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Der Aufstand in Minneapolis und die Zerstörung des 3. Polizeireviers

Einige Auszüge aus einem Interview zu den Ereignissen in Minneapolis:

„(…) Die Community der Twin Cities hat in den letzten paar Jahre schon mehrere Beachtung findende Polizeimorde an Individuen gesehen. 2015 wurde Jamar Clard von der Polizei ermordet während er am Boden lag, Hinrichtungsstil, mit Pistole, auf kurze Distanz, nur ein Block vom 4. Polizeirevier von Minneapolis entfernt. Während den Protesten welche folgten gab es eine mehrwöchige Belagerung des 4. Reviers welche in Molliangriffen auf die Polizeistation kulminierte, ebenso gab es andere Scharmützel zwischen Protestierenden und Polizei. Während jener Zeit tauchten weisse Rassisten [white supremancists] auf und schossen auf mehrere Black Lives Matter Aktivisten.

Dann erschossen die Bullen 2016 in den Twin Cities [Minneapolis & St. Paul] Philando Castile während einer Verkehrskontrolle, bei der er auf dem Mitfahrersitz eines Autos mit seiner Partnerin und Kind sass, welche seine letzten Momente live auf Facebook streamte während er ausblutete. Während den Protesten welche auf den Mord an Philando Castile folgten wurden Autobahnen von Protestierenden blockiert und eskalierte Taktiken, einschliesslich des Feuerns von Mörserfeuerwerken in Polizeilinien, angewandt.

Dieses öffentliche Lynchen durch die Polizei, zusammen mit tausenden mehr in den letzten Jahren in den Vereinigten Staaten, sind nur ein kleiner Teil eines viel grösseren historischen Kontexts, von dem, was zum Aufstand über das polizeiliche Lynchen von George Floyd führte. Wenn der gegenwärtige Aufstand in den Vereinigten Staaten darin scheitert eine reale und unmittelbare substantielle Veränderung zu schaffen, dann wird der Konflikt, den man in diesem Land in den letzten Wochen gesehen hat rasch zu eskalieren fortfahren und möglicherweise in einen ausgewachsenen Bürgerkrieg auslaufen.

Farbige Menschen stehen auf und konfrontieren ihre Unterdrücker, teilweise aufgrund der Tatsache, dass es eine hohe statistische Wahrscheinlichkeit gibt, dass sie von der Polizei ermordet werden, egal ob sie zurückschlagen oder nicht. Einfach ausgedrückt: es gibt für die Leute keine Angst zurückzuschlagen weil es keine Hoffnung und keine Zukunft gibt es anders zu tun.

(…)

Am Tag nachdem George Floyd von der Polizei ermordet wurde, begaben sich die Protestierenden der Community zum Polizeirevier im 3. Bezirk, all die Wut und Hoffnungslosigkeit vom Kampf gegen vergangene Polizeimorde im Gepäck. Die Protestierenden zertrümmerten Polizeiautos während die Bullen sich, blast ball Granaten [Eine Art Blendschockgranaten mit Tränengas kombiniert] werfend und mit weniger-tödlicher Munition schiessend vor der schnell vorstossenden Menge zurückzogen.

Am nächsten Tag versammelten sich Protestierende einmal mehr ausserhalb des 3. Reviers, errichteten Barrikaden in den Strassen und schmissen Steine auf die Fenster der Polizeistation. Schwerbewaffnete Bullen mit Riot-Helmen, Schlagstöcken, Pistolen und grossen Gewehren standen vor dem Hauteingang zur Station. Taktische Einheiten standen auf einer hohen Ebene entlang des Daches der Wache und schossen auf die Protestierenden mit „weniger-tödlicher“ 40mm Markierungsgeschossen [marker rounds], Granaten und Tränengas.

Die Situation spielte sich ab wie eine revolutionäre Kriegswiedereinsetzung, in welcher die Polizei Salven von Projektilen in die Gesichter und Genitalien der Protestierenden feuerte, aber ohne dass die Protestierenden Salven zurückfeuerten. Es begannen Protestierende zu Boden zu gehen, schreiend, da ihre Augen zerstört wurden, und Luftröhren kollabierten durch den Hochgeschwindigkeitseinschlag von den 40mm Markierungsgeschossen.

