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[Santiago de Chile] Schön wie eine Kirche der Militärpolizei, die in Flammen aufgeht

Eine Kirche, die den „Carabineros“, der chilenischen Militärpolizei, gewidmet ist, wurde während der ersten Krawalle im Jahr 2020 in Chile am 03. Januar angezündet. In der Nähe des Plaza Italia in Santiago, seit Oktober das Epizentrum der Revolte in der chilenischen Hauptstadt, wurde die Kirche San Francisco de Borja von vermummten Revoltierenden angezündet. Die Mauern des Gebäudes wurden mit Parolen beschmiert, das heilige Mobiliar nicht nur zerstört, sondern auch in gigantische ketzerische Feuer vor der Kirche geworfen. Auf mehreren Bildern sieht mensch Brandherde an mehreren Orten in der Kirche.

Außerdem, nicht weit von der entbrannten Kirche, wurde das Krieger*innendenkmal, das ebenfalls den Carabineros gewidmet ist, während dieses Tages der Revolte angegriffen.

Quelle: Sans Attendre Demain

Santiago, Chile: 18. November, 31. Tag der sozialen Revolte

EIN UNVERGESSLICHER MONAT

Unter den Kapuzen… ein unauslöschliches Lächeln!

Wir atmen ein Gemisch aus Rauch und Tränengas. Wenn wir uns umsehen, sind wir überwältigt von dem Anblick, Tausende kämpfen noch immer. Ein gewaltiges Hochgefühl breitet sich in unseren Gliedern aus und unter den Kapuzen zeichnet sich ein unauslöschliches Lächeln ab. Wir leben das, wovon wir hunderte Male gelesen haben!

Es gibt keine Gewissheit für irgendetwas, wir werden auch weiterhin von der Suche nach Freiheit angetrieben. Aber beinahe zu jedem Zeitpunkt steht unser Verlangen dem der Massen entgegen, wir sind noch immer eine schwarze Minderheit… Aber eine äußerst aktive Minderheit.

Dieses Wochenende gab es fünf Brandanschläge auf Banken in Peñalolén, Cerrro Navia, Lo Espejo, El Bosque und Santiago und einen Molotow-Cocktail-Angriff gegen eine Polizeistation in Maipu, in deren Folge zwei Menschen festgenommen worden sind.

Am heutigen Montag kam es auf dem Plaza de Puente Alto zu Zusammenstößen mit den Scherg*innen und zu einem Angriff auf ihre Polizeiwache. Auf dem Plaza de Maipu gab es Riots und eine Kanone wurde vom Plaza Monument gestürzt, als Student*innen die CODEDUC [1] besetzten.

In Antogasta bemalten unbekannte Menschen den Anker, das Wahrzeichen der Stadt, mit schwarzer Farbe. In Iquique wurde ein Wachhäuschen der Regierung mit Molotow-Cocktails attackiert. In Valdivia wurde das Hauptquartier der Sozialistischen Partei in Brand gesteckt. In Concepción wurden die Flaggen aller Parteien als Zeichen dafür verbrannt, dass die Revolte keine Anführer*innen und keine politischen Parteien hat. In Santiago wurde die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Beatriz Sánchez vom „Nullpunkt“ vertrieben, weil mensch ihr vorwarf, Teil der Verhandlungen mit den Eliten zu sein.

Unter den tausenden Menschen auf dem „Plaza de la Dignidad“ flatterten schwarze anarchistische Flaggen und ökoanarchistische Flaggen. Encapuchadxs (Vermummte) verteilten anarchistische Zeitungen und eine Brassband spielte „Bella Ciao“.

Als die Sonne unterging, entfesselte die Polizei ihre gesamte Artillerie, feuerte Gummischrot und Tränengas in großer Menge ab. Angesichts dieser Gewalt seitens der Polizei bevorzugten es heute einige, sich in den Fluss Mapocho zu stürzen, um zu entkommen.

Die zentrale medizinische Notaufnahme behandelte mehr als 40 Verletzungen durch Gummischrot, doch die Anzahl der Wunden vervielfacht sich, wenn wir andere medizinische Zentren und diejenigen, die kein medizinisches Zentrum aufsuchten, berücksichtigen. Ein Demonstrant erlitt einen Schädelbruch, als eine Tränengasgranate explodierte und musste notoperiert werden.

In Valparaiso ließ die Polizei einen jungen Mann, der von einem Schuss im Nacken getroffen worden war, in kritischem Zustand zurück. Demonstrant*innen beklagten Verbrennungen zweiten Grades durch das toxische Wasser der eingesetzten Wasserwerfer.

Die Rache folgte in der Nacht, als unbekannte Menschen die anonym veröffentlichten Daten nutzten und ihre nächtlichen Attacken gegen die Privatfahrzeuge und -häuser der Polizei fortsetzten.

Abgeordnete fordern von der Regierung die Entlassung des Generaldirektors der Carabineros ungeachtet der Vorwürfe von Verstößen gegen die Menschenrechte, die sie in ihrer Position nochmals bestätigen.

Es gibt virale Videos von Restaurants und Geschäftsgrundstücken, in denen Polizist*innen in Zivil buchstäblich ausgeschlossen werden, weil mensch diese wegen ihrer repressiven Tätigkeit weder bedienen noch in seiner*ihrer Nähe haben will.

Rekrutierungszentren brechen zusammen aufgrund der hohen Anzahl junger Menschen, die sich weigern, ihren Militärdienst zu leisten. Es herrscht eine lautstarke Ablehnung der mörderischen Arbeit des bewaffneten Arms von Staat und Kapital.

Große Waldbrände breiten sich in verschiedenen Teilen von Valparaiso aus und alles deutet darauf hin, dass diese vorsätzlich entfacht wurden. Bewohner*innen beschuldigen den Staat des Versuches, sie durch diese Katastrophe zu demobilisieren.

