Tag Archives: Mobbing

Yuppies mobben??

Zum Artikel „Mobbing als Methode im Kampf gegen Gentrifizierung?

Erstmals: im Artikel ein Manöver, welches von der Frage ablenkt: es geht niemandem darum, vermeintliche Yuppies zu mobben. Ebenso ist die Gleichsetzung der Propagierung von Mobbing mit Propagierung von Pogromen und Vergewaltigungen welche im Text gemacht wird, wohl zur Ablenkung vom Thema eingestreut, als würde es sich um das gleiche handeln!?! (Und dann wird im Text noch von Verharmlosung gesprochen, während die Gleichung aufgemacht wird: Mobbing = Pogrom… What the fuck!)

Die Frage die ich hier behandeln will, ist bloß die folgende: ist die Parole „Yuppies aus der Hood mobben“ irgendwie zu rechtfertigen? Und ich persönlich denke: ja. Es ist hier nicht meine Absicht, irgendjemandes Persönlichstes anzugreifen, ja, ich persönlich finde die Parole weder sonderlich geschmackvoll (viel eher geschmackslos, was aber wahrscheinlich auch Absicht ist: zu schocken) noch würde ich sie unbedingt so vertreten. Und ich glaube auch die Gefühlslage des Autors des kritisierten Artikels mehr oder weniger nachvollziehen zu können. Aber es ist nun einmal nicht das, worum es gehen sollte…

Es ist nun auch nicht meine Schuld, dass Leute glauben, sowas, sowie auch andere, ähnliche Themen (z.B. in „Der Keim der Herrschaft“ in ZL Nr. 17), zu einem größeren Thema machen zu müssen, als es meiner Ansicht nach sein müsste… ja, eigentlich finde ich es sogar nervig, dass dieses Thema soviel Platz einnimmt (nicht das Thema Mobbing, sondern die Kritik an dessen taktloser Verwendung, um klar zu sein). Aber wenn die Lage nun einmal so ist, dann denke ich, es ist auch mal an der Zeit,
diese Form der moralischen und politisch korrekten Kritik nicht unwidersprochen zu lassen.

Im Artikel werden andere dafür kritisiert, den Begriff Mobbing in gewissen Fällen zu bejahen. Ich frage mich zuallererst, wieso dieses Thema einen Leitartikel [Es gibt keine Leitartikel im Zündlumpen; Anm. d. Red.] wert ist, aber ja, darüber lässt sich streiten, oder vielmehr glaube ich auch: darüber sollte gestritten werden. Ich frage mich zum zweiten, weshalb Leute nicht kurz und knapp darstellen können, wieso sie selber nicht so reden (wollen), ohne auf Geschmackslosigkeiten anderer herumzuhacken. Nein, vielmehr reiten sie darauf herum, unterstellen dann noch andern eine autoritäre Haltung, ja, sind scheinbar viel zu sehr auf die Korrektheit der Tätigkeiten bzw. Äußerungen anderer fixiert sind, ohne das Brett vorm eignen Kopf zu sehen. Und ich glaube, dass die Ambivalenz der fraglichen Parole eigentlich allen klar ist. Ist das nicht gerade der Witz? Aber ja… alles der Reihe nach.

Das Wort „Mobbing“, das dem Englischen entlehnt ist, und außerhalb akademischer Kreise wohl noch nicht allzulange im deutschsprachigen Raum verbreitet ist, wird im Zündlumpen als ein Wort ganz ohne Mehrdeutigkeiten dargestellt. Dabei ist das offensichtlich nicht so einfach. Das Wort leitet sich relativ offensichtlich von „mob“ ab. Und Mob ist meines Wissens ursprünglich (und teils auch aktuell) v.a. eine abwertende Bezeichnung für revoltierende Ansammlungen von Leuten; aus der Warte herrschaftlicher Gesellschaftskreise natürlich. Z.B. auf Wikipedia, die Plattform, die heute das Verständnis von Begriffen in breiten Bevölkerungsschichten prägt, steht aktuell: „Der negativ besetzte Begriff Mob bezeichnet eine mehr oder weniger bestimmte Gruppe von Personen, die ohne erkennbare Führung zusammen agiert. Der von sich aus, gruppendynamisch handelnde Mob hat kurzfristige destruktive Ziele (Plünderung, Zulauf zu öffentlichen Hinrichtungen und dergleichen), seine radikale Äußerung ist der Aufruhr, die Emeute.“ Also, das tönt doch erst einmal teils ganz im Sinne des ZL. Aber ja, natürlich, Begriffe haben ihre eigene Entwicklung, und Etymologie ist eine beschränkte Methode zur Erkenntnis von Bedeutung.

Der Begriff Mobbing wird in den deutschsprachigen Raum, über den Umweg der Verhaltensforschung bei Tieren, von einem Soziologen, Heinz Leymann, eingeführt, und zwar in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Nach diesem Konzept und ähnlichen, sämtlich der Soziologie entstammend, wird der Begriff im allgemeinen Bewusstsein geprägt.

Das Mobbing sehr unterschiedliches bedeuten kann, ist, denke ich, offensichtlich. Im Artikel im ZL kommt nun die Sichtweise einer Person ins Spiel, welche von Mobbing betroffen war. Diese persönliche Erfahrung wird hervorgehoben und das Anliegen vertreten, dass sowas niemandem angetan werden sollte. Es wird implizit behauptet, dass Yuppies aus der Nachbarschaft zu mobben, eine „neue Form der Herrschaft und Ausbeutung“ hervorbringen würde, und nicht als befreiende Gewalt gelten könne. Es wird impliziert, dass der Begriff Mobbing genügend klar definiert sei und dass dies sich somit von selbst verstehen müsste.