Ärzte und andere Freiwillige trugen die Verwundeten zu nahestehenden Fahrzeugen, welche schnell ins Spital fuhren, während andere damit begannen, naheliegende Läden zu plündern und Gebäude anzuzünden. Dies verringerte die Stärke der Polizeikräfte die das 3. Revier verteidigten, insofern als diese schnell verschiedene Rioteinheiten abziehen mussten um die Feuerwehr zu den Feuern in der Stadt zu eskortieren.

Bei Einbruch der Dunkelheit hatte die Polizei komplett die Kontrolle über die Stadt verloren und die Protestierenden besetzten verschiedene Blocks rund um das 3. Revier. Mit dem folgenden Tag hatte sich die Nachricht in den Twin Cities verbreitet, dass die Polizei nicht fähig war das Chaos und das Plündern zu stoppen, welches um den Mittag rum in St. Paul bei hellem Tageslicht begonnen hatte. Bullen von verschiedenen Zuständigkeitsbereichen befanden sich einer viel grösseren Menge von Protestierenden und umherziehenden Gruppen von mit Brecheisen und anderem Brechwerkzeugen bewaffneten Plünderern gegenüber. Während Blocks von Geschäften in St. Paul in Flammen aufgingen, begaben sich Protestierende an diesem Abend wieder zum 3. Revier hin. Verschiedene grosse Strukturen im Gebiet rund um das 3. Revier, welche der vorangegangenen Nacht zu Asche reduziert wurden, qualmten noch immer.

Derweil suchten Protestierende welche Gasmasken und Helme trugen Steine und Sperrholz zusammen um den eskalierten Kampf gegen die Polizei vorzubereiten. Polizisten auf dem Hausdach setzten ihre Strategie, auf die Protestierenden hinunterzufeuern, fort. Inzwischen wussten die Protestierenden welche Taktiken und Munition von der Polizei zu erwarten war und spürten auch eine extreme Hoffnungslosigkeit, hatten sie doch den Tag zuvor ihre Freunde schreckliche Verletzungen erleiden sehen. Einige Protestierende brachten kugelsichere Kevlar-Anzüge, Molotov Cocktails, Steinschleudern, Motorsägen, Paintballausrüstung, Pistolen, und sogar Sturmgewehre. Es war klar, dass diese Nacht anders als jede andere Nacht sein würde und dass, auf die eine oder andere Art, die Community die Polizeistation runterbrennen würde.

Als die Strassenschlacht in Grösse und Intensität wuchs, erkannten die Bullen bald, dass ihre Leben in höchster Gefahr waren.

Tausende von Protestierenden stiessen mit Schildwällen durch die Wolken von Tränengas vor, zerdepperten Fenster auf Bodenhöhe, während Protestierende von hinten den Vorstoss mit dem feuern von Mörserfeuerwerk gegen die Polizei, welche mit „weniger-tödlichen“ Gewehren vom Dach schoss, deckten. Ein Polizist auf dem Fach schien direkt vom Mörserfeuerwerk getroffen zu sein, was ihn eine Granate fallen liess, welche adrupt in seinem Gesicht explodierte. Die Bullen auf dem Dach zogen sich schnell ins Gebäude zurück, während eine andere Gruppe versuchte den Vorstoss der Protestierenden ausserhalb des Gebäudes zu flankieren.

Als die Sonne unterging waren die Feuer in der Stadt Berichten zufolge von 30 Meilen entfernt zu sehen, im nahegelegenen Staat von Wisconsin. Als die Dunkelheit einsetzte begann die Polizei das 3. Revier zu evakuieren. Die Menge stiess zur Polizeibarrikade vor, warf Steine nach den Bullen und riss Zäune nieder während dutzende Polizisten um ihr Leben rannten, raus auf der Hinterseite des 3. Reviers. Ein Konvoi von panischen Polizisten fuhr ihre Einheitswagen durch deren eigenes geschlossenes Einganstor, während hinten ein gepanzertes BearCat-Gefährt 40mm Markierungsgeschosse in die rapide vorrückende Protestmenge schoss, so fuhren sie hinaus in die Nacht. Mündungsfeuer konnten in die Nacht blitzend gesehen werden, da Tausende Protestierende jubelten und durch das Abfeuern von Magazinen und Feuerwerk feierten.