Noch immer gibt es keine Antwort auf die Forderungen der Menschen. Die professionellen Bürokrat*innen verzögern die Erhöhung der Renten, der Mindestlöhne, die Streichung der CAE-Schulden [2] und so weiter. Sie behaupten, es gäbe keine Ressourcen und sie versprechen langfristig einige Brotkrümmel. Wir haben ihnen niemals geglaubt, geschweige denn jetzt.

Gewerkschaften haben einen 48-Stunden Streik für den 19. und 20. November angekündigt und einen GENERALSTREIK für den 21. November und das Lehrer*innenkollegium wiederholt seinen Aufruf zum Boykott des Simce Tests [3].

Absolvent*innenfeiern sind voll von Plakaten zur Unterstützung der Revolte und Sportler*innen zeigen Gesten der Solidarität mit den Verstümmelten, indem sie bei der Verleihung von Medaillen oder wenn sie für klassische Teamfotos posieren mit ihrer Hand ein Auge zuhalten.

LASST UNS DIE BEISPIELE ANTIAUTORITÄRER ORGANISIERUNG VERVIELFACHEN!

WIR VERSUCHEN NOCH IMMER, ANARCHIE ZUM LEBEN ZU ERWECKEN!

Anmerkungen

[1] Eine Schule in Maipu.

[2] Studiengebühr-Kreditsystem (CAE), das für die Absolvent*innen der Universitäten bedeutet, dass sie 20 Jahre lang massive Schulden für ihre Ausbildung zurückzahlen müssen.

[3] Ein System zur Messung der Bildungsqualität, eine Reihe an Tests, die in Chile genutzt werden, um bestimmte Aspekte der Bildungspläne zu messen. Derzeit verantwortet eine staatliche Behörde, das Amt für Bildungsqualität, die Tests für Schüler*innen in der 2., 4., 6. und 8. Klasse (Grundausbildung) und der 10. und 11. Klasse (2. und 3. Jahr der Sekundarausbildung).

 

Diese Übersetzung folgt der bei Anarchists Worldwide veröffentlichten englischen Übersetzung eines über soziale Netzwerke verbreiteten Updates zur Situation in Chile.

Solidarität mit der sozialen Revolte in Chile!

In Chile revoltieren seit Wochen zigtausende Menschen gegen die herrschende Normalität. Polizeistationen, Kirchen, Banken, Shoppingmalls, Busse, U-Bahnstationen und Universitäten brennen. Der normale Alltag ist zum Erliegen gekommen und die staatliche und kapitalistische Macht wird angegriffen.
Wie können wir von hier aus unsere Solidarität und Verbundenheit mit den dortigen Revolten ausdrücken?
Es gibt verschiedenste Möglichkeiten… in München wurden z.B. in den vergangenen Nächten mehrere Ticketautomaten an verschiedenen Stationen angezündet und niedergebrannt. Außerdem wurde das chilenische Konsulat mit Farbe verunstaltet und „Feuer allen Staaten! (A)“ neben dieses gesprüht. Auch eine nahegelegene Kirche wurde vollgeschmiert und „Kein Gott Kein Staat Kein Patriarchat“ auf diese gesprüht.
Es wäre schön, wenn auch hier solche Vorschläge wilde Verbreitung finden und andere Möglichkeiten der Solidarität in die Praxis umgesetzt würden.

Gefunden auf Indymedia.

Chile – Die Wut hat kein Ende

Schon seit einem Monat kommt es im gesamten Land zu massiven Unruhen und Protesten. Aus der ersten Explosion der Wut ausgelöst durch die Erhöhung der Fahrpreise entwickelte sich ein unerwarteter und zerstörerischer sozialer Moment. Das erste Wochenende der Revolte (18.-20. Oktober) war der Startschuss für eine unglaubliche Maße an Momenten der Revolte, des Kennenlernens, der Solidarität, des Angriffs und soviel mehr.

Von Anfang an handelt es sich um eine Revolte die klar die soziale Frage stellt, die explosivsten Auswirkungen hatte und hat sie in den armen peripheren Vierteln um die großen Städte herum. Es ist eine Revolte gegen die Armut und das Elend, welche der Kapitalismus in seiner ungezügeltsten Form in Chile errichtet hat. Man kann dabei auch eine gewisse Form der „Klassensolidarität“ beobachten, fast nirgends werden die kleinen Geschäfte in den Vierteln zerstört, sondern meistens die Filialen der großen Ketten. Und auch wenn die Medien es verzweifelt versuchen andersherum darzustellen, ist sich ein Großteil der Leute bewusst, wenn die Gewalt trifft.

Es scheint zudem so, als hätte der Staat und seine willigen Gehilfen, die Medien, die Deutungshoheit über bestimmte Dinge verloren: „Die wahren gewalttätigen sind die Bullen und die Militärs, die schon mehrere Personen umgebracht haben und aufgrund derer über 200 Personen ein Auge verloren haben und nicht die Vermummten, die sie zurückdrängen. Die echten Plünderungen werden von den multinationalen Konzernen verübt, die Chiles Natur verwüsten wie sie wollen und nicht den Menschen, die sich Dinge aus den Supermärkten wieder aneignen.“ Dieser Verlust der Deutungshoheit ist nicht zu unterschätzen, ist sie doch die Basis für das Gewaltmonopol des Staates…