Nun, ich bin kein Experte zu Mobbing, ich habe generell Probleme mit soziologischen Überbegriffen… weshalb es mir so vorkommt, dass der Begriff Mobbing für mich eher unbrauchbar erscheint. Solche Begriffe verdecken oftmals eine vorherige sprachliche und reale Vielfalt, ja, ihre inflationäre und moralistische Nutzung ist oftmals selbst ein Zeichen des aktuellen sprachlichen Zerfalls, zu dem man ja stehen mag wie man will. Zumindest gibt es in meiner Welt eine Vielfalt von Begriffen wie hänseln, schikanieren, provozieren, zeukeln, bedrohen, ausschließen, diskriminieren, verarschen, necken, drangsalieren, witzeln, bedrohen, jemanden fertigmachen, jemanden auf die Palme bringen… um nur einige hierhergehörige, eher weniger eskalierte Nuancen zu nennen. Aber zumindest scheint mir der Begriff „Mobbing“ eine Vielfalt von Dingen zu beschreiben, unter welche auch verschiedene Formen des Widerstands und der Rebellion fallen können, auch solche Formen, welche von Anarchisten normalerweise nicht mit allzu viel Vorbehalten betrachtet werden.

Man stelle sich z.B. den Yuppie vor. Dieser ist durch sein Aufstreben in der Klassenhierarchie eine besonders schwierige Figur, vor allem wenn er gerne in einem eigentlich armen Viertel einzieht, wo viel geht, und diese seine persönliche Geschmackssache, welche er oft nicht Ansatzweise im gesellschaftlichen Kontext sehen kann, für andere schlimme Folgen hat. Die Leute müssen dann bald „ihr Quartier“ verlassen, weil irgend so neureiche Schnösel gerne da leben (hier also dann die folgliche „Relation zu ihren Taten“). Nun macht es vielleicht Sinn, diesen ihre gesellschaftliche Rolle rein logisch klar zu machen, sie nicht gleich dafür anzugreifen. Aber viele sehen darin keine Möglichkeit, und sie wurden vielleicht sogar schon verdrängt, in ein Elend gestoßen, ihres gewohnten und scheinbar gewünschten Umfelds beraubt, ihrer Kultur und Integrität. Und sicher nicht allzu wenige von ihnen wurden von diesem subtilen Prozess in Selbstmord gedrängt, das scheint klar. Nun ist es doch ganz naheliegend, solchen neureichen Zuziehern ihr Leben zur Hölle zu machen. Ob da Methoden mit vorkommen, die als „mobbing“ bezeichnet werden können? Zumindest kann es, aus reiner Selbstverteidigung, Sinn machen, Mobs zu bilden, und diese Leute zu bedrohen, zu berauben, und noch schlimmeres, was in einigermaßen rebellischen Quartieren, von welchen es in Deutschland nicht allzuviele gibt, keine Ausnahme darstellt.

Ich persönlich habe gewisse Probleme mit der Territorialität dieser Konflikte, ja, aber es geht bestimmt um eine gewisse Machtproblematik, um einen Klassenkonflikt, der nun halt mal einfach da ist. Und wenn ich mich in diesen Yuppie hereinversetze, dann muss ich sagen, ich will nicht in seinen Schuhen stecken, wenn er angegriffen wird (was allerdings eher selten passiert). Genauso, wie ich nicht umgebracht, verprügelt, ausgeschlossen, verdrängt, angegriffen, bedroht werden, oder meine Sachen abgefackelt bekommen will. Aber trotzdem betrachte ich diese Tätigkeiten als mögliche Kampfmethoden.

Ich stelle mir nun eine Person vor, der z.B. das Auto zerdeppert wurde, weil sie einen Typen verlassen hat. Ihr wird das Auto gesmasht, vandalisiert, vielleicht sogar abgefackelt. Oder eine ähnliche Geschichte mit einem mehr mafiösen Hintergrund. (Und das wird ja dann von dir „verharmlost“, oder stimmt es etwa nicht?). Diese Person wird genau die gleichen Probleme, mit der gleichen Berechtigung mit der Methode des Autoanzündens haben, wie du sie mit dem hast, was du als Mobbing identifizierst. Wenn die Person nicht über ihren eigenen Schatten springen kann. Gewalt ist unschön, brutal, zerstört Leben, und zwar so richtig, und ich denke, es macht deshalb wohl Sinn, sie wenn, dann gezielt einzusetzen. Aber ja, angesichts des Elends, welches die Aufwertung mit sich bringt, denke ich, kann den (potentiell) Verdrängten die Subjektivität der Avantgarde der Aufwerter herzlich egal sein (welche sich in den Medien, zu welchen sie besseren Zugang haben, dann super als Opfer stilisieren können).

Schon bei Beginn der anarchistischen Bewegung wurde von einigen (nicht allen) betont, dass die Gewaltexzesse vorkommen werden, aber nicht wirklich wünschenswert sind. Vielmehr macht es Sinn die Strukturen anzugreifen, um die Menschen zu schonen. Dieser humanistische Ansatz mag einigen mehr und anderen weniger taugen. Aber andere zu kritisieren, weil sie Yuppies mobben wollen? Man denke an Zeiten, wo Anarchisten den motivlosen Terror gegen die Bourgeoisie vertreten haben, um diese in Angst und Schrecken zu versetzen… ich denke, auch dass könnte angebracht sein, und in solcher Gewalt übernimmt man sich hierzulande allemal schwerlich, denn hier wird ja den Yuppies und erst den wirklich Reichen eigentlich normalerweise kein Haar gekrümmt.