Protestierende begannen schnell durch verschiedene Eingänge zugleich in die Wache einzubrechen, einige vorne und einige hinten. Man sah Protestierende Überwachungskameras zertrümmern, während andere Molotov Cocktails in die Fenster des zweiten Stocks schmissen. Die Leute arbeiteten zusammen um die Türen zur Wache aufzubrechen, behelfsmässige Rammböcke benutzend, während andere Äxte, Vorschlaghämmer, Schrotflinten und Handkreissägen benutzten. Nach einem ziemlichen Aufwand schwangen die Türen auf und die Protestierenden stürmten in das 3. Revier. Bewaffnete Protestierende welche Pistolen und Sturmgewehre trugen bewegten sich mit der Menge vor. Feuer und Schatten konnten in den Fenstern gesehen werden als einige Protestierende draussen mit neuerworbenen Polizeiuniformen, Riothelemn, Kevlarwesten und Polizeiknüppeln paradierten. Die komplette Wache wurde umgehend zertrümmert und geplündert während eine andere Gruppe von Individuen IED’s [improvised explosive devices; dt.: Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung; USBV] reintrug, aus Propangasbehältern gemacht, um das Gebäude zu sprengen. Am Ende der Belagerung war die komplette Front des 3. Reviers in Flammen gehüllt, mit Protestierenden die in den Strassen von Süd-Minneapolis feierten. Diese Nacht rief der Gouverneur von Minnesota die Armee der National Garde um die Kontrolle über sowohl St. Paul als auch Minneapolis zurückzuerlangen.

Die folgenden Tagen waren voll mit schnellst eskalierenden Konflikten zwischen der Community, Polizei und Armee, welche auch damit begann Sturmgewehre mit scharfer Munition zu tragen. Mehr Gebäude gingen in Minneapolis in Flammen auf.

Die meisten der abgefackelten Geschäfte waren jene, welche die Armen und Farbigen für Jahrzehnte ausgesaugt hatten, wie etwa Zahltagskreditvergeber [pay-day loans; etwas wie „Minikredit“] und Banken.

Gruppen von Plünderern konnte man dabei beobachten, wie sie elektrische Sägen an Geldautomaten benutzten während andere mit Pistolen dabeistanden und ihre Räubereien beschützten. Während jedem nächtlichen Scharmützel beamten Laser zwischen Protestierenden und Heckenschützen der Polizei hin und her, während militärische UH-60 Black Hawk Helikopter und Raubtierdrohnen [so wird das Drohnenmodell „General Atomics MQ-1″ genannt] über der Stadt kreisten.

Nach Tagen der Unruhe begann die Community sich neu zu versammeln und am Ort an dem George Floyd ermordert wurde eine friedliche Besetzung zu formen. Dort kann man Mitglieder der Community sehen wie sie Dosenfrass verteilen, ein Barbeque grillen und Pläne diskutieren die Polizeibehörde abzuschaffen.

(…)

In Minneapolis kommen jetzt die Arbeiterklasse-Leute aller Farben in den Strassen zusammen und benutzen verschieden Formen der direkten Aktion um Druck auf jene an der Macht auszuüben, die Polizeibehörde abzuschaffen. Nach den ersten paar Tagen des intensiven urbanen Konflikts in den Twin Cities kommt die Community jetzt zusammen um die Grundbedürfnisse ihrer Nachbarn zu unterstützen. Die Gegend im Süden von Minneapolis, wo George Floyd ermordet wurde, ist jetzt von der Community blockiert und besetzt, dort werden verschiedene Dienstleistungen für umsonst für die Bedürftigten angeboten, so wie Essen und medizinische Versorgung. Polizeipatrouillen haben in vielen Teilen der Twin Cities drastisch abgenommen seit der Aufstand begann. Während die Belagerung des 3. Reviers darin erfolgreich war, die Polizei dazu zu bringen, die Community zu verlassen, ist die befriedigendste Errungenschaft wie die Community zusammenkommt um alternativen zu den unterdrückerischen Polizierungsmethoden zu finden, welche sie so lange geplagt haben.“

Aus: ‘Something has changed in the power dynamic’; https://anarchistnews.org/content/%E2%80%98something-has-changed-power-dynamic%E2%80%99

Interview mit den Organisator*innen der Proteste gegen den 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg

Am 25. Juli findet in Salzburg ein „1000-Kreuze-Marsch“ statt. Was ist das? Und wer steckt da dahinter?