Es ist schwer zu überblicken was alles durch die Revolte ausgelöst wurde, aber worin sich alle einig sind ist, dass es kein Weg mehr zurück gibt, der komplette soziale Kontext hat sich geändert. Ein paar Auswirkungen sind jedoch jetzt schon offensichtlich. Der Hass gegen die Bullen großer Teile der Gesellschaft ist ins unermessliche gewachsen, das Vertrauen in Medien und Staat ist zerstört, viele neue Beziehungen zwischen RebellInnen, NachbarInnen, etc. sind entstanden, die Akzeptanz sozialer bzw. revolutionärer Gewalt ist extrem gestiegen…

Ein Teil dieser Revolte hat sich in eine sozialen Bewegung die für eine neue Verfassung kämpft (die jetzige stammt noch aus der Militärdiktatur und garantiert das neoliberale Wirtschaftsmodell) entwickelt, dazu gehören auch die Nachbarschaftsversammlungen die in vielen Vierteln entstanden sind. Ein anderer Teil sind die brennenden Barrikaden, die jede Nacht und jeden Morgen Teile Santiagos aber auch im Rest von Chile, blockieren. Im Zuge derer kommt es oft zu Plünderungen oder Brandlegungen. Das interessante ist, das es Staat und Medien bis jetzt nicht gelungen ist, die verschiedenen Teile zu trennen. Auch wenn sie mit aller Kraft versuchen die Gewalttätigen (die „Gangster“ und die „Vermummten“) zu isolieren, kommt es bisher zu keinen Distanzierungen, viele sehen Gewalt als notwendig an, auf den großen Demos jubeln tausende wenn ein Molli sein Ziel erreicht.

Am vergangenen Dienstag riefen verschiedene Organisationen zu einem Generalstreik auf und es war einer der gewalttätigsten Tage seit dem Ausbruch der Revolte. In ganz Chile kam es zu knapp 100 Plünderungen, 350 Bullen wurden verletzt, 19 Kommissariate angegriffen und 850 Personen verhaftet. Um nur einige einzelnen Beispiele zu nennen: In Concepcion wurde das Regierungsgebäude angezündet, in Santiago wurde während einer Brandstiftung an einer Bank auf die anrückende Polizei geschossen, in Arica wurde ein riesiger Supermarkt nachdem er geplündert wurde niedergebrannt, etc..

Zur gleichen Zeit geht aber das alltägliche Leben einigermaßen normal weiter, zumindest bis zum frühen Nachmittag, wenn oft die Proteste wieder losgehen. Soll heißen die Menschen gehen arbeiten, die Geschäfte öffnen, die Busse und U-Bahnen funktionieren einigermaßen, in den reichen Vierteln ist es eh ruhig geblieben…

Und wir als AnarchistInnen, wo sehen wir uns in solch einer Situation? In den ersten Reihen der Straßenkämpfe? In den Nachbarschaftsversammlungen? Beim Verbreiten anarchistischer Propaganda? Hinter den Barrikaden in unseren Vierteln? Überall dort?

Aber vielleicht auch dort wo uns niemand erwartet? An den neuralgischen Punkten dieser durchtechnologisierten Gesellschaft?

Das einzige was klar ist, ist dass wir uns das im Vorhinein überlegen müssen, in der Hitze des Gefechts wird uns die Zeit und der Raum dafür fehlen.

Quelle: Indymedia

[Chile] Proteste halten weiter an

„Chile will einfach nicht wieder einschlafen: Es kommt weiterhin zu täglichen Protesten und Aufruhren im gesamten Land. Proteste werden allmählich zum Normalzustand. […] Im ganzen Land kommt es weiterhin zu Attacken auf Regierungsgebäuden, Banken und Plünderungen von Supermärkten und Filialen, darunter inzwischen auch kleinere Läden. Die Polizei gibt inzwischen knapp 1000 Verletzte in ihren Reihen an, davon 87 schwer. […] Im Süden des Landes wird es derweil zum Volkssport Statuen von spanischen Eroberern zu köpfen, zu zerstören oder umzugestalten, was für amüsante Bilder sorgt und an den Jahrhundertealten Kampf erinnert, den die Mapuche gegen die Eroberer aus Europa führen und eine Wiederaneignung der Geschichte. […] Wie es weitergeht weiß keiner. Wann und ob es aufhört auch nicht. Es scheint ein gutes Zeitfenster zu sein, in dem vieles möglich ist. Die Proteste halten länger stand und sind vehementer als alle sich vorgestellt haben. Vieles ist möglich, es bleibt spannend.

Chile desperto!

Quelle: Indymedia

Chile: Wohin gehen wir? In Richtung Ungewissheit und permanenter Konfliktualität! Einige Worte von und für die Revolte im Oktober.

Ab einem bestimmten Punkt gibt es kein Zurück mehr. Das ist der Punkt, der erreicht werden muss. – Franz Kafka

Der unbeugsame Protest zweitrangiger Student*innen gegen die Fahrpreiserhöhung der U-Bahnen und die sofortige Antwort der Repression bildeten den günstigen Kontext für den sozialen Krieg, der in all seiner uneingeschränkten Reinheit Tage später ausbrach.

Die Dynamik des Konfliktes war rasant, unvorhersehbar und instinktiv. Das Unwohlsein, das sich zunächst hauptsächlich gegenüber dem U-Bahnverkehr äußerte, wurde zu einem allgemeinen Unbehagen und begann aufzulodern, sichtbar zu werden, Formen des Kampfes auszumachen und buchstäblich an jeder Straßenecke von Santiago zu explodieren. Am 18. Oktober 2019 brach eine großflächige Revolte überall in der Hauptstadt aus, Barrikaden und Zusammenstöße entwickelten sich überall und zu jeder Zeit. Verschiedene Symbole, Strukturen und die Infrastruktur der Macht wurden in der ganzen Stadt attackiert und sehr rasch auch überall im Land. Als die Ordnung gebrochen war und das Verbrechen die Straßen erfüllte, fanden sich schnell Individuen zusammen und griffen das an, was sie immer als ihre Ketten empfunden hatten. Es war kein Plan, sondern die Spontanität, die den Feind so klar identifizierte: den Staat, das Kapital und ihre repressiven Kräfte. Die abgefackelten und geplünderten Ziele sind die besten Beispiele: Ministerien, Finanzinstitute, Landräuber*innen, große Warenhäuser, die mit Handelswaren und Lebensmitteln gefüllt waren und vieles mehr.