Aber jetzt denk ich mir, die Person wird antworten, dass das ja eben kein Mobbing sei. Aber, dann schau dir den Diskurs über Mobbing mal genauer an und stell dir vor wie z.B. die Methode, besonders autoritäre Vorarbeiter und Chefs einfach umzubringen, wie sie oft, und bestimmt in (zumindest hierzulande) brutaleren, eskalierteren Zeiten, vorgeschlagen und auch umgesetzt wurde, von einem Soziologen wie Heinz Leymann bezeichnet werden würde…? Das ist noch schlimmer als einfaches Mobbing! Das ist die totale Eskalation des „Staffing“, des Mobbing von Unten (und somit möglicherweise schon kein Mobbing mehr?)! Eine Analyse der gesellschaftlichen Konflikte, eine Klassenanalyse, eine Unterscheidung zwischen Schikane an den Unteren und Rache an den Oberen, scheint Heinz Leymann zwar zu machen, ihm ist aber der qualitative Unterschied entgangen. Vielmehr ist sein Ziel der Arbeitsfriede, dieser falsche soziale Friede der friedlichen Konkurrenz, der so viele auch ohne Mobbing in den Selbstmord treibt. Während die Akzeptanz der Hierarchien, das Schlucken der Autorität an sich wohl so was wie das „horizontale Mobbing“ erst erzeugt, wenn erstmal die anderen Konflikte demokratisch abgeschwächt wurden (persönliche „autoritäre Autorität“ wird ersetzt durch eine „flache Hierarchie“, „Netzwerk“, u.ä.), wollen Leute wie Leymann auch noch diesen Makel beseitigen. Und zwar mit einer demokratischen Zielsetzung (Friede zwischen Kapital und Arbeit). Aber, uns Anarchisten kann es ja nicht um eine noch krassere Unterdrückung aggressiver Regungen gehen, sondern nur darum, diese Aggressionen zu verstehen, ihre Herkunft zu verstehen, und sie gegen jene Verhältnisse und Personen zu richten, welche sie erzeugen. „Die Entfesselung der bösen Leidenschaften“ hat das mal jemand genannt… Und der Kampf gegen Mobbing ist eben gerade der Kampf zur Fesselung und Sublimation der bösen Leidenschaften, und somit sämtlicher Leidenschaften, denn die Leidenschaften – sie lassen sich schwerlich trennen.

Statt Zähmung der Klassenkonflikte (unter dem Deckmantel des Spuks des „Kriegs aller gegen Alle“) in der immer erstickend-friedlicheren Konkurrenz, deren Aufgreifen in einem revolutionären Bruch mit der Konkurrenzlogik, in dem die Leute ein generalisiertes und eskaliertes staffing anwenden, natürlich ein spezifisches, damit jedes bossing unmöglich werde und einst Tage kommen, in denen jede Form des mobbing gar kein Bedürfnis mehr ist, weil die Gemeinschaften nicht mehr den Beigeschmack des Zwanges tragen… so könnte man in der Sprache der Mobbing-Soziologie wohl etwas plump eine gewisse, teilweise vielleicht veraltete und zu einfache Revolutionsvorstellung der freiheitlichen Arbeiterbewegung bezeichnen. Zumindest aber ist das Konzept „Mobbing“ als eine Verschleierung im Sinne von Aufstandsbekämpfung zu verstehen, als eine Befriedungsmethode zur Prävention von Arbeitskämpfen. Und natürlich wird es im Gebiet von Schulen oft etwas anders benutzt, aber zurecht?

Die These im hier kritisierten Text ist es zumindest anscheinend, dass Mobbing in jedem Fall eine Art ressentimentgeladene Aktivität sei, welche herrschaftliche Strukturen stützt oder weiterführt (und zwar, weil sie die problematische Mentalität bei belässt). Und das wird wohl in vielen Fällen stimmen. Aber es ist auch schwierig, die Kritik an Ressentiment, wie weit soll sie gehen? Bin ich da selber gefeit von? Ist es nicht vielmehr so, dass man es schaffen müsste, den Yuppies mehr entgegenzusetzen? Und nicht nur ihnen, die gerade per Zufall in dieser Rolle sind… Ist es nicht so, dass Lehrer geplagt werden, während es wünschenswert wäre, man könnte die Mechanismen der Schule einfach außer Kraft setzen? Sie zerstören, nicht als Gebäude nur, sondern als Institution..? Und ist es nicht so, dass revolutionäre Gewalt immer die Problematik der möglichen Verrohung ihrer Ausübenden mit sich bringt? Was kein Argument gegen sie ist… sondern eine stete Frage.

Aber meine Frage ist vielmehr: die Art wie im Artikel darüber geschrieben wurde, klärt sie die Frage auf, oder ist es vielmehr eine Kritik, welche moralisch ist? (und ist Moralismus nicht auch Produkt von Ressentiment?)

Ist die psychologische Dynamik des Mobbings gegen unten (= „Bossing“) und des Mobbings gegen oben (= „Staffing“) wirklich dieselbe? Werden die wohlmeinenden Lehrer (die auch im Zündlumpen wie Gefängniswärter behandelt werden, was ich schwierig finde) denn nicht einfach so brutal behandelt, wie es eigentlich dem brutalen Lehrer gelten würde, quasi anstelle des größten Tyrannen die einfach angreifbare Autoritätsperson, welche Schwachstellen zeigt? Und ist dieses Mitleid mit dem fraglichen Lehrer, welches ich angebracht finde, da solche Leute effektiv Opfer einer Dynamik sind, einer Dynamik, deren Existenz sie selber total schockiert… ist dieses Mitleid auch am Platz wenn es um den Lehrer handelt, der immer gleich das Lineal bei der Hand hat, und zwar nicht zum vermessen? Ist dort Mobbing unangebracht? Ist es zu verurteilen, wenn die Methoden nicht anarchistisch genug sind?

