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Sylvester in Corona-Zeiten – einige Schlaglichter

Berlin

„Eigentlich zog ich den Silvesterabend los, um dieses FCK 2020 nicht auch noch in der von Staat und Bullen angeordneten „Wohnhaft“ verbringen zu müssen. Also rechtzeitig auf zum Kotti zur nächsten „Böller Verbotszone“ Hermannplatz. Erwartet habe ich großartig nichts. Rund um den Kotti haben sich jede Menge Bullen positioniert, Lautsprecher- und Kamerawagen in Position, Hubschrauber in der Luft. Es ist weniger los als an anderen Silvester Nächten, dennoch ist der Kiez nicht wie im ersten Lockdown so erschreckend tot, Menschen sind draußen unterwegs, es böllert, Raketen fliegen. Kurz vor Mitternacht rumst es richtig Kottbusser Damm, Wannen rauschen hektisch heran, plötzlich viel Bewegung im Kiez, der showdown beginnt. Behelmte Bullen versuchen in die Sanderstraße einzudringen und stoßen auf massive Gegenwehr: Böller, Raketen, Flaschen, Steine fliegen, sie ziehen sich zurück, gehen nicht weiter gegen die Menschen in der Straße vor. Knapp eine Stunde prasselt ein mächtiges lautes Feuerwerk, Versuche sich der Ungehorsamen zu bemächtigen werden erfolgreich abgewehrt, hier und da sah man in der Dunkelheit auch mal einen Mollie fliegen. Anwohner*innen kommen vermehrt aus den Häusern, klatschen Beifall, genießen das Feuerwerk, genießen diesen Moment. So plötzlich wie es begann, war es dann auch wieder schlagartig vorbei.“

Wien

Nachdem es zu etlichen Sachbeschädigungen durch pyrotechnische Gegenstände in der Gegend um den Reumannplatz gekommen war, rückte die Polizei zu einem Großeinsatz aus. Der Mob beschoss Beamte mit Raketen bzw. Böllern, es kam zu neun vorübergehenden Festnahmen. Die Randalierer schlugen u. a. eine Auslagenscheibe eines Juweliers, eines Bäckers und Eissalons ein. Auch etliche Mülltonnen, Zeitungsständer, Auslagenscheiben, Bänke, Kaugummiautomaten sowie Fensterscheiben durch pyrotechnische Gegenstände zerstört wurden. Weiters wurde ein Christbaum in Benzin getränkt.

Lieuron (Bretagne, Frankreich)

In Lieuron ist eine illegale Techno-Party eskaliert. 2500 Menschen hatten sich Donnerstagabend dort zur Silvester-Party getroffen. Als die Polizei anrückte, um die Party aufzulösen, drehten die Feiernden durch. Die Feiernden warfen Steine und Flaschen auf Beamte, einige Sicherheitskräfte wurden verletzt. Ein Polizeiauto wurde in Brand gesetzt, drei weitere schwer beschädigt. Die Polizei zog sich zurück – und die Raver feierten den ganzen Freitag hindurch weiter. Erst am Samstagmorgen endete die Party.

Eingestallt …

Gedanken über Einsperrung, Technologie und reale Beziehungen

(Geschrieben vor der Ankündigung der gegenwärtigen zweiten Welle der Masseneinsperrung, denke ich dass diese Gedanken trotzdem einen gewissen aktuellen wie auch bleibenden Wert haben könnten.)

I

Während der Zuschauer gebannt auf exponentielle Kurven blickte, und sich dabei seine Angst-Lust auf Apokalypse nicht eingestehen durfte, diente er der Macht in der Durchsetzung ihrer feuchten Träume, welche bisher wenige Diktatoren sich erfüllen konnten. Die exponentielle Kurve kam nie zum Höhepunkt, die Katharsis blieb hinausgezögert und der Weltuntergang liess auf sich warten… Kann der Zuschauer so befriedigt sein?

Die strikte Anordnung zur Abwesenheit, lockdown, hat den öffentlichen Beweis der kompletten Aushöhlung des sozialen Lebens erbracht, auf eine Art erbracht, die sogar jene, welche sie immer konstatiert haben, schockieren musste.

Gebannt auf ihre Bildschirme blickend, betrachteten die Zuschauer, wie sie sich selbst anfeuern, zuhause zu bleiben. Die Antiquitiertheit der Masse, der organisierte soziale Tod. Wenn die Türen verschlossen sind, ausser jene in die „virtuelle Welt“, eine kalte „Welt“, welche aus Bildschirmen und Kabeln und Geräten besteht – alle tot.

Wenn „Gesellschaft“ sich auf soziale menschliche Beziehungen basiert, so gibt es die Gesellschaft nicht mehr. Zwar mag ihre Keimzelle wieder zusammengeschweisst – widerlich zusammengeschweisst werden. Aber trotzdem sagt man mit gleicher Berechtigung, wie dass die Menschen in Gesellschaft leben würden, dass sie in Technologie „miteinander“ leben. Das natürlich nicht erst seit gestern. Aber: eben auch noch nicht so.

Die Utopie des Kapitals, eine von grundauf neue Gesellschaft zu erschaffen und sämtliche nicht es selbst seiende Sozietät zu zerstören, abzulösen… vor unseren Augen geht dieses Projekt seiner Verwirklichung entgegen. „Smart planet“? Ein realistischer Vorschlag…

II

Der Pessimismus ist naheliegend. Die Beschleunigung, welche die Macht sich durch diesen rupturistischen Schock gegeben hat, ist enorm. Aber es kann auch gesagt werden: der Punkt ist erreicht, wo man weniger spekulieren muss. Die Macht ist jedem freien Leben feindlich. Überhaupt lebensfeindlich. Die einzigen Einheiten die sie noch akzeptiert, sind jene, welche zu ihrer Reproduktion nötig sind. Und auch das ist wohl noch ein Manko. Dass unvermittelte menschliche Beziehungen überhaupt noch nötig sind – unpraktisch, hält es doch vom kompletten Sprung ins Posthumane noch zurück.

Arbeit, Konsum, Familie und Sport… der Rest ist von nun an ganz offiziell „zur Zeit erlaubt“, will heissen, auf Bewährung. Wobei die Bewährung welche der verwalteten Masse namens Bevölkerung gegeben wird, von dieser nicht eingehalten werden kann, in jenem Sinne, dass sie nicht weiss, was denn der Bewährungsbruch genau wäre (alles könnte einer sein). Selbst der kompletteste Gehorsam garantiert nichts, vor allem nicht, dass nicht ein nächster „Grund“ (und sei es derselbe) erschaffen werden könnte. Betrachtet man sich die gegenwärtige Schöpfung, so ist es klar, das jede Absurdität, die bis vor kurzem noch als normaler Bestandteil menschlichen Lebens gegolten hat, zur Begründung jeder noch so absurden Anordnung herbeigezogen werden kann. Aber auch das ist nichts Neues.

III

Es ist langweilig, bei den Philosophen des Ausnahmezustands um Rat zu suchen. Rechtsstaatlichkeit oder nicht, all dieser Quatsch. Wortspielereien über den wahren und den falschen Ausnahmezustand.
Die technologische Entwicklung geht voran, und die Menschheit, die in dieser Technologie lebt, wird ihr mehr und mehr angepasst oder passt sich ihr an. Wie herum auch immer. Der Horizont, die Totalität dieses Systems zu zerstören, ist unausweichlich. Die Situation, die die Macht geschaffen hat, und in welcher sie sich auch nicht ganz ungefährlich exponiert hat, macht die herrschende Totalität mehr als je sicht- und fühlbar. Sie war für einen Moment nicht zu ignorieren. Es geht nicht um Teilaspekte.

Diesen Moment zu überdecken, zu rechtfertigen und als solchen vergessen zu machen, ist was für die Macht jetzt nötig ist. Die Operation, welche bisher erfolgreich verlief, wird unangenehme Gefühle hinterlassen. Wenn die Anästhesie nicht mehr wirkt, der Höhepunkt des Enthusiasmus verstrichen ist, steht alles ein bisschen auf wackeligen Beinen. Der neue Konsens ist noch nicht ganz stabil.
Im Übrigen ist es kein neuer Konsens, sondern der alte, ohnehin immer bröckelnde, stetig neu zu erschaffende. Nur dass hinzugefügt wird, dass die Macht so weit gehen kann. Das finden noch nicht alle gut. Sie haben eine andere Meinung. Ein bisschen wird sie zwar unterdrückt, aber ebenso klar ist es, dass die Bereitstellung einer falschen Opposition bereits ganz gut gelungen ist. – Die Revolte kommt woanders her…

IV

Irgendwie kommt es mir vor, als würde ich hier Teils uralte Neuigkeiten auffrischen. Es soll hier dem Leser nicht der Gedanke kommen, als wäre „vor Corona“ irgendwie die staatlich-technologische Gefängnisgesellschaft noch nicht gewesen. Die Neigung ist naheliegend, sich bequem auf so eine falsche Vorstellung zurückzuziehen. Doch es würde zu einem höchst oberflächlichen Denken führen, würden einige Aussagen in diesem Text als Überraschungen und Neuheiten dargestellt werden. Der Schritt des lockdowns ist eigentlich ein logischer Bestandteil des technologischen Prozesses, und kann auch nur als solcher verstanden werden. Viele frühere Analysen (anarchistische, aber auch philosophische wie etwa die von Günther Anders) zeigen: was heute offensichtlich und allzu wortwörtlich geschieht, konnte schon als Beschreibung mindestens der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts angewandt werden. Was hat das zu bedeuten?

Während damals gewisse Thesen als Übertreibung gelten konnten, steht man heute mit einigem Befremden vor der Tatsache, dass das alles tatsächlich jetzt so kommt. Aber eigentlich müsste gesagt werden: es war bereits so, nur hat man zu wenig tief geblickt. Und gerade dieses Abrutschen in die Behauptung der Neuigkeit, der ausschliesslichen Beschreibung des Neuen als Neues statt als Ergebnis der Vergangenheit und Kontinuität lässt Platz für ein oberflächliches Denken und eine falsche Kritik, welche einen das Vorhergegangene zurückwünschen lässt.

Natürlich ist es wahr, dass es „vorher noch nicht so war“. Mindestens ebenso wahr ist es aber, dass es vorher „auch schon so war“.

V

Es fällt schwer, klar zu sehen. Vielleicht noch schwerer, klar sehen zu wollen.

Es ist vielleicht bequem, sich berieseln zu lassen, und irgendeine Nische in dieser Verschärfung der technologischen Realität zu suchen. Und sind wir nicht alle schon darin? Sind wir nicht alle schon beduselt?

Der Prozess der Derealisierung, als welcher das beschrieben werden kann (und welcher ebensogut als die Realisierung der Technologie beschrieben werden könnte), der menschlichen Derealisierung, er geht vor sich und wir befinden uns nicht ausserhalb davon.
Wie auch?