Die revolutionäre Gewalt wurde von weiten Teilen der Unterdrückten anerkannt und entfesselt.

Einige abscheuliche Theoretiker*innen oder Enthusiast*innen von geringster „politischer Kompetenz“ haben gefragt: Wo waren die Anarchist*innen? Die Antwort ist ebenso schlicht wie einfach: Auf den Straßen, in den Nachbarschaften, in den Städten, in der vielfältigen Revolte, bei den Straßenkämpfen.

Es gab mit Sicherheit nicht viel Zeit, sich hinzusetzen und einige Ideen niederzuschreiben oder zu entwerfen, das war dieser Tage schlicht unmöglich gewesen.

Angesichts der Ausdehnung und Intensität der Revolte, die zeitweise tatsächlich in der Lage zu sein schien, den Staat innerhalb kurzer Zeit abzusetzen, war die Reaktion der Mächtigen die Ausrufung eines „Ausnahmezustands“. Sie ließen Einheiten der Armee in den Straßen patroullieren und verhängten eine Ausgangssperre, die in verschiedenen Regionen tagelang anhielt.

Die rasche Aufhebung der Fahrpreiserhöhung durch die Autoritäten offenbarte, dass diese Revolte keinem klaren Anliegen folgte. Sie hat keine spezifischen „Forderungen“ oder „Ansprüche“, oder um es anders auszudrücken, es gibt so viele, dass sie sich letztlich gegen die von Herrschaft und Waren beherrschte Welt richtet.

Die Repression bediente sich eines Arsenals, das – auch wenn es nie ganz verschwunden war – in einem Backlash seine historische Kontinuität wiederaufnimmt: Sexuelle Gewalt, tausende verhaftete Menschen, hunderte Verletzte durch Flashballs, Gummigeschosse (LBD), und scharfe Munition, dutzende von compas, die ihre Augen verloren, Folterungen, Morde, bei denen die Körper in Feuer geworfen werden, um die uniformierten Urheber*innen dieser Massaker zu verschleiern und eine ganze Serie von verschiedenen und erfolgreichen Methoden der Aufstandsbekämpfung.

Die Dinge verändern sich schnell und nehmen ihren eigenen Lauf. Als Anarchist*innen sind wir auf den Straßen, um den Punkt zu erreichen, an dem eine Rückkehr zur Herrschaft unmöglich ist. Es kamen verschiedene Positionen zur Praxis unseres Kampfes, der Athmosphere der Revolte und den daraus entstehenden Möglichkeiten auf. Einige stimmten den Aufrufen und Bestrebungen zu, Nachbarschaftsversammlungen zu bilden, Orten der „Gegenmacht“ oder „Macht von unten“, die von der Presse als „Bürger*innenräte“ bezeichnet werden, die es erlaubten eine Liste verhandelbarer Forderungen zu erarbeiten und die natürlich Gesichter oder Organisationen mit denen Mensch eine Einigung treffen könnte, schaffen würden. Versammlungen, die sich – wie wir es beobachten – in Bürger*inneninitiativen verwandeln und einen friedlichen Weg aus dem Konflikt suchen, stellen sich als weiteres Rädchen im Getriebe der Herrschaft heraus. Die Zuspitzung des Konflikts öffnet unbestreitbar Wege, die es ermöglichen, sich zu treffen, etwas zu schaffen und aufzubauen, immer mit der Perspektive des Kampfes und auf eine antiautoritäre Art und Weise Netzwerke mit verschiedenen Personen und Gruppen zu bilden, die weit von jeder Form der Missionierung oder zentralisierten Versuchen der Machtübernahme entfernt sind.

In dieser Hinsicht, wenn die Idee der permantenten Konfrontation ist, dass wir nichts als gegeben oder ewig betrachten, muss die Dynamik des Kampfes notwendigerweise auf die Eliminierung jeder Art von Autorität zielen, sei es der Staat, die Versammlung oder irgendeine andere Institution, die unsere Leben kontrollieren will.

Diese Revolte hat keine Namen oder eine einzige Richtung, sie gehört nicht zu irgendjemandem, weil sie allen Rebell*innen und Aufständischen gehört, die, wie wir auf der Straße kämpfen. Daher ist jede lächerliche Art der Vereinnahmung irgendeiner Aktion im Kontext dieser Revolte ein plumper Versuch, sich zum*zur Anführer*in aufzuspielen.

Andererseits sind die in vergangenen Diskussionen über ähnliche Situationen, jedoch mit einem eindeutig gleichförmigeren Puls, dargestellten Notwendigkeiten nun unerlässlich. Räume der Abstimmung und Begegnung zu schaffen, wo es die wichtigste Aufgabe ist, die gewaltsame Konfrontation gegen den repressiven Staatsapparat fortzuführen. Zu diesem Zeitpunkt hat die Macht ihr brutalstes Gesicht auf den Straßen gezeigt, das – weit davon entfernt uns abzuschrecken – für uns ein Aufruf ist, unseren Horizont um die neuen Szenarien, die sich eröffnen und näherrücken zu erweitern.