Das Wort Ausschluss tönt zumindest für viele erstmals schlecht. Aber gewisse „Normen“ (nicht das mir das Wort gefällt) wie z.B. keine Denunziation, u.Ä. sind eben meiner Meinung nach schon wertvoll… und da wären wir dann schon bei der Problematik von horizontalem Mobbing. Der Ausschluss von Herrschervorrechten aber versteht sich im Anarchismus ohnehin von selbst. Wollen wir nicht alle Herrschaft und ihre Träger aus unserem Leben ausschließen? Sogar gänzlich loswerden? Und wenn wir es nicht schaffen, so sind wir eben oft zumindest ein bisschen gemein, terrorisieren die Psyche von Leuten, hoffentlich den richtigen, auch wenn es nur kleinere Kollaborateure sind, machen Aktionen, die eigentlich zu kurz greifen, sogar danebenschlagen, versuchen es zumindest, um nicht gänzlich im Ressentiment zu verenden, um zumindest etwas Aggression dahin zu tragen, wo sie hingehört… oder zumindest näher ran… das ist menschlich, aber wohl nicht immer die Revolution…

Und ich will hier den ZL explizit einschließen, in welchem teils zumindest scheinbar (und relevant ist ja, was zumindest durch diesen Schein propagiert wird) beliebige Zerstörung von Eigentum als revolutionäre Taten gefeiert werden…? Aber selber alles immer furchtbar eng sehen, wenn die falschen Worte benutzt werden. Als würde es um Worte gehen!!! Als wäre das Problemfeld „Mobbing“ geklärt, wenn man den Begriff ablehnt! Als wäre der Zwang in Zwangsgemeinschaften Konflikte führen zu müssen, lösbar, wenn diese und deren Grundlagen noch existieren! Als wäre ein gewisses staffing nicht eine logische Voraussetzung für eine revolutionäre Bewegung, ob man das nun verherrlicht oder einfach nur hinnimmt…

Zumindest ich bin, so glaube ich, wenn Yuppies, und zwar natürlich wirkliche, von armen Quartierbewohnern wirklich mies gemobbt werden, mir im Klaren, auf welcher Seite ich stehe, auch wenn ich im einzelnen vielleicht von der Gemeinheit der Leute geschockt bin und ihre Methoden fragwürdig finde. Zumindest wenn die Gründe die hier besprochenen sind und auch wenn das auch explizit „Mobbing“ genannt würde, was ich zumindest bisher etwas geschmacklos fand… Und wenn ich sie kritisiere, ihre Methoden kritisiere, dann nur durch einen besseren Vorschlag, welcher allerdings nicht von Worten allein abhängt. Und ich denke, das wäre die logische Haltung gegenüber solchen Phänomenen (welche ja hier kaum vorkommen), wenn Anarchisten nicht, ob zu recht oder zu unrecht, bei den Leuten als politisch korrekte Moralisten gelten wollen…

Ah, und: lasst uns einen Mob bilden, um diese Gesellschaft zu zerstören!

Mobbing als Methode im Kampf gegen Gentrifizierung?

Inhaltshinweis: Im folgenden Text geht es um Gewalt, dabei geht es im Besonderen auch teilweise relativ detailliert um Mobbing, jedoch werden auch andere Formen der Gewaltausübung, wie beispielsweise sexualisierte Gewalt oder Pogrome, genannt.

In Reaktion auf meinen Artikel „Wer mobbt hier wen?“ aus dem Zündlumpen Nr. 033 bekam ich die Rückmeldung einer Person zugetragen, die den Begriff „Mobbing“ im Kontext von Antigentrifizierungskämpfen verwendet. Dabei sei für sie „Mobbing“ eine Strategie, ohne dabei eine positive Bezugnahme auf den Psychoterror gegenüber Schüler*innen oder anderen Personen zu meinen. In dieser Sichtweise umfasse der Begriff „Mobbing“ eher ein Repertoire an Methoden, das je nach Einsatzzweck ok oder eben nicht ok sei. Das Mobben von Bull*innen, Yuppies, Chefs, Lehrer*innen und sonstigen Personen, die eine Machtposition innehaben oder Privilegien, die zur Verdrängung marginalisierter Personen führen, sei in Ordnung, denn die Mittel von Psychoterror, wie beispielsweise den wiederholten Angriff auf ihr Zuhause, das Taggen von Drohbotschaften oder das Anzünden ihres Autos, seien hier Mittel zum Zweck, nämlich zum Kampf gegen Herrschaft, Privilegien und Verdrängung.

Ich beziehe mich im folgenden Artikel auf die Argumentation, wie ich sie weitergegeben bekommen habe und nutze sie, um noch einmal genauer auf das Thema eingehen zu können, ohne aber wahrscheinlich die ganze Argumentation zu kennen. Ich würde mich deshalb freuen, wenn dieser Artikel zu einer Debatte zu diesem Thema beitragen könnte, sodass ich keine Monologe führe.

Wenn wir uns hier um den Begriff „Mobbing“ streiten, dann sind wir bereits mitten in der schwierigen Frage danach, welche Gewaltmittel im Kampf gegen Herrschaft und Unterdrückung zu Befreiung führen, und welche neue Formen von Herrschaft ausüben. Es gibt Anarchist*innen, die der Meinung sind, dass jede Form der Gewaltausübung bereits die Ausübung von Herrschaft sei. Der Meinung bin ich jedoch nicht, denn ich bin der Ansicht, dass auch das Nichtstun eine Form der Herrschaft sein kann, zumindest das Zulassen und Dulden und Unterstützen von Herrschaft. Ich wünschte, ich wäre damals in der Schule, als ich von vielen ausgelacht und von allen ausgeschlossen war, auf die Idee gekommen mich zur Wehr zu setzen, und zwar in Form von Gewalt, und wäre damals nicht so verdammt pazifistisch gewesen. Ob es was gebracht hätte? Keine Ahnung, vielleicht nicht. Es jedoch einfach hingenommen zu haben und nur versucht zu haben, noch netter zu allen zu sein und dankbar für jedes freundliche Wort zu sein, selbst wenn dieselbe Person am Vortag noch mit den anderen gelacht hat, als ein Witz auf meine Kosten gemacht wurde, das hat mir sicherlich nicht gut getan. Und mich heute mit der Entschlossenheit in den Straßen zu bewegen, dass wenn jemand mich angreift, ich mich verteidigen werde, fühlt sich auf jeden Fall deutlich empowernder an, als mir nur die ganze Zeit zu wünschen, dass ich hoffentlich niemandem als Opfer auffalle, in dem Wissen, dass ich nichts dagegen tun kann. Ich möchte pazifistischen Anarchist*innen nicht unbedingt vorwerfen vollkommen passiv zu sein, jedoch finde ich, dass es auch befreiende Gewalt geben kann und ich wünschte ich hätte davon in meiner Schulzeit Gebrauch gemacht.