Auch wir leben in der Technologie. Und das nicht mehr oder weniger, je nach dem, wieviele Geräte wir benutzen oder nichtbenutzen. Womit nicht gesagt sei, dass für die Realisierung, die Verwirklichung des eigenen Aufstands nicht eine gewisse Distanz zur Gerätewelt hilfreich sei. Denn das Aufständische, und vor allem die soziale Revolution, welche der Beginn der Verwirklichung menschlicher Beziehungen… wäre, ist letztlich nichts wirklich über Gerätschaften vermittelbares. Übrigens auch nicht über dieses damit bedruckte Papier.

Das Schwierige ist nur: wie lassen sich solche menschlichen Beziehungen innerhalb der Technologie verwirklichen? Und die Antwort wäre: gar nicht.

Vielmehr ist es gerade, allen Gerüchten und falschen Behauptungen zum Trotz, die reale menschliche Präsenz und Diskussion welche jeden Aufstand ausmacht. Und dass der Aufstand heute in der Technologie stattfindet, und zwar dermassen, dass darin die technologische Kommunikation eine Rolle spielt, sollte nicht zum Fehler verleiten, dass die Geräte, die dabei auch benutzt werden, etwa diesen Aufstand ausmachen würden. Vielmehr macht es den Aufstand gerade aus, dass er sich aus der Technologie herausbewegt. Das zwar immer noch innerhalb der Technologie, aber im Widerspruch zur technologischen Realität. Ein Widerspruch, dessen Bewusstwerdung leider oft auf sich warten lässt, weshalb die gegenwärtigen sozialen Aufstände zumeist vor dieser Frage halt machen. Praktisch halt machen. Während die Mächtigen sich der Situation durchaus bewusst sind, wenn man ihr Geschwafel über „kritische Infrastruktur“ betrachtet.

VI

Die Technologie ist allgegenwärtig. Sie verwirklicht mittlerweile fast alle fantastischen Attribute die man früher der Fiktion von Göttern unterschob (allsehend, ins All fliegend, Alles zerstörend, jede Fantasie abbildend, Telepathie, etc.), und es könnte behauptet werden, dass sie die Verwirklichung der Fantasie des allmächtigen und einzigen christlichen Gottes sei. Die Fiktion „die Menschheit“ bedient dabei die Möglichkeit der Menschen, sich mit der Erschaffung der Technologie zu identifizieren. Allerdings ist es nicht so, als wäre sie unser Diener. Ebensowenig ist sie das Produkt „des Menschen“, sondern spezifischer Menschen und spezifischer Verhältnisse unter ihnen.

Es ist natürlich klar, dass es nicht nur Technologie gibt. Aber die Expansion der Technologie, welche – um gewisse Leute zufriedenzustellen – auch als Expansion der Ware beschrieben werden kann, geht potentiell ins Unendliche. Während sie jetzt schon überall ist, durch alle hindurchgeht und hinein, so kann sie das in Zukunft noch mehr tun. Das ist ihre Expansion. Unsere permanente Entmenschlichung.

VII

Gibt es ein Ausweichen vor der Frage der Zerstörung? Natürlich. Aber worin besteht es? In einer gedanklichen Unehrlichkeit und einer gewissen Form von Feigheit.

Ist die bestehende Totalität der Herrschaft schlimmer als vergangene oder gar besser? Die Frage bleibt irrelevant. Sie ist jene, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben. Warum, das weiss jeder, der es bereits tut…

Wenn wir innerhalb einer künstlich erschaffenen Umwelt leben, welche von anderen kontrolliert wird und so gebaut ist, dass sie nur auf diese hierarchische Art und Weise kontrolliert werden kann – was bleibt anderes, als diese zu zerstören? Die Unterwerfung und die Akzeptanz.

Die bestehenden Städte, die Infrastruktur, die „virtuelle Realität“, Konsum und Arbeit, Familie und Wohnung – sie beweisen sich als die Grundlagen der realen Gefängnisgesellschaft. Sie zu zerstören, abzubrennen, zu demolieren und zu verlassen ist der einzige Ausweg der bleibt. Die restlichen Wege sind verschlossen, oder führen nur weiter in die Technologie herein.

VIII

Drei Optionen haben sich während der letzten Zeit immer differenzierter am gesellschaftlichen Horizont gezeigt:

a) totaler Gehorsam, stayathome, etc…
b) Demonstrieren und zurücksehnen der alten Rechtsstaatlichkeit – eine illusionäre und kontrollierbare Form des Protests, uninteressant, domestiziert und langweilig…
c) Krawall, Plündern, individuelle und kollektive Brandstiftung – ein schüchterner Anfang…

Der Rest ist nur das Fass, das kurz vor dem Überlaufen ist.
Wann, wenn nicht jetzt?
Wollt ihr auf ewig zuhause vergammeln?
Wollt ihr euch wie Vieh in den Stall treiben lassen?

 

Superspreader

Fahrzeugbrände in Schwabing und Untergiesing

In der Nacht auf Samstag, den 26. Dezember brannte in der Teutoburger Straße ein Lastwagen vollständig aus. Die Brandursache ist laut Medien unklar, ebenso wem dieser LKW gehörte. Bereits am 16. Dezember brannten in der Giselherstraße in Schwabing ebenfalls zwei PKW jeweils „im vorderen Bereich“ aus. Auch hier verschweigen die Medien, wem die Fahrzeuge gehörten. Spontane Selbstentfachung bei Münchner Fahrzeugen? Oder eher ein Hinweis darauf, dass diese Fahrzeuge die Wut motivierter Menschen traf?

Welche Firmen könnte eine solche Wut im wahrsten Sinne des Wortes entfachen? Tatsächlich wahrscheinlich fast jede, doch gibt es sicherlich einige, die da einen besonderen Stellenwert einnehmen. Logistikunternehmen etwa, die Kriegsgeräte transportieren wie DB Schenker. Das Technische Hilfswerk, das immer zur Stelle ist, um den Cops logistisch zur Seite zu stehen. Oder aber Firmen, die Überwachungstechnik und sonstige Technik zur gezielten Kontrolle und Unterwerfung von Menschen entwickeln und herstellen wie etwa Bosch oder Rohde & Schwarz. Firmen, die am Ausbau des technologischen Panoptikons beteiligt sind wie die Telekom, Vodafone und natürlich an vorderster Front Google, denen übrigens mal ein 15 Meter langer Truck im Juni 2019 in Frankfurt ausbrannte. Firmen, die direkt an der Überwachung und Kontrolle von Menschen arbeiten wie private Sicherheitsfirmen, wo einem*r natürlich sofort Securitas und Ehrl einfallen. Oder wie wäre es mit Firmen, die sich am Knastsystem bereichern, indem sie Gefangene zu Hungerlöhnen Akkordarbeit verrichten lassen wie BMW oder Siemens. Firmen, die Knäste bauen, wie es Züblin und VINCI tun. Oder auch große Immobilienfirmen, die für horrende Mieten und den besonders repressiven Umgang gegenüber Mieter*innen bekannt sind wie zum Beispiel Vonovia.  Wenn man etwas länger darüber nachdenkt und evtl. noch etwas recherchiert, gibt es tausende Firmen, die an der Verfeinerung der Unterwerfung des Menschen ihren Anteil haben. Und wie es der Zufall so will, ist deren Fuhrpark häufig vollkommen schutzlos all jenen ausgeliefert, die den Schutz der Dunkelheit und die dank nächtlicher Ausgangssperre menschenleeren Straßen dafür zu nutzen wissen, ihrer Wut für einen Moment etwas Linderung zu verschaffen. Häufig werden übrigens einfache Grillanzünder aus dem Supermarkt auf die Vorderreifen gelegt, um ein Fahrzeug in Brand zu setzen. Das Gummi eines Reifens brennt nämlich wie Sau! Bei LKWs (auch bei PKWs natürlich) ist es allerdings ratsam, vorher zu überprüfen, ob auch niemand darin schläft.

Update vom 23.01.2021: Bei den beiden Autos in Schwabing handelte es sich um Fahrzeuge der Firmen Dussmann und Vonovia, der brennende LKW in der Teutoburgerstraße gehörte einst zur Firma BauWatch, einem Anbieter für Videoüberwachung auf Baustellen.

„Gutes Fernsehen“: ein Hindernis dafür unregierbar zu werden

Kurze Vorbemerkung des Übersetzers:

Während des Stay-at-Home-Diktats ist es verlockend seine Zeit risikolos mit endlosem Netflix-, Amazon-Prime-, Hulu-, etc. Konsum auf- und auszufüllen. Ein nie enden wollender Stream an Serien ermöglicht es eine:r sich von den Maßnahmen und der eigenen – meist freiwilligen – Unterwerfung abzulenken. Man hockt vereinzelt daheim vor dem Bildschirm, während man innerlich, sozial und emotional verkümmert. Wer dabei immer noch glaubt, dass es ein Zurück zur „alten Normalität“ geben wird, kann nur noch als naiv bezeichnet werden. Eine gesamtgesellschaftliche Umstrukturierung ist im Gange hin zu einem kybernetischen, planetaren Freiluftgefängnis und wer jetzt ausschließlich daheim lungert und sich Serien ballert, stimmt zu. Hier geht es nicht um eine moralische Verurteilung, sondern um ein nüchternes Festhalten von Tatsachen. Und wenn wir nicht nur von Freiheit schwätzen, sondern diese auch erringen wollen, gilt es diese Umstrukturierung zu konfrontieren. Ein erster Schritt für viele könnte ein Bruch mit dem sein, was im nachfolgenden Text als „gutes Fernsehen“ beschrieben wird.


„Unregierbar werden“ [„Become ungovernable“] ist eine Parole, die Anarchist:innen dieser Tage gerne verwenden. Es klingt cool und passt zur anarchistischen Ästhetik von Revolte und spektakulärem Konflikt. Es bedeutet unmittelbar nicht viel, aber das ist ihre Schönheit, denn die Bedeutung verschiebt sich mit jeder Person und den Besonderheiten ihres Lebens. Mit keiner Revolution, stattdessen aber Umweltkatastrophen, Staatsgewalt und Amokläufen am Horizont, liefert die Parole einen Pfad nach vorne anstatt in Anbetracht auf unsere no-future Zukunft zu verzweifeln: sich der Unterwerfung gegenüber dem Gesetz, der Pflicht und der Passivität des alltäglichen Lebens zu verweigern.