InitiatorInnen (hier verwenden wir bewusst das Binnen-I) sind vor allem „Human Life International“, „Euro Pro Life“ und die „Lebenszentren“ München und Salzburg. Also christiliche FundamentalistInnen bzw. AbtreibungsgenerInnen verschiedener Couleur.

Der Gebtszug, den sie „1000-Kreuze-Marsch“ nennen ist ein ein Treffen christlicher AntifeministInnen aus Österreich, Bayern und Südtirol. Weiße Holzkreuze tragend trotten sie durch Salzburg mit dem Zweck, Propaganda gegen reproduktive Selbstbestimmung und Emazipation zu verbreiten.

Ihr organisiert dagegen Proteste. Wie werden die aussehen? Und wie kann mensch sich beteiligen?

Los gehts um 11:30 am Hauptbahnhof mit der Pro Choice Demo als Gegenveranstaltung. Die Demo wird entlang belebter Routen durch die Stadt ziehen, dabei werden wir laut sein für reproduktive Selbstbestimmung. Voll toll wären auch Grußworte oder sogar Redebeiträge, die wir verlesen können (schickt diese am besten an unsere Mailadresse) Mindestens die erste Reihe wird aus FLINT*-Personen bestehen, je nach Anzahl auch ein ganzer Block. Die Demo endet in der Nähe des Ortes, an dem die Fundis sich ca. eine Stunde später versammeln werden, um ihren Trauermarsch zu beginnen (am Mozartplatz). Danach werden wir versuchen, den Marsch zu blockieren – die genauen Blockadepunkte werden sich spontan ergeben, da noch nicht klar ist, welche Route die Fundis gehen werden. Bildet Banden (oder wütende Mobs), haltet die Augen offen und ergreift zusammen mit uns jede sich bietende Gelegenheit, um sich ihnen in den Weg zu stellen!

In Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Umständen straffrei für die*den durchführenden Ärzt*in und die schwangere Person. In allen anderen Fällen machen sich schwangere Person und Ärzt*in strafbar. Radikale Abtreibungsgegener*innen kämpfen dagegen für eine uneingeschränkte Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Wie ist die Situation in Österreich?

Die Situation ähnelt der in Deutschland. Auch in Österreich gibt es bestimmte Umstände (Indikationen), die erfüllt sein müssen, um sich damit nicht strafbar zu machen. Die Schwangerschaft darf nur in den ersten drei Monaten abgebrochen werden, und auch dann nur, wenn vorher eine Beratung stattgefunden hat. Eine Wartezeit nach der Beratung wie in Schland gibt es noch nicht – allerdings versucht die Kampagne „#Fairändern“ diese einzuführen.

Ein (Neben-)Argument radikaler Abtreibungsgegner*innen ist, dass aufgrund von Pränataldiagnostik diagnostizierte Erkrankungen, die schließlich zur Entscheidung führen, eine Abtreibung vorzunehmen, eine problematische genetische Selektion sind. Wie steht ihr zu dem Thema?

Es ist kein Zufall, dass die ultra-religiöse Rechte ihren Hebel zur vollständigen Kriminalisierung an diesem Punkt ansetzt. Zum Tragen kommt die embryopathische Indikation meist nicht aus Be_hindertenfeindlichkeit der schwangeren Person, sondern wegen der sozialen Auswirkungen auf die Person, die das Kind bekommt.

Wir finden es perfide, dass „#Fairändern“ Menschen mit Beeinträchtigungen für ihre reaktionären Zwecke instrumentalisieren. Diskriminierung und Abwertung von Menschen mit Beeinträchtigung ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Das Ziel von „#Fairendern“ und ähnlichen Gruppierungen ist es eben nicht, dieses Problem anzugehen, sondern unter diesem Deckmantel Schwangere zum Austragen jeder Schwangerschaft zu zwingen.

Sie sprechen Frauen (für sie werden nur Frauen schwanger) die Kompetenz ab, selbstständig Entscheidungen treffen zu können. Dazu kommen die Stigmatisierung von Be_hinderten, fehlende soziale Sicherung, die unzureichende Infrastruktur – Probleme, zu denen die Initiator_innen der Kampagne direkt beitragen, in dem sie als Politiker_innen vor allem der ÖVP Gesetzesänderungen ermöglicht haben, die eben diesen Leuten auch noch Gelder streicht.