Jedoch muss jede*r, die*der befreiende Gewalt ausübt, sich auch fragen, wo die Grenzen liegen, wo die Gegengewalt umschlägt in eine neue Form der Herrschaft und Ausbeutung. Denn ich bin absolut nicht der Meinung, dass der Zweck die Mittel heiligt, dass, wenn mein Ziel die Zerstörung der Herrschaft ist, absolut jedes Mittel, das ich einsetze, diesem Ziel dient. Vermutlich würden alle aufschreien, wenn jemand „Pogrome gegen Yuppies“ taggen würde oder im Kampf gegen Herrschaft Bull*innen vergewaltigen würde. Womit wiederum viele kein Problem mehr haben, ist, wenn es um diverse Diskriminierungsformen geht, wie beispielsweise dickenfeindlich gegenüber einem Nazi zu sein oder Sexismus gegen Bullinnen oder Rassismus gegen MVG-Kontrolleur*innen zu feiern oder sogar selbst zu äußern. Dabei möchte ich nicht alles verurteilen, was Menschen tun, wenn sie durch die Machtausübung einer Person unmittelbar zu leiden haben, wie Schüler*innen, die von Lehrer*innen schikaniert werden oder Menschen, die von Bull*innen fertiggemacht werden, und diese sich dagegen wehren, auch wenn es auf eine miese Art und Weise ist, die ich grundsätzlich nicht gutheißen will. Grundsätzlich muss natürlich auch jede Person für sich entscheiden, wie sie sich zur Wehr setzen will und es ist auch sehr unterschiedlich, welche Mittel einer Person zur Gegenwehr überhaupt zur Verfügung (zu) stehen (scheinen).

Aber kann Mobbing je eine befreiende Wirkung haben? Kann mensch „Mobbing“ als ein gewisses Werkzeugarsenal betrachten, das im Kampf gegen die richtigen Personen eingesetzt werden kann. Meiner Meinung nach ist da das Verständnis von „Mobbing“ einfach falsch und kommt einer Verharmlosung dieser Gewalthandlungen gleich, die ebenso wie bei Vergewaltigungsfantasien à la „Fickt die MVG“ mit aufgemaltem Penis, keine Sensibilität für die Betroffenen solcher Gewalthandlungen ausdrückt, im schlimmsten Fall sogar gutheißt. Irgendwo lassen sich auf den ersten Blick Parallelen mit Mobbing erkennen, denn mensch übe ja wiederholte Angriffe auf „Yuppies“ aus, und mensch versuche, eine Atmosphäre zu schaffen, in der „Yuppies“ sich im Viertel so unwohl fühlen, dass sie wieder wegziehen. Ich kann nachvollziehen, wie mensch diesen Schluss ziehen kann, doch meiner Meinung nach ist Mobbing etwas anderes, und sollten die Handlungen im Kampf gegen Gentrifizierung tatsächlich in Mobbing münden, dann werde ich gegen diese Menschen kämpfen, selbst wenn ihre Absichten noch so edel sein mögen. Denn Mobbing richtet sich gezielt gegen eine bestimmte Person, vielleicht noch gegen einige wenige Personen, die gezielt von einer Gruppe mit den miesesten Mitteln wie Demütigung oder Verleumdung fertig gemacht werden, die in keiner Relation zu ihren Taten stehen. Wenn mensch allgemein gegen „Yuppies“ kämpft, dann richtet sich das nicht gegen eine bestimmte Person – auch wenn mensch da schon ein wenig aufpassen muss, keine verallgemeinerte Personengruppe, die mensch auch meint an äußerlichen Merkmalen erkennen zu können, zu seiner*m erklärten Hauptfeind*in zu machen, der mensch kein Reflexionsvermögen zutraut und in ihnen keine möglichen Kompliz*innen mehr sieht – und bedient sich nicht solcher Methoden. Wenn ich das Viertel besprühe, Dinge dort kaputtmache und sogar ab und an mal ein Auto anzünde, dann damit das Viertel als nicht gemütlich gilt, als hässlich, als ein Viertel, wo du dir nicht sicher sein kannst, dass, wenn du dein Auto irgendwo parkst, es am nächsten Morgen noch heil ist. Das ist jedoch etwas anderes, als wie wenn ich mir jetzt – sagen wir – drei Personen aus diesem Viertel aussuche und diese gezielt fertig mache, unabhängig von ihren Taten, einfach nur, weil sie für mich wie „Yuppies“ aussehen, indem ich ihnen Drohbriefe schreibe, sie verfolge, ihre Verwandten bedrohe, sie nachts anrufe, ein Sexvideo von ihnen ins Internet stelle, sie wegen Kinderpornographie anzeige oder was einer*m sonst noch einfällt, wenn mensch eine andere Person einfach nur zerstören will. Viele der Dinge, die ich gerade genannt habe, finde ich dabei nie in Ordnung, selbst wenn ich der Person real etwas vorzuwerfen habe, denn dann kann ich sie für das kritisieren und angreifen, was sie real getan hat.

Was typischerweise Mobbing ausmacht, ist die Wiederholung von Taten – Mobbing findet selten nur durch ein einziges Ereignis statt, sondern durch eine ganze Reihe an Taten –, die dazu dienen, einen Menschen psychisch fertigzumachen, diesen Menschen also im Extremfall – der allerdings nicht so selten ist – in den Selbstmord oder zum Amoklauf zu treiben. Doch auch wenn es so weit nicht kommt, hinterlässt Mobbing häufig tiefe Wunden, unter denen Betroffene noch jahrzehntelang leiden können. Meine Erlebnisse mit Mobbing sind inzwischen über zehn Jahre her und trotzdem muss ich heute noch weinen, wenn ich davon erzähle. Ich bringe es auch bis heute kaum fertig darüber zu reden und diese Artikel sind meine ersten Versuche daran etwas zu ändern.