Aber, unregierbar „werden“? Wie in „dein eigenes Leben in ein Unregiertes verwandeln“? Das ist es, wo die Dinge schwierig werden. Der Kapitalismus und die Technologie, die durch ihn entwickelt wurde, haben Umstände geschaffen, die die Schaffung langfristiger Lebensgewohnheiten außerhalb von Passivität und Konsumieren nahezu verunmöglichen. Die Spielzeuge der Informationstechnologie sind klein, aber enthalten Terabytes an Ablenkung, immer die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer:innen zu sich hinziehend, wie das massive Gravitationsfeld eines kleinen schwarzen Loches. Selbst die Energieschübe eines spektakulären Moments der Krise, die durch den Kapitalismus hervorgerufen wurde, mag die Leute kurzzeitig von ihrer täglichen Tech-Routine abbringen, für Tage, Wochen oder sogar Monate, aber das System hat Werkzeuge, um die Leute wieder zurückzuziehen. Es gäbe hier eine Menge zu untersuchen, aber dieser Artikel beschäftigt sich nur mit einem Element: „gutem Fernsehen“.

Wir leben in der Ära des „guten Fernsehens“ oder der „goldenen Ära des Fernsehens“, einem relativ neuen Phänomen, wo Fernseh-Serien als intelligent, packend und sogar als künstlerische Arbeiten angepriesen werden. Bis ins letzte Jahrzehnt hatte der „Flimmerkasten“ gewissermaßen einen schlechten Ruf. Während die meisten der Masse von ihm eingesogen wurden, wie sie es heute auch sind, schien es, dass die Leute damals zumindest wussten, dass es eine geistlose Unterhaltung war und verdrehten ihre Augen gegenüber dem eingespielten Lachen im Hintergrund, den Spieleshows und der Gefühlsduselei.

Da das Fernsehen in aller erster Linie ein Vehikel für die Werbung war, wurden die Shows so gestaltet, dass sie dem kleinsten gemeinsamen Nenner entsprachen und deshalb die unkontroverseste und normativste Porträtierung der Charaktere und des Lebens enthielt. Sie zeigten fast ausschließlich attraktive weiße Schauspieler:innen, die statische und eindimensionale Klischeecharaktere spielten. Mit dem „guten Fernsehen“ haben die Shows überzeugende fortlaufende Geschichten, Komödien wurden schärfer und Charaktere haben ein weiteres Spektrum an Emotionen und sind nicht mehr länger nur weiße heterosexuelle Personen. Zusätzlich werden Nischenzuseherschaften mit subkulturellen Anekdoten, politischen Witzen, Ästhetik und Ton geködert, was es den Zuseher:innen ermöglicht, sich leichter mit spezifischen Serien zu identifizieren. In anderen Worten: Das Ansehen des Fernsehens ist in die Höhe gegangen und Fernsehen wird damit nicht mehr als etwas angesehen, das vermieden werden sollte.

Die „gute“ Qualität der Programme ging in die Höhe mit dem Erfolg von HBOs „The Sopranos“ und „The Wire“ in den frühen 2000ern. Die düsteren und stimmungsvollen Sopranos nutzten subtile literarische Techniken und komplexen Symbolismus, während sie Geschichten über das organisierte Verbrechen erzählten, als Metaphern und Kritiken des gegenwärtigen amerikanischen Lebens. The Wire, ähnlich pessimistisch, beschrieb detailliert die Lügen und Widersprüche rund um den Drogenkrieg im urbanen Amerika, um aufzuzeigen, wie schwierig und naiv Reformversuche sein können. Die Sopranos waren ein kommerzieller Erfolg, The Wire zwar nicht so sehr außerhalb liberaler und akademischer Kreise, jedoch demonstrierten diese beiden Serien der Fernsehindustrie, dass Zuseher:innen an Serien interessiert waren, die einen Aufwand beinhalteten und eine Sorgfalt, die in sie gesteckt wurde und damit mehr als nur geistlose Unterhaltung. Folglich wurden Serien wie True Detektive produziert, die unzählige literarische und philosophische Quellen und Referenzen aufweisen.

Auch wenn sie nicht immer so tiefgründig sind wie The Sopranos oder The Wire, hat es seither eine Verbreitung von Serien gegeben, welche fortlaufende Geschichten erzählen, wie die Soap-Opern der Vergangenheit, nur mit viel mehr Sorgfalt, die in die Ausarbeitung der Charaktere und den Plot gesteckt wird, genauso wie ein höheres Budget für das Gestalten der Kulisse und das Anstellen der Schauspieler:innen. Im Gegensatz zu episodischen Serien, wo alles mehr oder weniger am Ende der Folge zum Normalzustand zurückkehrt, sind diese Serien ähnlich einem Buch, wo jede Folge ein Kapitel darstellt. Episoden hören oft mit einem Cliffhanger auf oder mit einem dramatischen Moment, der eine große Aufregung kreiert und damit Vorfreude auf die nächste Folge schafft. Oder sie werden auf einen Schlag als Staffel veröffentlicht, damit man sie „binge-watchen“ kann. Verglichen mit deinem banalen jedoch sorgenvollen Leben unter dem techno-industriellen Kapitalismus geben diese Serien mit ihren fortlaufenden Geschichten der Zuseher:in eine eskapistische Fantasie eines Lebens als Abenteuer, jedoch von der Sicherheit des Schlafzimmers oder der Couch.

Wahrscheinlich resultierend vom unmittelbaren Feedback der Zuseher:innen in Internetforen und in den sozialen Medien haben Marktforscher:innen die Inhalte für die Medienunternehmen verfeinert, sowohl, was sie in der Vergangenheit schlecht gemacht haben, als auch, wie sie Serien für spezifische Demographien stricken müssen. Zusätzlich wurden Kulturkritiken integriert, die von Akademiker:innen in den 90ern verfasst wurden und die ausführlich beschrieben, dass Serien und Filme rassistisch, homophob und sexistisch waren. Dieses Material, einschließlich der tumblr-Sphäre, in der Serien, anhand dieser Kriterien, praktisch in Echtzeit kritisiert werden, ist alles zugänglich für Marktforscher:innen, um es zu untersuchen und um so ihre Produkte der Generation der Millenials zu vermarkten, die sich für soziale Gerechtigkeit zu interessieren scheint. Das hat mittlerweile zu bestimmten Serien geführt, die jetzt einen höheren Prozentsatz an Schauspieler:innen of Color und queeren Charakteren haben, was ihre Anziehungskraft erweitern kann, besonders wenn eine jüngere Zuseherschaft geködert werden soll.

Für jene, die an der Befreiung von Unterdrückung, Ausbeutung und anderen Systemen der Kontrolle interessiert sind, ist gutes Fernsehen eine schlechte Nachricht. Das Fernsehen ist eine Technologie der sozialen Kontrolle und die Welt wäre ein besserer Ort, wenn sie zerstört wäre. Jedoch scheint es, als wie wenn das Gegenteil geschehen würde, und Leute zunehmend dahin gesogen werden einen signifikanten Teil ihrer Zeit damit zu verbringen, diese Serien zu schauen. Sei es gutes Fernsehen oder 90er Sitcoms, diese Technologie isoliert die Leute voneinander und folglich fördert sie die Einsamkeit und Angst im Kapitalismus. Serien rahmen [frame] diese Gesellschaft und all ihre ekelhaften Mechanismen und sozialen Beziehungen als natürlich. Und sie töten die Vorstellungskraft, indem sie uns in eine Position der Passivität zwingen, wo wir in einen Empfängermodus versetzt werden, während wir mit Bildern, Archetypen und Geschichten überflutet werden. Fernsehen ist schlecht als solches, und im besonderen, weil es Revolte verhindert und Leute davon abhält, tätig zu werden gegen die albtraumhafte Welt um sie herum.

Isolation und die Ideologie, die der Technologie inhärent ist.

Der Kapitalismus erzeugt Isolation. In keiner anderen Gesellschaft in der Geschichte haben die Menschen eine solche Trennung zwischen sich selbst und den anderen erfahren. Das liegt daran, dass getrennte Leute leichter zu kontrollieren sind. Wo Leute einander regelmäßig begegnen, existiert das Potential für eine Vielzahl an Interaktionen, Verhaltensweisen und Beziehungen, die sich über die Zeit entwickeln können. In diesen Räumen wird es möglich für Leute Vertrauen aufzubauen, sich über Frustrationen auszutauschen und vielleicht rebellische Akte gemeinsam durchzuführen. Streiks, Krawalle und das Aufbauen subversiver Bande braucht Räume, um sich zu entfalten. Es gibt einen Grund, wieso totalitäre Gesellschaften Gesetze einführen, die verbieten, dass sich mehr als eine gewisse Anzahl von Leuten in der Öffentlichkeit versammeln. Das Fernsehen ist das liberale demokratische Mittel für dieses Problem, in dem es Leute zu freiwilliger Isolation antreibt.

Das Kapital, das grob und vereinfacht definiert werden kann als „Geld, das in etwas investiert wird, um mehr Geld zu machen“, kolonisiert über die Zeit hinweg zunehmend die Welt und transformiert sie, damit die Investitionen profitabel sein können. Dieser Prozess involviert die Evolution der Technologien in eine Richtung, die den Status Quo unterstützt und die Gewohnheiten und kulturellen Normen zementiert, die von diesem Status profitieren. Wir kommen nach dem Arbeiten erschöpft nach Hause und die attraktivste Option ist es, auf der Couch zu kollabieren, vielleicht eine Beziehungsperson neben uns, während amüsierende Spektakel auf dem Bildschirm vorbeiziehen, bis wir schlafen gehen und unsere Körper wieder genug aufladen, um uns wieder in die Arbeit zu schleppen. Das ist nicht natürlich. Das ist die Umwelt, die über die Zeit dominant geworden ist, da sie für das Kapital nützlich ist – das ist der Kapitalismus.

Sich hinzusetzen und eine Serie zu schauen ist besonders verführerisch, da es tatsächlich keinerlei Aufwand erfordert. Es ist die einfachste Option Langeweile zu vertreiben und sich von Sorgen abzulenken. Im Gegensatz dazu erfordert das Sozialisieren mit anderen aktives Zuhören und emotionale Energie. Die Möglichkeit das Falsche zu sagen, sich zu blamieren oder verletzt und unglücklich zu werden durch etwas, das jemand sagt, besteht immer. Deshalb zieht uns das Fernsehen, das viel leichter zu handhaben ist, weg von den sozialen hin zu den getrennten privaten Welten.

Gutes Fernsehen tötet dabei die Kreativität, da es keinen Grund zu denken oder damit zu ringen gibt, was man mit seiner Zeit anstellen soll, wenn dich der Bildschirm immer mit unmittelbarer Unterhaltung verbinden kann. Das Fernsehen füllt die leeren Stellen in deiner täglichen Routine. Es gibt keine Dringlichkeit sich mit einer Gesellschaft zu konfrontieren, die alles zerstört durch Umweltkatastrophen, Krieg und Unterdrückung, da die Möglichkeit sich abzulenken oder uns leicht zu unterhalten immer besteht.