Um die Offensive als echte Praktik jenseits des bloßen Redens zu begreifen, müssen wir in der Lage dazu sein, eine Infrastruktur aufzubauen, die es uns erlaubt, anzugreifen. Das ist der Punkt, an dem einige Zweifel die Anspannung verstärken: Sind wir in der Lage dazu, die gewaltvolle Konfrontation gegen die Macht in diesem neuen Panorama zu unterstützen, zu intensivieren und auszuweiten? Bis zu welchem Grad  ist die Revolte ansteckend und reproduzierbar? Wir haben erlebt, wie die Sozialdemokratie diese Wut aufgefangen hat, sie in einige Forderungen „von außen“ kanalisiert hat. Wir haben keine Forderungen, sondern Ansprüche und unser Anspruch ist die Zerstörung des Staates, seiner Befürworter*innen und Verteidiger*innen. Möge die soziale Katastrophe den Zusammenbruch der auf der kapitalistischen Logik gründenden Beziehungen einleiten und uns Affinität dabei helfen, zu diesem Punkt, an dem es keine Umkehr gibt, zu kommen.

Wie so oft haben wir keine Antworten, nicht wie andere, deren Organisationen bereits die Verwaltung und den Zusammenschluss dieser Versammlungen, deren Dauer, Widerrufbarkeit und Statuten planen, sondern eher Fragen und Negationen, da wir diejenigen sind, die Anarchismus als permanenten Konflikt betrachten. Angesichts der Ungewissheit des Moments sammeln wir Erfahrungen, Erkenntnisse, lesen, lernen und teilen Reaktionen und führen wichtige Gespräche in den Stunden, die uns neben den intensiven Konfrontationen auf der Straße und dem Ungehorsam gegenüber der Ausgangssperre bleiben. Wir wissen, dass dieser Moment ein wichtiger war, ist und sein könnte und dass er Möglichkeiten der effektiven Zerstörung des Staates bietet, die sich nie zuvor geboten haben, aber dennoch sind wir noch immer ablehnend gestimmt, sogar in diesen stimmungsvollen Momenten. Wir wissen sehr gut, was uns zu Sklav*innen macht und unsere Schritte müssen immer in die entgegengesetzte Richtung führen.

Last uns deutlich werden. Die, die das Kapital und die Herrschaft unterstützen, befürworten und verteidigen sind unsere Feind*innen.

Für die Befreiung aller Gefangener der Revolte und der subversiven Gefangenen!

Solidarität mit den Verwundeten und denen, auf die losgegangen wurde!

Die Revolte ist reproduzierbar und ansteckend!!

Du glaubst nicht, wie die Mächtigen zittern würden, wenn wir die Gewalt zu ihnen bringen. Wenn ihre Privilegien und Leben bedroht wären, würden sie verhandeln, um nicht alles zu verlieren. – Ulrike Meinhof

Einige Antiautoritäre für die soziale Katastrophe

 

Diese Übersetzung folgt der englischen Übersetzung bei Act for Freedom Now eines ebenfalls dort zu findenden Textes auf Spanisch zu den Revolten aus Chile.

Aus Chile: Ein anarchistischer Blick auf die Revolte und die Repression

In Chile herrscht derzeit ein von der rechten Regierung Sebastián Piñeras ausgerufener Ausnahmezustand, der das Ergebnis des Ausbruchs einer Revolte am Freitag, den 18. Oktober 2019 ist.

Dieser Text entstand aus dem Bedürfnis heraus den Gefährt*innen aus den verschiedenen Teilen der Welt die derzeitige Situation, wie sie in dieser Region erlebt wird, näherzubringen.

Wir geben hier wieder, was wir aus einer anarchistischen Perspektive für die relevantesten Punkte halten, um die derzeitigen Ereignisse bekannt zu machen und zu ihrem Verständnis beizutragen.

Vorspiel: Der Kampf der Jugend und der Funken, der das Feuer entfachte

Nach einer Woche des massenhaften Schwarzfahrens mit der U-Bahn im Vorfeld der Fahrpreiserhöhungen, das besonders von Student*innen geprägt war, folgten zahlreiche Akte individuellen und kollektiven Ungehorsams, die in der Zerstörung der Infrastruktur und Zusammenstößen mit Polizeikräften innerhalb und außerhalb der U-Bahnhaltestellen resultierten und die sich über verschiedene Stadtteile von Santiago ausbreiteten.

Am Freitag, den 18. Oktober war die Ausbreitung dieses massenhaften Schwarzfahrens und der Radikalitätsgrad, den diese Proteste entwickelten, von vielen nicht erwartet und von der Regierung unterschätzt worden, die zusammen mit ihren loyalen Journalist*innen und den Sozialwissenschaftler*innen bis heute nicht in der Lage dazu ist, zu erklären, warum diese Ereignisse zu einer Situation flächendeckenden Chaos führte, das bis zum heutigen Tag anhält.

Erster Akt: Ausbruch einer beispiellosen Revolte im Post-Diktatorischen Chile

Am Freitag, den 18. Oktober radikalisierte sich die Revolte in dem Moment, als es zu Zusammenstößen mit der Polizei kam und sich die Zerstörung kapitalistischer Infrastruktur in den Straßen der Santiagoer Innenstadt ausbreitete. Begonnen in den Außenbereichen des Regierungspalasts brauchten die Akte der Straßengewalt nicht lange, um sich bis spät in der Nacht in verschiedene Teile der Stadt auszubreiten.

Mit einer Situation allgemeiner Rebellion und weitschweifigem Chaos in zahlreichen Stadtteilen konfrontiert, waren die Polizeikräfte nicht in der Lage, den Ausbruch der Wut zu kontrollieren, der seither weite Teile einer Gesellschaft erfasst hat, die nicht länger schläft und die die Schnauze voll hat von der ganzen Unterdrückung und der Prekarisierung des Lebens, die in dem neoliberalen ökonomischen System und dem Polizeistaat, der in Chile während der jüngsten Zivil- und Militärdiktatur (1973-1990) installiert wurde, begründet liegen. Die Menschen haben auch die Schnauze voll den verschärften Lebensbedingungen und der Herrschaft, die sowohl von den Mitte-Linken und rechten Regierungen, die sich seit der Rückkehr zur Demokratie abgewechselt hatten, verschärft wurden.