Zu den Zeiten, als ich in der Schule gemobbt wurde, hatte ich Freund*innen in einem Verein. Eines Tages lachten sie alle darüber, dass irgendwer geschafft hatte, eine*n Lehrer*in aus der Schule zu mobben. Nur ich blieb stumm und mein Herz brannte und ich hoffte, dass niemand herausfinden würde, dass ich auch so eine war, so eine, über die Menschen freudig lachten, dass sie es geschafft hatten mich irgendwo rauszumobben. Das hatte ich sogar schon erlebt, als ich die Schule wechseln wollte, was ich dann doch nicht gemacht hatte. Dass ich in meiner Schule der „Yuppie“ war, bzw. natürlich in dem Kontext „die Streberin“ – ein Vorwurf, der meiner Meinung nach damals nicht berechtigt war, aber was spielte das für eine Rolle? Keine, der Vorwurf war doch nur Vorwand, um mich fertigmachen zu können –, durfte in meinem Verein niemand wissen, denn ich hatte Angst, dass wenn sie meine „wahre Identität“ herausfinden würden, nämlich „die gemobbte Streberin“ zu sein, sie mich ebenso verachten würden wie alle anderen.

Wenn ich heute sehe, dass irgendjemand zum „Mobbing“ aufruft, egal gegen wen, dann denke ich an diese Situationen zurück, dann schmerzt alles in mir, dann möchte ich weinen und schreien, dann schäme ich mich, wie ich mich damals geschämt habe. Selbst wenn ich anerkennen kann, dass mensch etwas anderes mit „Mobbing“ meint und es „nicht so gemeint hat“, werde ich jeden Tag übermalen, der irgendwen „mobben“ will und jedes Plakat abreißen, das zum „Mobbing“ aufruft. Denn mein Verständnis ist davon ein anderes. Und das vieler anderer auch. Es ist verharmlosend und wirkt auf mich retraumatisierend. Es erinnert mich daran, wie sehr diese Formen der Gewalt und Schikane von vielen verharmlost und als normal angesehen wird, und dass viele der Meinung sind, dass die Gemobbten selbst schuld daran sind, weil sie halt komisch waren, dass diese Verachtung gegenüber diesen damals Ausgeschlossenen sich weiter fortträgt, wenn vermutet wird, dass Personen, die tatsächlich Macht ausüben, bestimmt noch nie jemand mochte oder dass sie in ihrer Kindheit gemobbt worden sein müssten, oder bestimmt schon immer in der Ecke saßen und von allen ausgelacht wurden (zu dem Thema findet ihr eine ausführliche Kritik in dem Artikel „Der Keim der Herrschaft“ im Zündlumpen Nr. 017).

Mobbing haben viele erlebt und darunter gelitten. Dabei haben alle unterschiedliche Umgänge mit gefunden und werden auch im Nachhinein unterschiedlich mit umgegangen sein. Bestimmt trifft es alle nicht so wie mich, vielleicht würden sie auch zu Mobbing gegen Yuppies aufrufen, vielleicht tun sie es auch. Ich kann nur erzählen, wie es für mich war. Für mich war es die Hölle, zwei Jahre lang war ich so unglücklich, dass ich ständig Kopfschmerzen hatte und furchtbar müde war, dass ich nächtelang geweint habe und dass ich einfach keine Ausweg wusste. Es hat mein Selbstbewusstsein zerstört und mich mit einer riesigen Scham ausgestattet, die mich heute noch immer wieder überkommt. Ich kämpfe heute noch damit, manchmal bin ich überempfindlich, lasse mich schnell verunsichern, fühle mich super schnell ausgeschlossen, manchmal sind es regelrechte Flashbacks, die mich heimsuchen. Ich kann immer noch kaum darüber reden. Immer noch kämpfe ich damit, dass ich denke, dass es meine eigene Schuld war, dass ich mir das Ganze nur eingebildet habe, dass ich komisch war. Mich verletzt es zutiefst, wenn irgendwer Mobbing für eine gute Idee hält. Denn ich fühle mich wieder wie die, die anders ist als die anderen, die nicht dazugehört, denn ich gehöre zu denjenigen, gegen die sich das Mobbing richtet, nicht wie die anderen, die auf der anderen Seite stehen und sich über ein erfolgreiches Mobbing freuen können. Ich gehöre zu denjenigen, die es verdienen gemobbt zu werden. So sind meine Assoziationen. Doch dagegen möchte ich ankämpfen und stattdessen das bekämpfen, das mich so krass zerstört hat. Und dazu gehört, gegen die Verharmlosung von Mobbing anzuschreien, die mir tagtäglich begegnet.

 

wer mobbt hier wen?

Letztens spazierte ich durch Sendling, als ich einen Tag entdeckte, der mir seitdem quer im Magen liegt: „Yuppies aus der Hood mobben.“ Positive Bezugnahmen auf Mobbing verursachen bei mir immer heftigste Bauchschmerzen, denn ich selbst war Mobbing ausgesetzt gewesen und ich leide bis heute darunter. Es macht mich sogar richtig wütend, wenn offenbar jemand keine Ahnung hat, was Mobbing eigentlich bedeutet und es als gutes Mittel im Kampf gegen Gentrifizierung betrachtet. Mobbing als Kampfmethode oder sei es auch nur als Metapher zu verwenden, ist genauso widerlich wie Vergewaltigungsmetaphern zu gebrauchen: „Fick die MVG“ mit aufgemaltem Penis daneben ist zum Beispiel ein Tag, den mensch in Giesing findet.

Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen Mitteln, um sich gegen Feind*innen der Freiheit zur Wehr zu setzen und Mobbing. Mobbing ist, wenn eine oder mehrere Personen sich (mehr oder weniger) willkürlich eine Person heraussuchen, die sie systematisch fertig machen und sich dann fadenscheinige Begründungen dafür zurechtlegen, warum sie das tun. Meist ist dabei irgendeine Form von Strafgedanke für ein imaginiertes und zugeschriebenes „Fehlverhalten“, meist irgendeine Form der Normabweichung, die Ausrede, um Menschen fertigzumachen. Dabei trifft Mobbing häufiger Angehörige marginalisierter Gruppen, jedoch kann Mobbing grundsätzlich jede*n treffen. Mobbing zeichnet sich weiterhin dadurch aus, dass das Umfeld, in dem das Mobbing geschieht, nicht eingreift, wegsieht, es kleinredet oder sogar mitmacht oder zumindest mitlacht. Das Mobbingopfer wird isoliert, und dadurch, dass es isoliert ist, wird es noch mehr als „berechtigt“ angesehen, diese Person fertig zu machen, denn sie sei ja komisch, weil sie immer alleine rumhänge. Mobbing ist eine hässliche Gewaltspirale, aus der es meist keinen Ausweg zu geben scheint, außer dieses Umfeld komplett zu verlassen, in dem das Mobbing geschieht, sei es durch Gehen, Suizid oder Amoklauf. Mobbing ist so eine hässliche Form der Macht- und Gewaltausübung gegenüber einer Person, dass ich schreien könnte, wenn irgendwer Mobbing für eine geeignete Methode hält, um gegen Feind*innen der Freiheit vorzugehen. Mobbing ist eine widerliche Form des Psychoterrors, eine so heftige Form der autoritären Machtausübung, dass sie dazu führt, dass Personen, die von Mobbing betroffen waren, noch Jahre bis Jahrzehnte später an den Folgen leiden, und innerlich der Person, die eine*n fertiggemacht hat, immer noch Macht über sich geben, selbst, wenn diese schon längst kein Teil ihres Lebens mehr ist. Mobbing ist Machtausübung, ist Herrschaft im Kleinen (oder im Großen, je nach Maßstab). Es ist richtig heftig, was Mobbing für Auswirkungen auf jemanden haben kann. Minderwertigkeitskomplexe, Bindungsängste, Symptome posttraumatischer Belastungsstörung, Selbstunsicherheit, Alpträume. Noch heute, gut zehn Jahre, nach dem gut ein Jahr andauernden Mobbing und einem weiteren Jahre kompletter Isolation in meinem damaligen sozialen Gefüge – also meiner Schule damals –, habe ich mit Nachwirkungen zu kämpfen, habe ich Paranoia, dass eine Gruppe, die in der Nähe von mir lacht, sich über mich lustig macht, dass ich auf einmal in bestimmten Situationen, die wohl Triggerwirkung bei mir haben, Panik bekomme, dass ich komplett ausgeschlossen bin, dass mich keine*r mag, dass mich alle meiden, und das, obwohl ich eigentlich ganz sicher weiß, dass das nicht der Fall ist.

Es ist eine Sache, sich gegen Menschen auch mit Gewalt zur Wehr zu setzen, die Macht über dich ausüben wollen oder dies auch tun. Doch mensch muss sich da auch immer des Maßes bewusst sein, denn solche Handlungen können auch von Verteidigung bzw. Gegenangriff zu Mobbing und zur Ausübung von Herrschaft werden. Es ist eine Sache, wenn du für eine Sache angegriffen wirst, die real die Einschränkung der Freiheit von Menschen zur Folge hatte oder hat, du also einer wahren Kritik ausgesetzt bist, die mit einer tatsächlichen Machtposition zu tun hat. Mobbing ist allerdings etwas anderes.

Mobbing ist eine Methode der Isolation und Kleinmachung einer Person, eine Methode zur Selbstprofilierung und zur Machtausübung, Mobbing kann ein Machverhältnis umkehren, wenn du z. B. deine*n Lehrer*in mobbst, oder eine*n Bullen*in oder deine*n Chef*in. Es bleibt jedoch ein Machtverhältnis, in dem lediglich du die Rolle des*r Machtausübenden übernimmst. Mobbing zerstört Herrschaft nicht, Mobbing ist Herrschaft. Mobbing ist niemals eine Verteidigungs- und Angriffsstrategie im Kampf für die eigene Freiheit! Wer Mobbing für ein geeignetes Mittel hält, egal für was, ist mein*e Feind*in.

Der Keim der Herrschaft

CN: Mobbing, Diskriminierung, Entmenschlichung, Täter*innen-Opfer-Umkehr

Ich beziehe mich auf den Artikel „Bull*in = Mensch“ vom 24.05.2019 aus der Ausgabe Nummer 15, dem ich vollkommen zustimme. Ich möchte hier ergänzend auf zwei weitere Aspekte eingehen, die meiner Meinung nach ebenfalls bei der Haltung „Für mich sind Bull*innen keine Menschen“ mitschwingen und die in oben genanntem Artikel einmal nur sehr kurz und einmal nicht zur Sprache kamen.

Im Artikel wird angerissen, dass eine solche Aussage den*die Äußernde*n dieses Satzes moralisch über den*die Bull*in erhebt. „Wozu das führen kann? Nun, das haben die Deutschen vor ’45 ausgiebig erforscht, als sie diverse Personengruppen zunächst entmenschlichten und dann vernichteten.“ Diese sehr drastische Aussage scheint mir den Nagel auf den Kopf zu treffen, ich möchte mich dennoch noch etwas länger damit auseinandersetzen, wie diese moralische Erhebung funktioniert und welche Implikationen sie hat. Wenn eine Person eine solche Aussage trifft, grenzt sie sich von der kritisierten Person ab. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass diese Person für sich den Begriff „Mensch“ beansprucht und in diesem Kontext positiv meint. Wenn wir betrachten in welchem Zusammenhang Personen noch in „Mensch“ und „Un-Mensch“ eingeteilt wurden, so kommt einer*m natürlich Rassismus in den Sinn, Antisemitismus und beHindertenfeindliche Diskurse ebenso wie die Abwertung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Dabei standen und stehen bis heute die Sympathien nie auf der Seite derer, die nicht als „richtige Menschen“ und damit als „nicht normal“ betrachtet wurden und werden. In diesem Denkmuster zu verbleiben bedeutet, dieses zu reproduzieren. Es wird nicht besser, wenn die Gruppe, die mit solch einer Entmenschlichung bedacht wird, keine marginalisierte Minderheit und auf jeden Fall kritikwürdig ist. Als Person, die bereits damit konfrontiert war, dass Menschen sie nicht als Menschen wahrgenommen haben, ist es äußerst gruselig so einen Satz aus dem Mund einer wie mensch dachte reflektierten und gegen Diskriminierung kämpfenden Person zu hören. Denn das bedeutet, dass dieser Person nicht klar ist, was für eine repressive Geschichte und was für eine Macht so eine Idee hat und wie sehr sie das Leben einer Person zur Hölle machen kann. Dabei geht es besonders darum auf welcher Seite sich die*der Sprecher*in positioniert. Nämlich auf der Seite der „Menschen“, der „Guten“, der „Normalen“, nicht „irgendwelcher vereinzelter Spinner“ oder von „Freakos“ (letztere sind zwei Zitate, die ich in den letzten Wochen in linken Zusammenhängen gehört habe und die abwertend gemeint waren). Egal, wen ich durch eine solche Abgrenzung ausschließen will; ich stelle mich auf die Seite einer normierenden und sich als Norm betrachtenden Mehrheit, und über eine andere Person oder (von mir konstruierte) Personengruppe.