Die Leute verlieren rasant das Talent miteinander von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Diese Tendenz, die Jahrhunderte alt ist, wird schlimmer mit jeder Generation, mit der Zunahme der Vermittlung durch die Informationstechnologien. Es ist ein allgemeines kulturelles Trope zu bemerken, dass die Leute kaum wirklich miteinander kommunizieren. In unserer Zeit ist die Verlockung der vermittelnden Technologie oder der freiwilligen Isolation durch das Zuhausebleiben und Serienschauen ein Resultat und ein weiterer Grund für dieses Phänomen. Je unsicherer wir sind, desto mehr bleiben wir drinnen, je mehr wir drinnen bleiben, desto unsicherer werden wir.

Zusätzlich dazu, dass Leute in die Isolation gezogen werden, präsentieren das Fernsehen und ähnliche Medienformate, wie Filme, die Welt unhinterfragt, wie sie ist. Die Porträts des Lebens kopieren die Struktur unserer Leben, die wir jetzt leben und verstärken deshalb die Hegemonie dieser Lebensformen in unseren Köpfen. Das ist keine intentionale Strategie der Eliten, die sich das in einem verrauchten Hinterzimmer ausgemacht haben, sondern in die Technologie selbst eingeschrieben.

Das alltägliche Leben, soziale Beziehungen, Wertesysteme, Technologie und sogar die Geographie der Infrastruktur sind dem Kapitalismus spezifisch, zu dieser Stufe seiner Entwicklung. Die tagtägliche Erfahrung aufzuwachen, in die Arbeit zu fahren, zu arbeiten, nach Hause zu fahren, Netflix zu schauen und schlafen zu gehen, ist eine von Millionen möglichen Lebensformen, die existieren können. Der Kapitalismus hat die Welt kolonisiert und hält uns damit davon ab, fast jede andere mögliche Lebensform zu entdecken und/oder zu erschaffen. Jedoch haben die Charaktere in den Serien und Filmen ein in etwa ähnliches Alltagsleben wie wir. (Wenn die Dinge abweichen, dann in spezifischen Genres, wie Fantasy oder Science Fiction, wo diese Abweichung Teil des Reizes ist.) Wenn wir diese Spektakel auf fortlaufender Basis konsumieren, werden die Rhythmen und Formen des Alltagsleben unter dem Kapitalismus in unseren Köpfen zementiert, so dass es scheint, dass kein anderes Leben möglich sein könnte.

Um klar zu sein, das Fernsehen „verteidigt“ diese Konzeptualisierung des Lebens nicht. Stattdessen präsentiert es Karikaturen unseres tagtäglichen Lebens, unserer Beziehungen und der Art und Weise, was wir alles als Normalität hinnehmen müssen. Wie jede Ideologie verschleiert sie sich dabei als natürlich. Jedwede gutartigen Intentionen subversiven Inhalt für das Fernsehen zu produzieren und Visionen, wie das Fernsehen in einer post-kapitalistischen Welt aussehen könnte, würden genau dieselben Umstände schaffen für Isolation und Ideologie.

Abschließend

Ich will das Fernsehen und die Welt, die es spiegelt, bis zu den Grundfesten zerstören. Die Welt, von der ich träume, kennt natürlich Geschichten, Rollenspiele und andere ähnliche Formen des Spiels, jedoch nicht so eine geistbetäubende und passive wie das Fernsehen.

Ich weiß nicht, was sich Leser:innen von diesem Artikel mitnehmen sollen. Ich kenne nur mein eigens Leben und ich habe kein Interesse daran, Leuten zu erzählen, was sie in ihrem alltäglichen Leben tun sollen. Jedoch weiß ich, dass diese Gesellschaft mystifiziert, was sie den Leuten antut und ich habe Interesse daran, diese Dinge aufzuzeigen, wenn ich sie sehe. Dass das Fernsehen durchschnittlich grob fünf Stunden täglich die Leute in den USA aussaugt [1], scheint mir wichtig zu bemerken und darüber nachzudenken, was das für uns heißt. Besonders für jene von uns, die eine Revolte und ein Leben kreieren wollen, basierend auf den eigenen subversiven Begierden.

Frei übersetzt aus dem Englischen. Originaltitel: „Good TV as a Roadblock to Becoming Ungovernable, or Anything Else Really“; Original veröffentlicht in Plain Words #4, Winter 2017/2018, Bloomingto, Indiana. Oder: https://plainwordsbloomington.noblogs.org/post/2017/09/16/good-tv-as-a-roadblock-to-becoming-ungovernable-or-anything-else-really/#more-430

Anmerkungen

[1] https://www.nytimes.com/2016/07/01/business/media/nielsen-survey-media-viewing.html

Grüne und Rote Farbkugeln für Living Isar

Das Großbauprojekt Living Isar in der Nähe des Candidplatzes in Untergiesing hat in der Nacht auf Freitag, den 04. Dezember 2020 Besuch bekommen. Über einen geöffneten Bauzaun gelangten unbekannte Angreifer*innen auf das Baustellengelände und bewarfen dort die Fassade eines noch nicht fertiggestellten Gebäudes mit Farbkugeln, die mit roter und grüner Farbe gefüllt waren. Das Gebäude wurde dabei auf einer Länge von rund 30 Metern beschädigt, der Schaden liegt laut Bullen bei mehreren Tausend Euro.

Das Bauprojekt Living Isar, das auf dem ehemaligen Osram-Gelände entsteht und rund 423 neue Wohnungen zu horrenden Preisen schafft, ist vielen Anwohner*innen ein Dorn im Auge. Nicht nur, dass mit den dort entstehenden Luxuswohnungen garantiert die*der eine oder andere unsympathische Bonze ins Viertel gelockt wird, Großprojekte wie dieses tragen auch maßgeblich zur Aufwertung eines Viertels bei und ziehen damit Spekulant*innen und andere Akteur*innen der Verdrängung an. Die Folge sind drastisch steigende Mieten im ganzen Viertel und somit die Verdrängung all derer, die sich das Wohnen dort dann nicht mehr leisten können.

Im August 2019 brannte auf dem Gelände von Living Isar ein Baucontainer, der wohl ebenfalls von Feind*innen des Bauvorhabens in Brand gesteckt wurde, im November 2019 klirrten mehrere Scheiben auf der selben Baustelle.

Über Tyrannenmorde und Briefbomben

Ein Nachtrag

Ich scheine mich in dem Artikel Corona und der Totalitarismus des Technologischen (Zündlumpen #078) missverständlich ausgedrückt zu haben, zumindest scheint mir eine Auslegung meiner Worte zu kursieren, die ich so jedenfalls nicht gemeint habe. Vielleicht sind es auch die sarkastisch gemeinten – an sich unnötigen, aber aus einer Gemütslage der Belustigung ergänzten – Post-Scriptum-Notizen, die schließlich die Entstellung des Gesagten vollenden. Wie auch immer. Als ich am Ende des Artikels folgendes schrieb, wollte ich damit nicht ausdrücken, dass ich per se für ein Wiederaufleben der Waffe der Briefbombe sei und schon gar nicht, dass ich es für eine per se kluge Idee halte, eine*n x-beliebigen Briefträger*in mit einer hochexplosiven, tödlichen Sendung auf den Weg zu schicken:

In einer Welt, in der man letztlich höchstens als Postbot*in ins Freie zu treten vermag, mag sich der*die eine oder andere vielleicht auch unwillkürlich des eingangs erwähnten Beispiels von der Briefbombe für den Autoren von Mirror Worlds erinnern. Was wäre auch naheliegender, wo doch auch sonst alles in Paketen seinen Bestimmungsort erreicht? Und wenn es auch nicht die Freiheit sein mag, die da im Inneren eines Päckchens zwischen den täglichen Amazon-Bestellungen vor sich hin schlummert, so wäre es doch vielleicht ein Schritt in ihre Richtung.

Aber besser noch, als sich nur der Tyrannen der Spiegelwelten zu entledigen, wäre doch, wir würden nicht zögern, auch den Spiegel ein für alle Mal zu zertrümmern, der hier freilich statt aus Glas aus Glasfasern und Funkwellen besteht.

Vielleicht ist die Briefbombe eine verunglückte Metaphorik gewesen. Warum sollte man, wenn man als „Postbot*in ins Freie [tritt]“ und an der Türe irgendeines Herrschenden klingelt nicht auch gleich einen Revolver benutzen? Sei’s drum. Die Briefbombe erschien mir wegen des eingangs erwähnten Beispiels vom Angriff des Freedom Clubs auf David Gelernter, dessen Spiegelwelten-Metapher mein Text aufgreift und dem Querverweis auf die Amazon-Päckchen passender. Aber vielleicht hätte der scheinbar rein positiven Bezugnahme auf den Freedom Club auch zumindest ein Verweis auf meine eigene Kritik an einigen dessen Grundannahmen vorangehen können … Vielleicht lohnt sich das ja auch einmal in einem zukünftigen Artikel, denn zumindest angesichts der jüngsten Episode der Technologisierung könnte es sich auch lohnen, einige Passagen aus Industrial Society and its Future erneut zu lesen.