Zudem ignorieren sie seit Jahrzehnten die Forderungen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung (Be_hindertenbewegung) und blockieren diese aktiv.

Hervorzuheben ist außerdem, dass auch Frauen und gebärfähige Menschen mit Be_einträchtigungen ungewollt schwanger werden. Auch für diese Gruppen wäre es fatal, die Zugänglichkeit zu Abbrüchen weiter einzuschränken – die bestehende Gesetzeslage schafft schon jetzt teils unüberwindbare Barrieren (zum Beispiel die Fristenregelung in Kombination mit weiten Anreisewegen zu Kliniken, die Abbrüche vornehmen, um nur die offensichtlichste zu nennen).

Fazit: Die Thematik sprängt wahrscheinlich den Rahmen dieser Zeitung, eine feministische Debatte dazu, gemeinsam mit Betroffenen („nichts über
uns ohne uns!“), ist dringend nötig und leider lange überfällig.

Schwangerschaftsabbrüche zu reglementieren folgt einem machtpolitischen Anspruch, der dem patriarchalen Staat Kontrolle über potenziell gebärfähige Körper zusichert. Welche Perspektiven seht ihr umgekehrt, durch den Kampf gegen die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen auch den staatlichen Einfluss allgemein zurückzudrängen? Oder geht es euch bei diesem Thema ausschließlich um Schadensbegrenzung?

Natürlich geht es uns auch um Schadensbegrenzung. Es würde unglaublich viel Schaden angerichtet, wenn die von Kirche und Staat vertretene Auffassung, Frauen und Schwangere wären nicht entscheidungkompetent, noch weiter als bisher Lebensrealitäten bestimmen würde.

Darüber hinaus geht es uns allerdings um mehr als das, nämlich um nicht weniger als ein gutes Leben für alle Menschen. Ein gutes Leben für alle braucht sowohl einen anonymen, barrierefreien Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen, als auch eine tatsächliche Gleichstellung von Menschen mit Be_hinderung. Dazu sind konkret unter anderem fortschrittliche Sexualaufklärung, (barriere)freier Zugang zu Verhütung und allem voran die Aufhebung der patriarchalen Arbeitsteilung nötig. Die heterosexuelle Kleinfamilie dient im Inneren als Keimzelle des Staates, die Sicherung der Macht des Staates über alle Bürger_innen funktioniert somit über die Macht von Männern über Frauen (in der immer noch hegemonialen binären Logik gedacht). Wir verstehen reproduktive Selbstbestimmung nicht als isolierten Kampf, sondern als Querschnittmaterie, die im Kampf um eine befreite Gesellschaft eine zentrale Rolle einnimmt.

Einer der Organisatoren des 1000-Kreuze-Marschs in Salzburg, Wolfgang Hering, wohnt in München. Auch der Verein EuroProLife ist in München ansässig. Sehr ihr da Möglichkeiten, den 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg von München aus zu sabotieren?

Zugfahrt begleiten (die Münchner Fundis haben ja davor in MUC ne „Gebetsprozession“ zu ner Klinik, die Abbrüche durchführt, mit Ende gegen 11:45 Uhr, danach werdens wohl mit dem Bayernticket anreisen – seid kreativ!), sabotieren wo geht. Die Fundis während der Fahrt mit Pro-Choice-Songs oder Stöhnen oder was auch immer euch einfällt ein bisschen aus der Fassung bringen …

Am Abend, nach dem Marsch, reisen sie wieder gemeinsam nach München, da gilt dann wohl das gleiche. Hoffentlich werden sie bei der Rückkehr ein bisschen erschrocken über den Zustand ihrer Autos sein …

Einen Zugtreffpunkt von München zum 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg gibt es nach derzeitigem Kenntnisstand der Redaktion leider nicht. Die Antisexistische Aktion München hat jedoch eine Empfehlung dafür ausgesprochen, den Zug um 8:56 Uhr ab Gleis 10 vom Hauptbahnhof München aus zu nehmen. Vielleicht finden sich Anreisende dort ja spontan zusammen.

Der INternational Anarchist Defence Fund

Das folgende Interview wurde von Freedom Press mit dem International Anarchist Defence Fund geführt. Wir haben es ins deutsche übersetzt.