Den Riots, die im Zentrum der Stadt begannen, schlossen sich später tausende von Menschen an, die in ihren Nachbarschaften demonstrierten und die als Form des Protests auf leere Töpfe schlugen, aber auch Riots, Brandstiftungen und Zerstörungen lostraten, die sich in zahlreichen attackierten, geplünderten und niedergebrannten Bussen, öffentlichen Gebäuden und Bürogebäuden ausdrückten und als wesentliches Element die dutzenden U-Bahnhöfe enthielten, die von Horden von Individuen bis spät in die Nacht voller Wut zerstört und in Brand gesteckt wurden.

Die Regierung zögerte nicht lange, bevor sie in Santiago den Notstand ausrief, einen Ausnahmezustand, der den Einsatz des Militärs auf den Straßen und den Einsatz bewaffneter Kräfte zur Wiederherstellung der Ordnung beinhaltet.

Dennoch breitete sich bereits eine massive, natürliche, unkontrollierbare und noch nie dagewesene Revolte in der post-diktatorischen Landschaft aus, die in der Praxis die Gehorsamkeit, Unterwürfigkeit und Angst auslöschte, die die Dekaden kapitalistischer Herrschaft in Chile den Menschen auferlegt hatten.

Zweiter Akt: Die Ausweitung des zerstörerischen Ungehorsams und der Beginn der Ausgangssperre

Am Samstag, den 19. Oktober wurden angesichts der anhaltenden und sich zuspitzenden Unruhen Militäreinheiten in verschiedenen Teilen der Stadt stationiert. Im Zentrum von Santiago und in den umliegenden Stadtteilen bewachte das Militär die Straßen, kommerzielle Gebäude und U-Bahnhöfe. Dennoch wichen die Demonstrant*innen aller Lager vor der Militärpräsenz nicht zurück und lehnten diese aufgrund der lebendigen Erinnerung der Repression, die sie wenige Dekaden zuvor während der Jahre der Diktatur erlitten hatten, allgemein ab.

Am gleichen Tag stieg die Anzahl der von Demonstrant*innen abgefackelten Busse, Autos und U-Bahnhaltestellen an. Zeitgleich gerieten die Plünderungen von Supermärkten und großen Einkaufszentren außer Kontrolle und das Bild von tausenden Menschen, die sich ihre Leben zurückeroberten, indem sie sich die Produkte aus den Zentren des Konsums griffen, wurde zu einem der lebendigsten Bilder dieser Tage der Revolution und war ein wichtiger Faktor für die von den Plünderungen und die Gewalt überforderte Regierung, in der gleichen Nacht eine Ausgangssperre in Santiago zu verhängen.

Ohne jedes Schamgefühl verkündeten der Präsident und der für die Stadt verantwortliche Militäroffizier den Medien die Beschränkung der „Bürger*innenrechte“, die an diesem Abend von 19 Uhr bis 6 Uhr des folgenden Morgens dauern sollte. Auch in dieser Nacht hielten die Demonstrationen, Riots, Plünderungen, Brandstiftungen und Konfrontationen mit den Repressionsorganen in der ganzen Stadt bis in die frühen Morgenstunden an.

Zwischen Samstag und Sonntag verbreitete sich der Funke der Wut sogar noch weiter und entzündete Massendemonstrationen und Szenen primitiver Gewalt in anderen Regionen des Landes, die einer neuen Bewegung allgemeinen Chaoses mit zahlreichen Akten der Rebellion und Riots in verschiedenen Städten den Weg ebneten. Sie legte in nur wenigen Tagen einen großen Teil der urbanen Infrastruktur durch Barrikaden, Vandalismus und Brandanschläge auf städtische Gebäude, Regierungsgebäude, Einkaufszentren und Gebäude der öffentlichen Medien in Schutt und Asche. Zu dieser Zeit hatte die Revolte sich bereits jeglicher spezifischer Forderungen entledigt, da sich Menschen mit diversen Hintergründen und von verschiedenen Orten auf den Straßen inmitten der Proteste und Riots gegenseitig fanden und einen gigantischen Riss in das neoliberale System Chiles und sein System kapitalistischer/ extraktivistischer [1] Ausbeutung, das das ganze Gebiet betrifft, sprengten.

Seit Sonntag, dem 20. Oktober erklärte die Regierung in den Städten, in denen Aufstände stattfanden, den Ausnahmezustand und verhängte Ausgangssperren, dennoch breiteten sich die Riots weiterhin entgegen der Verbote bis in die späte Nacht aus und zeigten, dass die Wut und Gewalt, die die Menschen gegen die herrschende Ordnung entfesselten, die Angst und Passivität, die seit Dekaden in großen Teilen der chilenischen Bevölkerung geherrscht hatte, gebrochen hatte.

Dritter Akt: Die Würde und der Kampf gegen die Strategie der staatlichen Repression

Seit Beginn des Ausnahmezustands verschärfte sich die staatliche Repression und verbreitete sich auch offen innerhalb der verschiedenen aufständischen Regionen.

Als Anarchist*innen wollen wir klarstellen, dass wir uns nicht in die Opferrolle begeben wollen, dennoch ist es immer gut, Informationen über die Strategien zu teilen, die die Herrschaft gegen die Aufständischen und die rebellische Bevölkerung im Allgemeinen anwendet.