Aber hier will ich mich nun auf einige Nachträge beschränken, die das Mittel der Briefbombe betreffen. Vielleicht ist das eigentlich auch langweilig, weil mein Vorschlag ohnehin auf die „Zertrümmerung des Spiegels“ abzielte, also die Zerstörung der Infrastruktur, die dieses technologische Delirium, in dem wir uns wiederfinden, ermöglicht. Vielleicht ist es müßig in jedem Detail nachzuzeichnen, was mich veranlasste, auch Überlegungen zum Tyrannenmord anzustellen, aber bedeutend scheint mir in diesem Kontext einerseits zu sein, dass derzeit durchaus Kritiken kursieren, die sich mit der spezifischen Rolle der (neuen?) Tyrannen des globalen Lockdowns beschäftigen und denen ich zumindest insofern etwas abgewinnen kann, dass ich durchaus sehe, dass es spezifische Akteur*innen gibt, die diese Entwicklung entscheidend vorantreiben, um ihre Profite aus ihr zu ziehen, andererseits, was vielleicht aus ersterem resultiert, dass wo eine vormals demokratische Herrschaft sich de facto wieder zu einer „archaischeren“ Form, einer Herrschaft im Ausnahmezustand, einer Herrschaft eines oder weniger Tyrannen zu entwickeln scheint, vielleicht auch das in der Demokratie – wegen des scheinbar endlosen Nachschubs an Tyrannen? – an Bedeutung eingebüßt habende Mittel des Tyrannenmordes wieder an Bedeutung gewinnen könnte. Ich habe dazu keine abschließende Meinung. Gerade in Zeiten jedoch, in denen die scheinbare Allmacht einer einzelnen Person oder einer kleinen Gruppe von Personen so sehr in den Vordergrund tritt, dass sie jeglichen Widerstand dadurch zu lähmen droht, da entfesselte die Ermordung eines oder mehrerer dieser Tyrannen, seien es nun Zaren, König*innen, Diktator*innen, Polizeipräsident*innen, Richter*innen oder Industriebosse gewesen, diesen Widerstand manchmal. Und dabei ist es egal, ob es eine Granatenexplosion, Ein Schuss aus einem Revolver, ein Stich mit einer Feile oder eben eine Zeit-/Briefbombe ist, die zum Abtreten des Tyrannen führt. Oder nicht? Es macht sicher einen gewaltigen Unterschied, warum ein bestimmtes Mittel gewählt wird und natürlich auch, ob es seinem Zweck schließlich gerecht wird. Als Georg Elser damit scheiterte, Hitler durch eine zeitgezündete Bombe bei einer Rede vor einigen seiner fanatischsten Anhänger*innen zu töten, musste er wie viele vor und nach ihm die bittere Erfahrung machen, dass gerade dann, wenn man sich technologischer/technischer Mittel zur Begehung einer Tat bedient, die die Auslösung in die Zukunft verschieben, einem auch zunehmend mehr die Kontrolle über deren Verlauf entgleitet. Um 13 Minuten verfehlte Elser sein Ziel, stattdessen starben acht Personen und 63 weitere wurden verletzt. Bis auf die Angestellten der Brauerei (zumindest diejenigen, die nicht ebenfalls Nazis waren) in der die Explosion stattfand, allesamt Nazi-Funktionäre oder solche, die zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen hatten. Alternativ auch nicht schlecht, aber das Beispiel gehört wohl zu den wenigeren Fällen von Bombenattentaten, die auch unbeabsichtigte, aber in Kauf genommene Opfer forderten, von denen sich schwerlich sagen lässt, dass ihr Tod oder ihre Verletzungen auch nicht schlecht im Hinblick auf das verfolgte Ziel der*des Attentäter*in waren. Bevor eine zweite Granate im März 1981 endlich den Zar Alexander II tötete, tötete die erste, die seine Kutsche beschädigte und den Zaren zum Aussteigen zwang, beispielsweise auch einen Passanten und verletzte mehrere andere. Nur ein*e Feind*in des Individuums könnte das als „Kollateralschäden“ abtun, auch wenn es ebenso unnötig ist, die Attentäter*innen deshalb moralisch zu maßregeln.

Moralische Maßregelung ist ohnehin niemals das Niveau, auf das eine Debatte über unsere Mittel hinauslaufen sollte, wohl aber sollten wir einander kritisieren, wenn das eine oder andere gewählte Mittel in einem bestimmten Kontext sich als nicht mit antiautoritären Zielen vereinbar entpuppt. Und so verhält es sich eben auch mit Briefbomben. Auch wenn dies nicht wirklich mein Vorschlag war (zumindest meinte ich durchaus, dass man selbst die*der Postbot*in wäre), so kann ich gut nachvollziehen, dass eine Briefbombe, mit der man statt sich selbst, die*den Postbot*in, die*der sie ausliefert, in Gefahr bringt, nicht gerade das Musterbild antiautoritären Handelns ist. Es mag zwar bequem sein, die Logistik des Systems zur Übermittlung des eigenen Widerstands an seinen Bestimmungsort zu gebrauchen, aber wo wir uns auf diese hierarschische und unterdrückerische Institution verlassen, können wir nicht von uns behaupten, dass unser Gebrauch von ihr antiautoritär wäre, nur weil es unser Ziel ist, eine der Autoritäten des Systems anzugreifen. Und auch wenn dies nun nicht im Entferntesten etwas mit meinem Vorschlag zu tun hat, aber manchmal vielleicht ebenfalls mit Briefbomben in Verbindung gebracht wird, so bleibt mir der antiautoritäre Gehalt einer Briefbombe schleierhaft, die – sei es aus Bequemlichkeit oder aus anderen Gründen (z.B.: öffentliche Aufmerksamkeit) – an das Büro einer Institution geschickt wird, wohlwissend, dass sie dort nicht von den Verantwortlichen entpackt werden wird, sondern von irgendwelchen niederen Angestellten. Aber selbst wenn ich eine Briefbombe an eine*n der Herrschenden persönlich adressiere, aber weiß oder zumindest annehmen muss, dass dessen*deren Post nicht von ihr*ihm selbst bearbeitet, sondern von einem Büro, einer*m Sekretär*in geöffnet wird, so erscheint mir dieser Akt mehr als nur zynisch zu sein, ein Akt, der das die Briefbombe entpackende Individuum verachtet, es als Opfer für eine zweifelhafte Drohgebärde (denn warum sollte sich der Tyrann bedroht fühlen, wenn er doch weiß, dass all seine Post von solchen Sklav*innen entpackt wird und man sie*ihn auf diesem Wege auch in Zukunft nicht treffen wird) in Kauf nimmt, weil ich entweder zu faul oder zu feige war, einen besseren Weg zu ersinnen. Es scheint mir etwas anderes zu sein, im Versuch sie*ihn zu töten auch die Leibgarde einer*s Tyrann*in zu töten, weil diese zwischen ihr*ihm und mir steht und es mir willentlich verunmöglicht, an sie*ihn heranzukommen. Aber ein Mitglied der „Leibgarde“ (in Anführungszeichen, weil das Briefe-entpacken vermutlich in der Regel aus administrativen Gründen, nicht zum Schutze der*des Tyrann*in durch Angestellte erfolgen dürfte) zu töten, weil ich dem*der Tyrann*in Angst machen will und vielleicht noch den unwahrscheinlichen Wunsch hege, dass die*der Tyrann*in zufällig in der Nähe ist, wenn eine Briefbombe explodiert, das ist kein Angriff in diesem Sinne, sondern ein politisch-symbolischer Akt auf Kosten eben dieser Person.

Diesen Gedanken will ich verstanden wissen, bevor ich überhaupt über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, den Sinn und Unsinn eines modernen Tyrannenmordes in der techno-industriellen Zivilisation nachdenken will und mir leuchtet ein, dass ich das in meinem vorherigen Artikel nicht genügend klar gemacht habe, als ich dies alles mehr in einer Nebenbemerkung abspeiste, als sorgfältiger auszuführen, was ich damit meine. Ich denke ich will mich auch in diesem Nachtrag nicht viel ausführlicher mit diesem Thema beschäftigen, als ich es nun schon getan habe, einerseits weil ich meine Gedanken dazu noch nicht hinreichend sortiert habe, andererseits, weil ich die bei weitem interessantere Perspektive darin sehe, die technologische Infrastruktur zu sabotieren und zu zerstören, ohne die die modernen Tyrannen ihre neue Herrschaft vielleicht gar nicht erst voll entfalten können und die alten, potenziell im Aussterben begriffenen Tyrannen ebenfalls Schwierigkeiten haben werden, ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten. Jedenfalls scheinen mir Angriffe dieser Art ein Durchbrechen dessen, was ich zuvor Spiegelwelt genannt habe, einen Ausbruch aus dem technologischen Delirium des Internets und seiner virtualisierten Erfahrung der Welt also, zu ermöglichen. Und dies erscheint mir eine der Grundbedingung dafür zu sein, dass der der Technologisierung zugrunde liegende soziale Konflikt ausgetragen, der soziale Krieg gegen die techno-industrielle Zivilisation seinen Lauf nehmen kann.

Industrielle Domestizierung

Industrie als Ursprung moderner Herrschaft

Wenn sich das Kapital der Wissenschaft bemächtigt, dann wird die Fügsamkeit des widerspenstigen Arbeiters gesichert sein.

– Andrew Ure, Philosophy of Manufactures, 1835

Wenn in der Vergangenheit irgendjemand einen Handwerker einen Arbeiter nannte, riskierte er eine Schlägerei. Heute, wo ihnen gesagt wird, dass die Arbeiter dem Staate die liebsten seien, bestehen sie alle darauf, Arbeiter zu sein.

M. May, 1848

Der Begriff Industrielle Revolution, der allgemein gebraucht wird, um die Periode zwischen 1750 und 1850 zu bezeichnen, ist eine blanke bourgeouise Lüge, parallel zu der Lüge über die politische Revolution. Sie beinhaltet nicht das Negative und rührt von einer Vorstellung der Geschichte als nur die Geschichte des technologischen Fortschritts her. Hier landet der Feind einen doppelten Treffer, indem er die Existenz der Manager und Hierarchien als unvermeidbare technische Notwendigkeit legitimiert und eine maschinelle Vorstellung des Fortschritts einführt, die fortan für ein positives und sozial neutrales Gesetz gehalten wird. So eine Lüge war offensichtlich für die Armen bestimmt, bei denen sie bleibende Schäden hinterließ. Um sie zu widerlegen genügt es, sich an die Fakten zu halten.

Die meisten technologischen Innovationen, die das Entstehen von Fabriken erlaubten, waren bereits früher entdeckt worden, aber ungenutzt geblieben. Ihre weitverbreitete Anwendung war keine mechanische Konsequenz, sondern resultierte aus einer historisch datierbaren Entscheidung der herrschenden Klassen. Und diese Entscheidung war weniger eine Reaktion auf eine Frage bloßer technischer Effizienz (die oft zweifelhaft war), sondern vielmehr eine Strategie sozialer Domestizierung. Die pseudo-industrielle Revolution kann daher auf ein Projekt sozialer Konterrevolution reduziert werden. Es gibt nur einen einzigen Fortschritt: den Fortschritt der Entfremdung.

Unter dem vorher existierenden System genossen die Armen immerhin eine beachtliche Menge an Unabhängigkeit in der Arbeit, die sie gezwungen wurden zu verrichten. Ihre dominante Form war die heimische Werkstatt: Kapitalist*innen verliehen Werkzeuge an die Arbeiter*innen, versorgten sie mit Rohmaterial und kauften dann das fertige Produkt spottbillig. Für die Arbeiter*innen bestand die Ausbeutung lediglich in einem Moment des Geschäfts, über den sie keine direkte Kontrolle hatten.

Die Armen konnten ihre Arbeit noch immer als „Kunst“ begreifen, über die sie eine beachtliche Breite an Entscheidungsmacht ausübten. Aber vor allem blieben sie die Herren ihrer eigenen Zeit: Sie arbeiteten zu Hause und konnten aufhören, wann immer es ihnen beliebte; ihre Arbeitszeit entzog sich jeglicher Berechnung. Und Abwechslung sowie Unregelmäßigkeit charakterisierten ihre Arbeit, da die heimische Werkstatt in den meisten Fällen nur eine Ergänzung zu den landwirtschaftlichen Tätigkeiten war.