Unsere kollektive Solidaritätsstruktur bietet Anarchist*innen und den Sympathisant*innen von Anarchist*innen weltweit Unterstützung, wenn diese verfolgt werden oder sich aufgrund ihres Aktivismus oder ihrer Ansichten in einer schwierigen Lebenslage befinden. Jede*r in unserem Kollektiv – wahrscheinlich auch jede*r, der*die dieses Interview liest – war entweder in bestehenden Solidaritätsorganisationen involviert oder hatte selbst bereits mit Repression zu kämpfen. Als wir den A-Fonds gründeten, war es unser Ziel, einige Probleme, die wir in unserer Solidaritätsarbeit beobachtet haben, zu lösen.

Zunächst wollen wir mit dem A-Fonds nicht in Konkurrenz zu bestehenden Solidar- und Antirepressionsstrukturen treten, sondern diese ergänzen. Der A-Fonds versteht sich nicht als Gruppe, die langfristige Unterstützungsarbeit leistet , rechtliche Hilfe bietet, Aktivist*innen im Umgang mit der Polizei schult, usw. wie das viele ABC-Gruppen tun. Wir bieten ausschließlich eine einmalige finanzielle Unterstützung und einige Möglichkeiten der Weiterverbreitung des Falls.

Warum halten wir das für wichtig?

Die ungleiche Verteilung der Ressourcen ist ein großes Problem in der Solidaritätsarbeit. Die Kontexte, in die wir geboren wurden und unsere Hintergründe beeinflussen die Höhe einer potenziellen finanziellen Unterstützung, die wir geben und erhalten können. Es geht dabei nicht nur um deine Familie oder deinen Beruf, sondern auch die Tradition der Solidarität in der Szene, die Verfügbarkeit von aktivistischen Infrastrukturen oder die Aktivist*innen um dich herum, die Art und Weise, auf die der Staat Menschen in deiner Region unterdrückt, Verbindungen in deiner Szene zu internationalen Gruppen und vieles mehr. All diese Faktoren führen dazu dass es Personen gibt, die gute Unterstützung geniesen und Geld für ihren Fall schnell gesammelt haben, während wir von Fällen aus anderen Regionen, in denen Aktivist*innen beispielsweise nicht sehr gut darin sind, internationale Sprachen zu sprechen oder Facebook-Kampagnen zu starten, gar nichts mitbekommen. Der A-Fonds wurde gegründet, um diesen status quo umzuwerfen und einfacheren Zugang zu international gesammelten Geldern auf der ganzen Welt zu bieten. Das ist einer der Gründe, warum wir versuchen, unsere Inhalte in möglichst viele Sprachen zu übersetzen – unsere Webseite ist derzeit in sieben Sprachen verfügbar, weitere werden folgen.

Neben regionalen Ungleichheiten gibt es auch die Tendenz, dass bekanntere Gefangene (oder Verfolgte) größere finanzielle Unterstützung erhalten. Personen, für die sich die meisten Personen der Szene verbürgen, die viele soziale Kontakte (nach draußen) haben, die allen von ihrem Aktivismus erzählt haben, bekommen größere Unterstützung als Aktivist*innen, die neu sind, weniger von ihrem Aktivismus erzählen und weniger Sozialkontakte haben. Manchmal bist du der einzige Aktivist deiner Stadt – wer soll da eine Unterstützungsgruppe für dich bilden? Wir glauben, dass der Zugang zu den Geldern des A-Fonds diese Tendenz ausgleichen kann.

Eine andere Sache, die den A-Fond von üblichen Solidaritätsstrukturen unterscheidet, ist die Möglichkeit der direkten Involvierung der Spender*innen in die Verteilung des von ihnen gespendeten Geldes. Jede*r der*die 20 Euro oder mehr pro Jahr spendet, kann Teil des Entscheidungs-Teams werden, das über alle Anfragen an den A-Fonds entscheidet. Das macht den Fonds unserer Meinung nach weniger entfremdend, als übliche Formen, bei denen mensch anonym etwas Geld bei irgendeiner Veranstaltung spendet und anderen Personen die Entscheidung darüber überlässt, wer mit diesem Geld unterstützt wird.

