig? Wenn wir uns tatsächlich in der hoffnungslosen Situation des „Ein Todesvirus geht um“ befänden, würdest du es dann vorziehen, darüber zu verbittern? Ich jedenfalls nicht.

Und will ich „den ‚Untergang der Menschheit‘ vorantreiben?“ Oder wäre ich darüber erfreut? Ich denke das kommt darauf an, wie man den Begriff Menschheit deuten will. Wenn du darin nichts mehr als die Gesamtheit der Menschen siehst, dann freilich nicht, wenn du darin die Spezies Mensch siehst, also vor allem die Frage, ob die Menschen sich eine weitere Generation reproduzieren können, dann ist es mir egal und wenn du darin irgendein Ideal siehst, dem alle Menschen irgendwie unterworfen sind – ohne das jetzt hier im Detail auszuführen, aber gerne ein anderes Mal –, ein Ideal, das auch die Zivilisation zu beinhalten scheint, dann lautet meine Antwort ja. Ja, ich denke ich will den „Untergang der Menschheit“ vorantreiben, auf dass wir uns irgendwann nicht mehr als Menschen, sondern als Individuen begegnen, als einzelne Entitäten und nicht als verschiedene Abbilder desselben Ideals. Aber ich denke das ist nicht das, was du unter Menschheit verstehst.

In deiner falschen Binarität „einer generellen Misanthropie oder […] Zynismus und Arroganz“, in der du meine Äußerung siehst, will ich mich gar nicht verorten und auch die Vorstellung von „Solidarität und Hilfe gegenüber allen unterdrückten Individuen, die sich mir gegenüber ebenso verhalten“ schließe ich doch gar nirgends aus. Aber „Solidarität und Hilfe“ sind für mich andere Fragen, als die Frage danach, ob ich nun rausgehe und dabei ein Virus „verbreite“, oder ob ich mich für etwas anderes entscheide. Und auch wenn ich weiß, dass du es so nicht gemeint haben wirst, will ich dir hier schon aus Rache für die Frage nach meiner Haltung zum „Ökofaschismus“ eine Gegenfrage stellen: Ist dein Einspruch vielleicht doch nichts anderes als, unter Annahme anderer Bedingungen (der Existenz eines Todesvirus), diejenigen, die dann weiterhin rausgehen wollen, mit den Fesseln der Moral zu binden?

Ich jedenfalls sehe die einzige Lösung für die Idee „jegliches unnötige Elend und Leid zu beseitigen und vermeiden“ darin, jeder*m die Möglichkeit zu verschaffen, dies selbst zu tun. Und so drängt es mich danach, die Zivilisation als den fruchtbaren Boden, auf dem „Kapital und Staat“ gedeihen konnten, zu zerstören, auf dass, was immer danach kommen möge, ein*e jede*r sein*ihr Leben in die eigenen Hände nehme.

Ein Leserbrief zu „Alkoholverbot statt Ausgangssperre“ (aus Zündlumpen #074)

Liebe Zündlumpies,

mit Verwunderung habe in euren Text „Alkoholverbot statt Ausgangssperre“ folgendes Zitat gelesen: „[…] dass selbst wenn Covid-19 den Untergang der Menschheit bedeuten würde, ich noch immer die orgiastisch-gewissenlose und freudige Verbreitung eines Todesvirus der sterilen Langeweile und dem vereinsamten sozialen Massensterben vorziehen würde.“ Ich habe an eurer Kritik und Feindschaft gegenüber der Ausgangssperre und den anderen staatlichen Maßnahmen rein gar nichts auszusetzen, jedoch habe ich mich gefragt, inwiefern ihr denkt, dass Massensterben und Tod irgendein fruchtbarer Boden für ein freiheitliches Leben sind. Ich frage mich, ob die einzige Art und Weise mit einer tödlichen Pandemie anti-autoritär umzugehen und sich im Angesicht dieser zu organisieren diejenige ist, die „freudige Verbreitung eines Todesvirus“ zu betreiben. Ich habe dazu keine Antworten, vor allem da die Möglichkeiten dies auszuprobieren in dieser unterjochten Welt ohnehin sehr begrenzt sind und man wohl nur frei von Herrschaft damit experimentieren kann. Mein Punkt ist vor allem derjenige, dass es mich irritiert, dass ihr einer solchen Perspektive des Massensterbens „freudig“ entgegenzublicken scheint. Wollt ihr den „Untergang der Menschheit“ vorantreiben? Hat ein Massensterben irgendeine revolutionäre Perspektive oder sehnt ihr euch danach von euren Liebsten umringt zu sein und diese krepieren zu sehen? Was ist eure Position zu Ökoterrorismus bzw. -faschismus? Dieses Zitat von euch zeugt entweder von einer generellen Misanthropie oder von Zynismus und Arroganz… ein Boden, welcher nicht besonders fruchtbar ist um soziale Revolten und sozial-revolutionäre Perspektiven zu entwickeln. In meiner Vorstellung von Anarchie ist die Feindschaft und der Angriff gegenüber denjenigen, die mich und andere unterdrücken wollen, stets eng verbunden mit einer Grundeinstellung von Solidarität und Hilfe gegenüber allen unterdrückten Individuen, die sich mir gegenüber ebenso verhalten. Aus dem Antrieb sich von Staat und Kapital befreien zu wollen, diese zu zerstören und dafür so viel Gewalt wie nötig anzuwenden, entspringt ebenso die Idee jegliches unnötige Elend und Leid zu beseitigen und vermeiden… im besten Falle spiegelt sich diese Idee von Solidarität in unseren Beziehungen und Gemeinschaften wider, in der Zärtlichkeit, dem Vertrauen, der gegenseitigen Freude und Freundschaft.