Die daraus folgenden Schwankungen der industriellen Aktivität waren unvereinbar mit der harmonischen Ausweitung des Handels. Daher besaßen die Armen immer noch ein beachtliches Druckmittel, von dem sie beständig Gebrauch machten. Das Unterschlagen von Rohmaterial war eine übliche Praxis und speiste einen ausgedehnten parallelen Markt. Aber vor allem konnten diejenigen, die zu Hause arbeiteten, Druck auf ihre Arbeitgeber ausüben: Die häufige Zerstörung von Webstühlen war ein Mittel der „kollektiven Verhandlung durch Aufruhr“ (Hobsbawm). Rück die Kohle raus oder wir zerstören alles.

Fabriken entworfen nach dem Vorbild von Gefängnissen

Um die bedrohliche Unabhängigkeit der Armen zu unterdrücken, sah sich die Bourgeousie gezwungen, die Gefilde der Produktion direkt zu kontrollieren. Das war der Grund, der für die Verbreitung von Fabriken sorgte. „Es sind weniger diejenigen, die absolut nicht arbeiten, die der Öffentlichkeit Leid zufügen, sondern diejenigen, die nur die Hälfte ihrer Zeit arbeiten“, schrieb Ashton bereits 1725. Die militärischen Fertigkeiten wurden auf die Industrie angewandt und Fabriken wurden buchstäblich nach dem Vorbild von Gefängnissen entworfen, die übrigens zur selben Zeit auftauchten.

Eine riesige Ummauerung trennte den Arbeiter von allem, das betriebsfremd war und Wärter wurden angestellt, um die Menschen zurückzuhalten, die es anfangs selbstverständlich fanden, ihre weniger glücklichen Freunde zu besuchen. Im Inneren hatten drakonische Bestimmungen das primäre Ziel, die Sklav*innen zu zivilisieren. Im Jahr 1770 hatte ein Schriftsteller eine Vision eines neuen Plans, um die Armen produktiv zu machen: Das Haus des Terrors, in dem die Insass*innen 14 Stunden am Tag zum Arbeiten gezwungen werden und durch eine Hungerkur unter Kontrolle gehalten würden. Er war seiner Zeit nicht weit voraus; eine Generation später wurde das Haus des Terrors schlicht Fabrik genannt.

In England verbreiteten sich Fabriken als Erstes. Hier hatten die herrschenden Klassen ihre internen Konflikte längst überwunden und konnten sich daher ohne Hemmungen der Leidenschaft des Kommerzes widmen. Die Repression, die auf die millenaristischen [1] Angriffe der Armen gefolgt war, hatte außerdem den Weg für die industrielle Gegenoffensive geebnet.

Es war das traurige Schicksal der Armen in England, die ersten zu sein, die der absoluten Brutalität dieses sich entwickelnden sozialen Mechanismus unterworfen wurden. Selbstverständlich betrachteten sie dieses Schicksal als totale Erniedrigung und diejenigen, die es akzeptierten, wurden von ihren Kollegen verachtet. Zur Zeit der Levellers [Egalitaristen, Anm. d. Übs.] [2] war es bereits die allgemeine Meinung, dass diejenigen, die ihre Arbeit für ein Gehalt verkauften, all ihre Rechte als „frei geborene“ Engländer aufgegeben hatten. Schon bevor die Produktion überhaupt begann, hatten die ersten Fabrikbesitzer Schwierigkeiten, Arbeiter*innen anzuwerben und mussten oft weit reisen, um sie zu finden.

Als nächstes war es notwendig, die Armen dazu zu zwingen, ihre neuen Jobs zu behalten, von denen sie massenhaft dessertierten. Deshalb kamen die Fabrikbesitzer für die Behausungen ihrer Sklav*innen auf, die als Vorkammern der Fabrik dienten. Die Bildung dieser riesigen industriellen Reservearmee brachte die Militarisierung der Gesamtheit des sozialen Lebens mit sich.

Der Luddismus war die Antwort der Armen auf die Einführung dieser neuen Ordnung. Während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in einem Klima aufständischer Wut eine Bewegung, die sich der Zerstörung der Maschinen widmete. Es war nicht nur eine Frage der Nostalgie nach dem Goldenen Zeitalter des Handwerks. Sicherlich war auch das Aufkommen der Herrschaft des Quantitativen, der massenproduzierten, schäbigen Waren eine Hauptquelle der Wut. Fortan wurde die Zeit, die man brauchte, um eine Aufgabe zu erledigen, wichtiger als die Qualität des Resultats, und diese Entwertung des Inhalts jeder einzelnen Arbeit brachte die Armen dazu, die Arbeit als solche anzugreifen, die dadurch ihre Essenz enthüllt hatte. Aber der Luddismus war vor allem ein antikapitalistischer Unabhängigkeitskrieg, ein „Versuch die neue Gesellschaft zu zerstören“ (Mathias). „Alle Adligen und Tyrannen müssen niedergestreckt werden“, heißt es in einem seiner Flugblätter.

Der Luddismus war das Erbe der millenaristischen Bewegung der vorangegangenen Jahrhunderte und auch wenn er sich nicht länger als universelle und vereinheitlichte Theorie ausdrückte, blieb er allen politischen Perspektiven gegenüber radikal fremd, ebenso wie gegenüber jedem ökonomischen Pseudorationalismus. Die Aufstände der Seidenarbeiter zur gleichen Zeit in Frankreich, die sich ebenfalls gegen den Prozess der industriellen Domestizierung richteten, waren dagegen bereits von der politischen Lüge kontaminiert.

„So verdunkelte ihr politischer Verstand ihnen die Wurzel der geselligen Not, so verfälschte er ihre Einsicht in ihren wirklichen Zweck“, schrieb Marx 1844. Ihr Slogan war „arbeitend leben oder kämpfend sterben.“

Die Auferlegung der Industriellen Logik

Während die aufkommende Gewerkschaftsbewegung in England kaum unterdrückt und sogar geduldet wurde, wurde das Zerstören von Maschinen mit dem Tode bestraft. Die unerschütterliche Negativität der Ludditen machte sie sozial untolerierbar. Der Staat antwortete auf diese Bedrohung auf zwei Wegen: Er bildete eine moderne professionelle Polizei und erkannte Gewerkschaften offiziell an. Der Luddismus wurde zuerst durch brutale Repression besiegt und verblasste dann, als die Gewerkschaften Erfolg damit hatten, die industrielle Logik durchzusetzen. 1920 bemerkte ein englischer Beobachter mit Erleichterung, dass „die Verhandlungen über die Bedingungen des Wandels über die bloße Verneinung des Wandels selbst gesiegt hatten.“ Ein schöner Fortschritt!

Von all den Verleumdungen, mit denen die Ludditen überhäuft wurden, kamen die schlimmsten von den Apologet*innen der Arbeiterbewegung, die sie für blind und infantil hielten. Daraus resultiert auch die folgende Passage von Karl Marxs Kapital, die beispielhaft für eine fundamentale Missinterpretation dieser Ära steht: „Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform übertragen lernt.“

Diese materialistische Vorstellung der Neutralität von Maschinen reicht aus, um die Organisation der Arbeit, die eiserne Disziplin (in dieser Hinsicht war Lenin ein konsequenter Marxist) und letztlich den ganzen Rest zu legitimieren. In ihrer angeblichen Rückschrittlichkeit begriffen die Ludditen doch, dass die „materiellen Produktionsmittel“ vor allem anderen Instrumente der Domestizierung waren, deren Form nicht neutral ist, weil sie Hierarchien und Abhängigkeiten garantiert.

Der Widerstand der ersten Fabrikarbeiter*innen äußerte sich vor allem in Bezug auf eines der wenigen Dinge, die sie besaßen und dessen sie beraubt werden sollten: ihrer Zeit. Es war ein alter religiöser Brauch weder an Sonn-, noch an Montagen zu arbeiten, was „Blauer Montag“ genannt wurde. Da Dienstage der Erholung von zwei Tagen Trinkgelage gewidmet war, begann die Arbeit vernünftigerweise nicht vor Mittwoch. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch weit verbreitet, dauerte dieser gesunde Brauch in einigen Branchen bis 1914 an. Ohne Erfolg versuchten sich die Bosse an verschiedenen Zwangsmethoden, um diesen institutionalisierten Absentismus zu bekämpfen. Mit dem Aufkommen von Gewerkschaften wurden die „Blauen Montage“ durch freie Samstagnachmittage ersetzt. Ein ruhmreiche Sieg: die Arbeitswoche wurde so um zwei Tage verlängert!

Die Blauen Montage spielten nicht nur bei der Frage der Arbeitszeit eine Rolle, sondern auch hinsichtlich des Umgangs mit Geld, da die Arbeiter*innen nicht zur Arbeit zurückkehrten, bevor sie ihr gesamtes Gehalt ausgegeben hatten. Mit Beginn dieser Periode wurden die Sklav*innen nicht länger nur als Arbeiter*innen, sondern auch als Konsument*innen betrachtet. Die Notwendigkeit, die Binnenmärkte zu entwicklen, indem diese für die Armen geöffnet wurden, war von Adam Smith theoretisiert worden. Außerdem „wäre die Schaffung von Bedürfnissen doch das beste Mittel, um das Volk arbeitsam zu machen“, schrieb der Erzbischof Berkeley 1755.

Auf eine noch immer nur geringfügige Art und Weise wurde das Gehalt, das den Armen zugeteilt wurde, den Notwendigkeiten des Marktes angepasst. Aber die Armen nutzten dieses zusätzliche Geld nicht so, wie es die Ökonomen vorausgesagt hatten: Der Anstieg der Gehälter bedeutete für sie gewonnene Zeit bei der Arbeit (eine nette Umkehrung von Benjamin Franklins utilitaristischer Maxime Zeit ist Geld). Zeit, die durch die Abwesenheit in den Fabriken gewonnen wurde, verbrachte man in den – zurecht so genannten – Public Houses (während dieser Periode wurden Nachrichten von Revolten von Pub zu Pub weitergetragen).

Je mehr Geld die Armen zur Verfügung hatten, desto mehr tranken sie. Der Geist der Ware wurde zuerst in Form von Spirituosen entdeckt, zum Missfallen der Ökonomen, die beabsichtigt hatten, dass die Armen ihr Geld sinnvoll ausgaben. Die Mäßigungskampagne, die gemeinsam von der Bourgeoisie und den „fortschrittlichen (und daher nüchternen) Fraktionen der Arbeiterklasse“ ins Leben gerufen wurde, war vielmehr eine Ermahnung an die Arbeiter*innen, ihre Gehälter weise zu nutzen, als eine Sorge um die öffentliche Gesundheit (die viel größeren Schäden, die von der Arbeit verursacht wurden, veranlassten sie nicht dazu, für ihre Abschaffung zu plädieren). Einhundert Jahre später sind die gleichen Akteur*innen unfähig zu ergründen, warum Arme auf Essen verzichten, um „überflüssige“ Waren zu kaufen.