Die meisten aktuellen Formen des crowdfundings zu Zwecken der Solidaritätsarbeit lassen sich als »karitativ« beschreiben. Die Menschen kaufen sich einen Cocktail oder eine Eintrittskarte zu einem Konzert und vergessen alles weitere. Soli-Veranstaltungen sind ein bedeutender und kaum zu kompensierender Beitrag zu Solidaritäts-Fonds (inklusive unserem), aber sie sind auch der Versuch, durch Konsum und Unterhaltung Geld von Freund*innen und Gefährt*innen zu sammeln, das diese auch gegeben hätten, ohne ein weiteres T-Shirt oder ein Getränk zu kaufen. Es gibt keine Lösung für dieses Problem, wir wollen aber mehr als das anbieten. Direkte Beteiligung und Kontrolle darüber, wohin das Geld geht, schafft auch ein Gefühl der Anteilnahme an persönlichen Repressionsfällen und in zukünftiger Solidaritätsarbeit.

Beteiligung ist dabei keine Pflicht. Jede*r kann das Entscheindungsteam jederzeit verlassen. Wichtig ist hier außerdem, dass das Kollektiv hinter dem A-Fonds die Gelder nicht kontrolliert. Situationen in denen eine Person keine Unterstützung erhält, nur weil eine Person des Kollektivs sie nicht ausstehen kann, können so kaum entstehen. Sicher könnte dieses Individuum mit dem Rest des Entscheidungs-Teams diskutieren, aber letztlich ist es eine Stimme gegen viele andere.

Oft vergessen wir, dass Repression nicht nur die direkt betroffenen Personen, die beispielsweise im Gefängnis landen, betrifft. Oft übersehen wir diejenigen, die einfache Geldstrafen bekommen, diejenigen, die zwar vor der Polizei fliehen konnten, aber dabei verletzt wurden, die Angehörigen der direkt Betroffenen, diejenigen, die Gesundheitsprobleme oder psychische Probleme nach einer „Interaktion“ mit der staatlichen Repression davontragen, kaum zu sprechen von Personen auf der Flucht, die Jahre oder ihr ganzes Leben im Untergrund verbringen müssen. Gerade letztere können sich nicht einfach an die Öffentlichkeit wenden und diese darum bitten, ihnen Geld zu schicken und genausowenig können das Gefährt*innen die ihnen helfen wollen, aber aus naheliegenden Gründen schlecht erzählen können, dass sie Kontakt zu der gesuchten Person haben.

Der A-Fonds ist da für Anarchist*innen und ihren Sympathisant*innen , die alle möglichen denkbaren und undenkbaren Probleme im Zusammenhang mit Repression haben. Im Gegensatz zu den meisten Solidaritätsorganisationen sind wir vollkommen transparent hinsichtlich unserer Gelder. Auf unserer Webseite legen wir Rechenschaft über all unsere Transaktionen ab. Der derzeitige Stand des Fonds ist aus Sicherheitsgründen nur dem Entscheidungs-Team zugänglich. Außerdem halten wir Transaktionen, bei denen die Empfänger*innen darum bitten, geheim.

[…]

Unsere größte Schwierigkeit im ersten Jahr war die Debatte um symbolische und tatsächliche Unterstützung. Weil wir immer nur maximal 10% des momentanen Fonds an Empfänger*innen geben und wir bislang nicht übermäßig viele Spenden bekommen haben, waren unsere ersten Unterstützungen eher symbolischer Natur. Wir wünschen uns für die Zukunft, dass der A-Fonds eine primäre Quelle der Unterstützung ist, die Betroffene und ihre Unterstützer*innen von der Notwendigkeit Spenden zu sammeln zumindest für eine gewisse Zeit befreit. Deshalb versuchen wir derzeit Leute davon zu überzeugen, Teil des A-Fonds zu werden.

Derzeit brauchen wir Freiwillige, die uns dabei helfen, das Projekt in ihren lokalen Kreisen zu verbreiten. Wir wollen eine Liste anarchistischer Gruppen, Zeitungen, Webseiten und Orte, die wir kontaktieren und um Hilfe bei der Verbreitung bitten können, zusammenstellen. Ihr könnt unsere Flyer auslegen, ein Banner auf euren Webseiten Platzieren, usw. Wir suchen Leute, die uns dabei unterstützen, eine solche Liste in ihrer Region oder Stadt zu erstellen. Außerdem bitten wir auch weiterhin um Spenden und laden euch ein, Teil des Entscheidungs-Teams zu werden. Außerdem könnt ihr Soli-Veranstaltungen organisieren, Spendendosen aufstellen, usw.

Gemeinsam werden wir gewinnen.