Im derzeitigen Kontext umfasste das repressive Arsenal des chilenischen Staates folgendes:

  • Über 2000 Menschen wurden verhaftet und mehr als 15 Menschen wurden ermordet. Außerdem werden unzählige Menschen vermisst.
  • Der Beschuss von Demonstrant*innen mit verschiedenen Arten von Projektilen, darunter Tränengas, Gummigeschossen und andere Kriegswaffen, verletzt und tötet eine wachsende und unbestimmbare Zahl von Menschen auf den Straßen. Außerdem wurden Tiere und Menschen, die auf den Straßen leben, ebenfalls durch den Beschuss verletzt und getötet.
  • Physische und psychische Angriffe, sowie sexuelle Übergriffe und Folter gegen festgenommene Menschen auf öffentlichen Straßen, in Fahrzeugen und Polizeiwachen.
  • Entführungen von Menschen mit Polizeifahrzeugen und zivilen Fahrzeugen. Es kursierten Bilder von Menschen, die in den Kofferraum von Polizeifahrzeugen gesperrt waren.
  • Schüsse von hinten auf den Straßen gegen Menschen, denen die falsche Hoffnung gegeben wurde, dass sie einer Verhaftung entkommen könnten.
  • Gefälschte Genehmigungen, um Supermärkte zu plündern, die von Polizei und Militär erteilt werden und die in Verhaftungen und Ermordungen resultieren, die später zu Toten in Folge von Riots erklärt werden.
  • Feuer auf großen Firmengrundstücken, die von den Repressionsorganen gelegt wurden, damit die Firmen Geld von den Versicherung bekommen. In einigen dieser Feuer sind verbrannte Leichen entdeckt worden.
  • Menschen werden aus fahrenden Polizeiautos geworfen und dann erschossen.
  • Aufknüpfen der Körper getöteter Menschen auf unbebauten Flächen und Erhängung lebender Menschen in Polizeibarracken.

Die massive Nutzung von sozialen Netzwerken wie Instagram, Twitter und Facebook erlaubten die sofortige Verbreitung unzähliger audiovisueller Beweise der oben beschriebenen Situationen, die von sogenannten „alternativen“ Veröffentlichungsgruppen verbreitet werden, die den Kämpfen verbunden sind und die die von der Regierung entwickelte und von den öffentlichen Medien, die schon immer der Macht dienten, unterstützte Kommunikationsstrategie durchbrechen.

Die Kommunikationsoffensive der Regierung stellt einen anderen Teil der Repression dar, indem versucht wird, die Meinung der Menschen mit den folgenden Methoden zu beeinflussen:

  • Zensur und Kontrolle der Informationen, um heuchlerisch die Aufnahmen von Repression zu verbergen, zu rechtfertigen und/oder anzuzweifeln.
  • Im Fernsehen übertragene Reden von Regierungsvertreter*innen, in denen diese eine soziale Krise bemerkt haben, die nun mittels eines „neuen sozialen Vertrags“ gelöst werden soll.
  • Es wird explizit von einem Kriegszustand gegen eine*n interne*n Feind*in gesprochen, die*der angeblich den Plan verfolgen soll, Chaos zu säen und kleine Läden, Schulen und Krankenhäuser anzugreifen. Besonders viel Aufmerksamkeit hat mensch der Kriminalisierung der Plünderer*innen und Vandal*innen gewidmet. Außerdem wurde in einem Bericht im Staatsfernsehen erwähnt, dass die Riots von nihilistischen anarchistischen Zellen organisiert worden seien.
  • Eine beständige Berichterstattung während des ganzen Tages, die die Angst vor Nahrungsmittelknappheit wegen der Plünderungen schürt und die Idee verbreitet, dass die Diebstähle auch auf gewöhnliche Haushalte übergreifen würden.
  • Die Unterteilung der Demonstrant*innen in gute, legitime und friedliche Demonstrant*innen und gewalttätige, gegen die jede Form der Repression gerechtfertigt sei.
  • Die Präsentation eines Plans für ökonomische und soziale Maßnahmen, in dem Versuch Interesse für eine Lösung der existierenden Krise zu zeigen.
  • Die Darstellung des Militärs als Kräfte zum Schutz und für den Frieden.

Glücklicherweise hatte die repressive Kommunikationsstrategie der diskreditierten Regierung nicht den gewünschten Effekt und der Ungehorsam blieb trotz der Tatsache erhalten, dass einige ewig unterwürfige und gehorsame Bürger*innen mit der Macht zusammenarbeiteten, indem sie sich freiwillig an der Reinigung der Straßen und der Überwachung der Viertel beteiligten, indem sie gelbe Westen trugen und diesem Kleidungsstück eine vollständig andere Bedeutung gaben als die Revolte, für die es nach den wilden Protesten in Frankreich bekannt wurde.

Unsere Anarchistische Position: Notizen zu einem Nachspiel, das noch nicht existiert

Zwischen Mittwoch, dem 23. Oktober und Donnerstag, dem 24. Oktober versuchten sich die Regierung und die Repressionsorgane darin, ein freundlicheres Gesicht zu zeigen, angesichts der anhaltenden Demonstrationen und der großen Zahl an Ursachen für Aufstände, zu denen die dauernde Enthüllung von Beweisen für repressive Handlungen und das öffentliche Bekanntwerden einer als geheimes Gefangenenlager genutzten U-Bahnhaltestelle und Berichte, dass dort gefoltert würde, hinzu kamen.