Die Wildheit kommt immer zurück

Die Propaganda, die zum Sparen ermutigte, wurde ins Leben gerufen, um diese Neigung zum direkten Ausgeben des Geldes zu bekämpfen. Und wieder war es die „Avantgarde der Arbeiterklasse“, die Einrichtungen zum Sparen für die Armen einrichtete.

Das Sparen vergrößerte sowohl die Abhängigkeit der Armen als auch die Macht ihrer Feinde: Die Kapitalist*innen konnten durch eine Senkung der Gehälter temporäre Krisen überstehen und gewöhnten die Arbeiter*innen an die Idee des Existenzminimums.

Doch hier gibt es einen damals unauflösbaren Widerspruch, den Marx in seinen Grundrissen aufgezeigt hat: Jede*r Kapitalist*in fordert, dass seine Sklav*innen als Arbeiter*innen sparen, aber eben nur seine Arbeiter*innen; Alle anderen Sklav*innen sind für ihn Konsument*innen und sind als solche verpflichtet, Geld auszugeben. Dieser Widerspruch konnte erst viel später aufgehoben werden, als die Entwicklung der Ware die Aufnahme von Krediten durch die Armen erlaubte. Jedenfalls, selbst wenn es der Bourgeoisie vorläufig gelungen war, das Arbeitsverhalten der Armen zu zivilisieren, konnte sie ihr Ausgabeverhalten niemals absolut domestizieren. Das Geld ist das, durch das die Wildheit immer zurückkehrt…

Nachdem die Abschaffung der Blauen Montage die Arbeitswoche verlängert hatte, „nahmen sich nunmehr die Arbeiter*innen ihre Freizeit am Arbeitsplatz“ (Geoff Brown). Die Verminderung des Arbeitstempos wurde zur Regel. Es war die Einführung der Akkordarbeit, die die Disziplin endgültig in die Werkstätten brachte und eine Erhöhung des Fleißes und der Produktivität erzwang. Das wichtigste Ergebnis dieses Systems, das sich seit den 1850ern verbreitete, war, dass es die Arbeiter*innen zwang die industrielle Logik zu verinnerlichen: Um mehr zu verdienen, war es notwendig, mehr zu arbeiten. Das hatte jedoch nachteilige Auswirkungen auf die Gehälter der anderen und die weniger stürmischen konnten sogar ihren Job verlieren.

Die Antwort auf diese ungezügelte Konkurrenz war die Etablierung kollektiver Verhandlungsformen, um über die zu erledigende Menge an Arbeit und ihre Verteilung und Vergütung zu entscheiden, was zu der Durchsetzung der gewerkschaftlichen Schlichtung führte. Nachdem sie hinsichtlich der Produktivität den Sieg errungen hatten, willigten die Kapitalist*innen ein, die Anzahl der Arbeitsstunden zu reduzieren. Das berühmte Zehn-Stunden-Gesetz war, auch wenn es faktisch ein Sieg der Gewerkschaften war, eine Niederlage für die Armen, da es die Niederlage ihres langen Widerstands gegen die neue industrielle Ordnung besiegelte.

Die omnipräsente Diktatur der Notwendigkeit war errichtet. Sobald die Überreste der früheren sozialen Ordnung beseitigt waren, gab es nichts mehr auf dieser Welt, das nicht von den Geboten der Arbeit bestimmt wurde. Der Horizont der Armen begrenzte sich auf den „Existenzkampf“. Die absolute Herrschaft der Notwendigkeit kann jedoch nicht einfach als eine quantitative Zunahme des Mangels betrachtet werden: Sie war vor allem die Kolonisierung des Verstands durch das triviale und vulgäre Prinzip der Nützlichkeit, eine Niederlage für das Denken selbst.

Hier können wir die Konsequenzen der Zerstörung des Millenarischen Geistes ermessen, der die Armen während der ersten Phase der Industrialisierung inspirierte. Während dieser Periode war die Herrschaft der brutalen Not klar als Resultat einer bestimmten Welt begriffen worden – der Welt des Antichristen basierend auf Eigentum und Geld. Die Vorstellung der Abschaffung der Not war untrennbar mit der Idee der Realisierung des Garten Edens der Menschlichkeit verbunden, „dem spirituellen Kanaan, wo Wein, Milch und Honig fließen und Geld nicht existiert“ (Coppe). Mit der Niederlage dieses versuchten Umsturzes erlangte die Not das Erscheinungsbild der Unmittelbarkeit. Fortan erschien Mangel als natürliche Katastrophe, die nur durch eine umfangreichere Organisiation der Arbeit behoben werden könnte. Mit dem Triumpf der englischen Ideologie wurden die Armen, die bereits vollkommen enteignet waren, sogar noch der eigentlichen Vorstellung von Reichtum beraubt.

Der puritanische Abschaum

Es war der Protestantismus, oder präziser seine angelsächsische puritanische Form, die den Kult der Nützlichkeit und des Fortschritts begründete und legitimierte. Indem sie die Religion zu einer Privatangelegenheit machte, billigte die protestantische Ethik die von der Industrialisierung verursachte soziale Atomisierung: Individuen standen Gott auf dieselbe Art und Weise alleine gegenüber, wie sie im Hinblick auf Waren und Geld isoliert waren. Ebenso vertrat sie genau die Werte, die von den modernen Armen verlangt wurden: Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Arbeit, Sparsamkeit.

Die Puritaner, dieser Abschaum, der rastlos gegen Feste, Spiele, Ausschweifung und alles, was der Logik der Arbeit entgegen stand, kämpfte und den Millenarischen Geist als „lähmend für den Unternehmergeist“ (Webb 1644) betrachtete, ebnete den Weg für die industrielle Konterrevolution. Ferner kann die Reformation als Prototyp des Reformismus betrachtet werden: Als Produkt einer Meinungsverschiedenheit betrachtete er alle widerstreitenden Ansichten als Bereicherung. Sie „forderte nicht, dass man dieses Christentum praktiziert; sie forderte, dass man zu einem Gläubigen wurde. Jede Religion war recht.“

1789 wurden diese Prinzipien in Frankreich vollständig realisiert, als sie ihre religiöse Form endgültig abwarfen und eine universelle Form des Rechts und der Politik annahmen. Frankreich war Nachzügler im industriellen Prozess: Ein unversöhnlicher Konflikt zwischen Bourgeoisie und der Aristokratie, die sich weigerte, Geld zu investieren. Paradoxerweise war es dieser Rückstand, der die Bourgeoisie dazu brachte, den modernsten Ansatz zu verfolgen. In Großbritannien, wo die herrschenden Klassen seit langem einen gemeinsamen historischen Weg eingeschlagen hatten, „nahm die Erklärung der Menschenrechte Form an, nicht im Gewand der römischen Toga, sondern in der Robe der Propheten des Alten Testaments“ (Hobsbawn). Genau das ist die Grenze, die unvollständige Natur der englischen theoretischen Konterrevolution. Staatsbürgerschaft war im Endeffekt noch immer auf einer Doktrin der Auserwähltheit basierend, durch die die Auserwählten einander durch die Früchte ihrer Arbeit und ihre moralische Einwilligung zu dieser Welt wahrnahmen. Das schloss den Pöbel aus, der noch immer vom Schlaraffenland träumen konnte.

Das ursprüngliche Ziel der Zwangsarbeit in den Fabriken war vor allem, diese bedrohliche Stärke zu beschränken und es durch einen machtvollen sozialen Mechanismus zu integrieren. Den Lügen der englischen Bourgeoisie fehlte noch immer die Raffinesse, die jene ihrer Kollegen auf der anderen Seite des Kanals charakterisierten, und die es diesen erlaubte, die Armen von Anfang an durch die Ideologie zu schwächen. Selbst heute noch führen die englischen Verfechter*innen der Alten Welt eher ihre moralische Rechtschaffenheit als ihre politischen Meinungen an. Die besonders sichtbare und arrogante Grenze, die Arm und Reich in diesem Land trennt, entspricht der schwachen Verankerung des Konzepts von individueller und rechtlicher Gleichheit der Individuen.

Während die puritanische moralische Indoktrination den ursprünglichen Effekt hatte, alle zu vereinen und zu stärken, die ein bestimmtes Interesse hatten, eine sich verändernde und ungewisse Welt zu bekämpfen, zerschmetterte sie die Unterklassen, die sich bereits unter das Joch der Arbeit und des Geldes gebeugt hatten, und vollendete so deren Niederlage. Daher schlug Ure vor, dass seinesgleichen die „moralische Maschinerie“ mit ebensoviel Sorgfalt aufrechterhalten wie die „mechanische Maschinerie“, um „Gehorsam hinnehmbar zu machen“. Aber vor allem enthüllte diese moralische Maschinerie ihre schädlichen Effekte, als sie von den Armen übernommen wurde und der aufkommenden Arbeiterbewegung ihren Stempel aufdrückte.

Die Kampagne zur Zivilisierung der Armen

Es vermehrten sich die methodistischen, wesleyanischen, baptistischen und anderen Arbeitersekten, bis sie schließlich genauso viele Gläubiger versammelten wie die Kirche Englands, Institution des Staates. In der feindlichen Umgebung der neuen Industrieanlagen zogen sich die zitternden Arbeiter in die Kapelle zurück. Man ist immer dazu geneigt die Erniedrigungen rechtzufertigen, für die man sich nicht rächt. Die neue Moral der Arbeiter*innen verwandelte Armut in einen Zustand der Gnade und Sparen in eine Tugend.

An jenen Orten waren die Gewerkschaften direkte Nachkommen der Kirche und Laienprediger wurden zu Gewerkschaftsvertretern [3]. Die von der Bourgeoisie geführte Kampagne, um die Armen zu zivilisieren, erlangte nur durch Querschläger die Oberhand über den sozialen Hass, sobald dieser einmal in den Händen der Arbeiterrepräsentanten lag, die fortan in ihren Kämpfen gegen ihre Herren die gleiche Sprache wie sie sprachen. Doch die noch religiösen Formen, die die Domestizierung des Denkens immer wieder annahm, waren nur eine Nebenerscheinung. Diese hatte eine deutlich effizientere Basis in der ökonomischen Lüge. J. und P. Zerzan [4] haben diesen Widerspruch treffend hervorgehoben: Es war während des zweiten Drittels des 19. Jahrhunderts, als die Armen den entwürdigendsten und verstümmelndsten Bedingungen in allen Bereichen ihres Lebens unterworfen wurden und jeder Widerstand gegen die Gründung einer neuen kapitalistischen Ordnung niedergeschlagen worden war; es war genau in diesem Moment, dass Marx, Engels und alle ihre Jünger mit Genugtuung die Geburt „der revolutionären Armee der Arbeit“ begrüßten und die objektiven Bedingungen für einen siegreichen proletarischen Angriff für endlich eingetreten erklärten.