Das führt mich zu dem anderen Aspekt, der im Artikel „Bull*in = Mensch“ keine Erwähnung findet: das Phänomen der Täter*innen-Opfer-Umkehr. Nicht den Bull*innen gegenüber. Doch ich betreibe Täter*innen-Opfer-Umkehr, indem ich mich eines solchen Diskurses bediene, um Bull*innen zu deligitimieren. Irgendein Rapper (ich weiß nicht mehr welcher und es ist mir auch egal) meinte mal über Bull*innen sinngemäß (an den exakten Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern): „Ich weiß ja nicht wie man Bulle werden kann, wahrscheinlich ist er als Kind gemobbt worden…“ Und erst letztens hörte ich ebenfalls in linken Kontexten, wie eine Person über einen bestimmten Bullen meinte, dass „diesen bestimmt noch nie jemand mochte“ und „dass er bestimmt einer derjenigen gewesen sei, der immer in der Ecke gesessen hat und mit dem niemand reden wollte“. Als ich das hörte, war das wie ein Schlag in den Magen, denn ich war eines dieser Kinder gewesen. Wusstet ihr übrigens, dass Hitler nur Nazi-Diktator geworden ist und Arier so toll fand, weil er als Kind mal von blonden Jungs verhauen und ausgelacht wurde? So zumindest suggeriert es eine fiktive Kurzgeschichte über Hitlers Jugend. Wir Gemobbten, wir Ausgelachten, Marginalisierten, Entmenschlichten, wir sind laut diesem Diskurs die Täter*innen von morgen. Wer aber über die Kinder (und auch Erwachsenen) lacht, die damals wie heute in Ecken sitzen und ausgeschlossen werden, der wird wohl auch über diejenigen gelacht haben, die er*sie selbst in Ecken hat sitzen sehen. Wer sich als „Mensch“ betrachtet im Gegensatz zu „Freaks“, der war und ist der*die eigentliche Täter*in. Wenn es um die Verurteilung von Taten geht, die jemensch begangen hat, bei Bull*innen wie auch bei Nazis oder bei anderen, ist es sehr beliebt, sich von diesen Täter*innen zu distanzieren, indem sie als „anders“, „(psychisch) krank“ oder „gemobbt“ einkategorisiert werden, während mensch selbst ja „menschlich“ und „normal“ und „gesund“ sei. Dabei entlarven sich diese Menschen als Anhänger*innen desselben diskriminierenden Denkmusters, das Grundlage für die meisten so von sich gewiesenen Taten ist: dass nämlich die Ausgeschlossenen und Marginalisierten für egal welches Übel verantwortlich seien.

Täter*innen seien die, die mal Opfer waren. Gleichzeitig wird durch solch einen Diskurs die Verachtung gegenüber den Ausgeschlossenen perpetuiert. Die Ablehnung, die sie damals erfahren haben, ist immer noch genauso vorhanden. Letzten Endes hat sich an der Ausgrenzung derjenigen, „mit denen niemand reden wollte“, nichts geändert. Eigentlich müsste jede*r, der*die Diskriminierung als Unterdrückungsmuster erkannt hat, immer auf der Seite derjenigen stehen, „mit denen niemand reden will“. Natürlich kann, wer ausgegrenzt wurde, auch zur*zum Täter*in werden. Ebenso können Täter*innen auch zum Opfer werden, so können auch Bull*innen Opfer von Mobbing durch ihre eigenen Kolleg*innen oder Vorgesetzten werden. Gleichzeitig können sie durch Ausübung ihres Jobs zum*zur Täter*in werden. Das Eine hat aber mit dem Anderen nichts tun, das Eine bedingt nicht das Andere. Täter*innen und Opfer von Ausgrenzung und Unterdrückung machen sich nicht gegenseitig fertig, immer wechselnd in ihrer Rolle, während die „Anderen“, die „Unbeteiligten“, die „Menschen“, die „als Antifaschisten Geborenen“ sich ratlos am Kopf kratzen über dieses „unmenschliche“ Treiben.

Jede*r hat bis zu einem gewissen Grad die Wahl wie er*sie mit anderen Menschen umgeht, für welche Rolle in diesem System mensch sich entscheidet. Wer sich dafür entscheidet, die Herrschaft des Staates aufrechtzuerhalten, muss mit aller Macht bekämpft werden. Jedoch ist eine Person, die sich für Herrschaft entscheidet, in ihrem Wesen nicht anders als eine Person, die sich dafür entscheidet, Herrschaft immer und überall zu bekämpfen. Wer beginnt solch eine Unterscheidung – die in „Mensch“ und „Nichtmensch“ – zu treffen, trägt bereits bzw. immer noch den Keim von Herrschaft in sich. Denn solch eine Unterscheidung war schon immer wichtig, um die Ausübung von Herschaft zu begründen.