Dieser Tage scheint es Anzeichen dafür zu geben, dass die allgemeine Revolte ein wenig an Intensität verliert, was vermutlich der Situation der tagelangen, permanenten Proteste mit ständigen Unruhen und Konfrontationen geschuldet ist. Einige von uns sind der Meinung, dass das dem Prozess einer fortschreitenden Befriedung den Weg ebnen könnte, in der einige Kessel der Revolte fortdauern und sich die selektive Repression gegen Menschen, die bereits für ihr Engagement in sozialen Bewegungen, Kollektiven und im Umfeld radikalen Kampfes bekannt sind, verschärfen könnte. Tatsächlich wurden Menschen mit Verbindungen zu studentischen und Umwelt-Bewegungen bereits verhaftet.

Ungeachtet dessen, was kommen wird, wissen diejenigen von uns, die schon lange vor dem aktuellen sozialen Ausbruch die Macht und Autoritäten angegriffen haben, dass all die oben aufgelisteten Praktiken der Repression und Kommunikation Teil des repressiven Arsenals sind, mit dem wir und andere Gruppen in der gesamten Geschichte des Staates und der Autoritäten konfrontiert waren. Heute werden wir Zeug*innen einer postmodernen Erneuerung von Methoden und Strategien, die bereits in früheren diktatorischen und demokratischen Regimen in Chile, Lateinamerika und dem Rest der Welt angewandt wurden, wenn die Interessen der Herrschaft gefährdet waren und sie nicht zögerte, ihr wahres Gesicht der geplanten und systematischen Unterdrückung zu zeigen.

Wir wissen, dass die Feindschaft und Angriffe auf die Herrschaft seit Jahrhunderten von unzähligen Generationen von Rebell*innen, Aufständischen, Revolutionär*innen und Subversiven jeder Art verfolgt wurden, ebenso wie wir die Gewissheit haben, dass wir, die Anarchist*innen zusammen mit den communities der Mapuche und der vermummten Jugend in den letzten zwei Jahrzehnten Folter, Knast und Tod als Teil der repressiven Politik des Staates angesichts des Widerstands und der anhaltenden Angriffe, die wir gegen die kapitalistische und autoritäre soziale Ordnung ausgeführt haben, erfahren haben.

Heute werden viele Menschen Zeug*in dessen, was wir seit Jahren verbreitet haben: Dass den Mächtigen Täuschung, Folter und Mord gelegene Mittel sind, um die Welt, die sie zu ihrem Profit errichtet haben, zu verteidigen, und dass der einzig mögliche Weg zu einem Ende der Herrschaft über unsere Leben mit einer zerstörerischen Rebellion gegen all das beginnt, was uns von denen auferlegt wurde, die versuchen, unsere Existenz zu einem Dasein als Sklave zu machen, die uns unsere Freiheit rauben.

Wir sind uns bewusst, dass alle Feinheiten der staatlichen Repression, sogar die, die vorgeben, wie ein „freundliches“ Gesicht auszusehen, Teil der Aufstandsbekämpfung sind, wie sie ursprünglich in Algerien eingeführt, in den Diktaturen Lateinamerikas verbessert und von Besatzungstruppen im Irak, in Haiti und anderen Teilen der Welt angewandt wurden. Wir wissen genau, dass massive und selektive Repression, Folter, Vernichtung, Versammlungen und Kommunikationsstrategien der psychologischen Kriegsführung keine Neuheit sind und wir leben und erleben diese heute in einem Szenario, das wir nie für möglich gehalten hätten: Wir führen unser tägliches Leben und unsere Kämpfe in einem Ausnahmezustand mit Militär auf den Straßen.

Wir wissen auch, dass die Existenz, die Ausbreitung und der Fortbestand anarchistischer Ideen und Praktiken der Konfrontation während der letzten Dekaden im chilenischen Gebiet ein echtes, lebendiges und dynamisches Element bildeten, das auf gewisse Weise zur Identifizierung von und zum Angriff auf Symbole und Ziele der Macht inmitten der derzeitigen Unruhen und zur Verbreitung einer radikalen, kämpferischen Subjektivität gegen die Welt des Kapitals und der Herrschaft beitrug. Dennoch müssen wir so ehrlich sein zu betonen, dass die Unzufriedenheit, die mit so unvergleichlicher Gewalt im demokratischen Chile ausgebrochen ist, einer allgemeinen Revolte ohne Anführer*innen entspricht, in der die anarchistischen Individualitäten nur eine der vielen Akteur*innen auf den Straßen sind.

Wir haben nie an die guten Absichten der demokratischen Lügen geglaubt, daher sind wir nicht überrascht, dass die repressiven Kräfte ihre Waffen auf Kinder, Alte und Tiere richten. Heute lernen wir auch, mit der Ausgangssperre zu leben, die unsere Mobilität und die Möglichkeit sich unter Freund*innen, Gefährt*innen und Affinitätsgruppen zu umarmen und miteinander zu teilen einschränkt.

Viele Emotionen und Empfindungen sind Tag für Tag und Minute um Minute miteinander verflochten: Wut, Ohnmacht, Nervosität und ein Quäntchen Angst erfüllt die Herzen und den Verstand vieler Menschen.

NICHTS IST ZU ENDE, ALLES GEHT WEITER

HEUTE MEHR DENN JE SETZEN WIR UNSEREN KAMPF GEGEN DEN STAAT, DAS KAPITAL UND JEDE AUTORITÄT FORT.

Sin Banderas Ni Fronteras

 

Dieser Text wurde ursprünglich am 26. Oktober 2019 bei mpalothia veröffentlicht. Diese Übersetzung ins Deutsche folgt der englischen Übersetzung, die bei Anarchists Worldwide veröffentlicht wurde.

Anmerkungen

[1] Extraktivismus bezeichnet in diesem Fall die Ausbeutung natürlicher Ressourcen (in Chile unter anderem beispielsweise Kupfer, Lithium und Gold), die dann auf dem Weltmarkt verkauft werden.