In seiner berühmten “Adresse” der Internationalen Arbeiter-assoziation von 1864 begann Marx damit, ein detailliertes Bild der entsetzlichen Situation der Armen in England zu zeichnen und fuhr dann fort, die „wunderbaren Erfolge“ zu loben, wie das Zehn-Stunden-Gesetz (wir haben bereits gesehen, was das wert war) und die Etablierung von Kooperativfabriken, die einen „Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals“ darstellen würde! Wenn marxistische Kommentator*innen das grausame Schicksal der Arbeiter*innen des 19. Jahrhunderts ausführlich beschrieben haben, so betrachteten sie dieses Schicksal bis zu einem gewissen Grad als unausweichlich und förderlich. Unausweichlich, weil sie es als die unvermeidbare Konsequenz der Anforderungen der Wissenschaft und als eine notwendige Entwicklung der „Produktionsverhältnisse“ betrachteten. Förderlich in dem Sinne, dass „das Proletariat durch die Mechanismen der Produktion vereint, diszipliniert und organisiert worden ist“ (Marx).

Die Arbeiterbewegung gründet sich auf einer rein defensiven Basis. Die ersten Arbeiterassoziationen waren „Vereinigungen des Widerstands und der gegenseitigen Hilfe“. Aber wenn die revoltierenden Armen sich selbst zuvor immer im Negativen wiedererkannt hatten, durch die Benennung der Klasse ihrer Feinde, so war es doch in und durch die Arbeit, die ihnen als Zentrum ihrer Existenz aufgezwungen worden war, dass die Arbeiter begannen nach einer positiven Gemeinschaft zu streben, einer, die nicht von ihnen selbst produziert wurde, sondern von einem äußeren Mechanismus.

Diese Ideologie nahm zuerst Gestalt an inmitten der „aristokratischen Minderheit“der qualifizierten Arbeiter*innen, „dieser Sektor, der für Politiker*innen von Interesse ist und aus dem diejenigen stammen, die die Gesellschaft nur zu dankbar als Repräsentant*innen der Arbeiterklasse begrüßen will“, wie Edith Simcox 1880 treffend bemerkte. Die riesige Masse der noch immer unregelmäßigen und unqualifizierten Arbeiter*innen hatte deshalb keine Bürgerrechte. Sie waren diejenigen, die den legendären wilden und kampfeslustigen Geist der englischen Arbeiter bewahrten, als sich die Türen der Gewerkschaften öffneten. Es begann ein langer Kreislauf sozialer Kämpfe, zuweilen gewaltsam, aber ohne jegliches einigende Prinzip.

„Obgleich die revolutionäre Initiative wahrscheinlich von Frankreich ausgehen wird, kann allein England als Hebel für eine ernsthafte ökonomische Revolution dienen.[…] Die Engländer verfügen über alle notwendigen materiellen Voraussetzungen für eine soziale Revolution. Woran es ihnen mangelt, ist der Geist der Verallgemeinerung und die revolutionäre Leidenschaft.“ Diese Erklärung des Generalrats der Internationale enthält sowohl ein wahres, als auch ein falsches Bewusstsein einer Epoche. Von einem sozialen Standpunkt aus gesehen war England immer ein Rätsel gewesen: Das Land, das die modernen Bedingungen der Ausbeutung hervorgebracht hatte und das entsprechend als erstes große Massen von Armen hervorbrachte, ist auch das Land, in dem die Institutionen seit nunmehr drei Jahrhunderten unverändert geblieben sind und das niemals von einem revolutionären Angriff erschüttert worden ist.

Bereit für die Barrikaden

Das ist es, was England von den Nationen des europäischen Kontinents trennt und der marxistischen Konzeption einer Revolution widerspricht. Kommentatoren haben versucht, dieses Rätsel mit einen britischen Atavismus zu erklären, was zu den andauernd wiederholten Lügengeschichten über den reformistischen und theoriefeindlichen Geist der englischen Armen geführt hat, verglichen mit dem radikalen Bewusstsein, das die Armen Frankreichs antrieb, die immer bereit waren, auf die Barrikaden zu gehen. Diese Art von ahistorischer Sichtweise scheitert daran, sich an die theoretische Fülle während der Jahre des Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert zu erinnern und vergisst die Beharrlichkeit und Gewalt, die die sozialen Kämpfe der englischen Armen immer ausgemacht haben und die sich seit Mitte dieses Jahrhunderts immer mehr ausgeweitet haben. Tatsächlich lässt sich das Rätsel wie folgt lösen: Die Revolte der Armen hängt immer davon ab, was sie bekämpft.

In England führten die herrschenden Klassen ihr Unterfangen der Domestizierung durch die brutale Kraft eines sozialen Mechanismus und ohne blumige Phrasen durch. Englische Historiker*innen bedauern häufig, dass die „industrielle Revolution“ nicht von einer „kulturellen Revolution“ begleitet wurde, die die Armen in den „industriellen Geist“ integriert hätte (solche Überlegungen häuften sich in den 70ern, als die großflächigen wilden Streiks ihre Schärfe enthüllten).

In Frankreich war die bourgeoise Konterrevolution vor allem theoretischer Natur; Herrschaft wurde durch Politik und Gesetze ausgeübt, „diesem Wunder, das die Menschen seit 1789 in einem Zustand des Missbrauchs gefangen hält“ (Louis Blanc). Diese Prinzipien repräsentierten ein universelles Projekt, das den Armen versprach teilzuhaben, wenn sie dessen Modalitäten zu den ihren machen würden. Um 1830 herum ernannte sich ein Teil der Armen zu ihrem Sprachrohr. Sie forderten, dass „man den Menschen, die erniedrigt worden sind, ihre bürgerliche Würde zurückgeben müsse“ (Proudhon). Ab 1848 wurden die gleichen Prinzipien im Namen der „Republik der Arbeit“ gegen die Bourgeoisie ins Feld geführt. Und es ist allgemein bekannt, in welchem Ausmaß dieser Ballast von 1789 eine Rolle in der Niederschlagung der Pariser Kommune spielte.

Dieses soziale Projekt zerfiel im 19. Jahrhundert in zwei Teile. In England, der Metropole des Kapitals, konnten die sozialen Kämpfe nicht zu einem vereinten Angriff verschmelzen, sie wurden zu Zerrbildern, die auf einer Ebene der „ökonomischen“ Kämpfe blieben. In Frankreich, der Wiege des Reformismus, blieb dieser vereinte Angriff in einer politischen Form gefangen, und überließ somit das letzte Wort dem Staat. Das Geheimnis des Fehlens einer revolutionären Bewegung jenseits des Ärmelkanals ist also identisch mit dem Geheimnis der Niederlage der revolutionären Bewegungen auf dem Kontinent.

Wir haben den Beginn eines Prozesses beschrieben, der nun seine Vollendung erreicht. Die klassische Arbeiterbewegung ist definitiv in die Zivilgesellschaft integriert und ein neues Projekt der industriellen Domestizierung hat seinen Anfang genommen. Heute werden die Pracht sowie die Grenzen der Bewegungen der Vergangenheit – die bis heute die sozialen Bedingungen in jeder Region dieser Welt bestimmen – ans Licht gebracht.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Leopold Roc. Industrial Domestication. Industry as the Origins of Modern Domination. Die Übersetzung folgt dem Reprint von Quiver Distro. Ursprünglich erschien der Text in der Zeitung Fith Estate. Überarbeitet anhand des französischen Originals: Léopold Roc: La domestication industrielle. Ursprünglich veröffentlicht in: Os Cangaceiros N° 3, Juni 1987, und der deutschen Übersetzung “Die industrielle Domestizierung” erstmals erschienen im September 2013 in “Os Cangaceiros – Ein Verbrechen namens Freiheit” bei Cumbula Velifera & Unruhen Publikationen.

 

Anmerkungen
[1] S. L’Incendie millénariste, S. 233-258. [Die Millenaristischen Bewegungen, die in Europa vor allem vom 13. bis zum 17. Jahrhundert aktiv waren, versuchten ein Goldenes Zeitalter oder einen Gnadenstand im realen Leben zu verwirklichen. Sie entwuchsen einem messianischen Christentum, das die zeitliche Autoritäten – die Kirche und den Staat – als Antichristlich betrachtete und sie für ein Hindernis der Ankunft des Milleniums hielt, des 1000-jährigen Reiches Christi auf Erden. Seine Anhänger*innen prangten ökonomische, sexuelle, religiöse und bürgerliche Tabus an und nutzten eine Vielzahl an Taktiken – einige davon waren gewaltsam – um ihre Utopie zu erreichen. (Siehe auch Norman Cohn, Auf den Spuren des Millenarismus, eine aufregende und akkurate, wenngleich konservative Sicht auf diese Ära.) Anm. d. Übs.]

[2] Als Levellers wurden die Angehörigen einer frühdemokratischen, politischen Bewegung in England bezeichnet, die ihren stärksten Einfluss während des Bürgerkriegs (1642–1649) ausübte. Die Levellers engagierten sich für eine demokratische und freie Gesellschaft, für vollständige Religionsfreiheit sowie für die Abschaffung der Stände und für Gleichheit vor dem Gesetz.

[3] Ein bezeichnendes Beispiel: die Arbeiterkirche, 1891 in Manchester gegründet, hatte als einzige Funktion die Arbeiter*innen aus dem Norden dazu zu bringen, einer unabhängigen Arbeiterpartei beizutreten. Danach verschwand sie.

[4] Industrialism & Domestication, Black Eye Press, Berkeley, 1979.

Gegen jede Föderation!

Und natürlich ganz besonders gegen jede Cyber-Zwangsföderation!

Was sagt man dazu: Da findet man in den Untiefen des Internets plötzlich eine Seite namens „Anarchistische Föderation“ mit identitärem schwarz-roten Stern als Logo, auf der man neben allem möglichen linken bis plattformistischen autoritärem Dreck auch eigene Artikel wiederfindet. Nicht weil man sie auf dieser Seite eingereicht hätte, nein, sie werden einfach zusammen mit denen von angeblich mehr als 250 anderen anarchistischen oder auch weniger anarchistischen Webseiten gespiegelt. Naja, selber Schuld, dann veröffentliche deinen Scheiß halt nicht im Internet muss ich mir da sicher an die eigene Nase fassen, aber so ganz will ich diese Dreistigkeit dann trotzdem nicht unkommentiert stehen lassen.

Ich meine es ist ja das eine, einen Artikel den man selbst gut findet oder spannend, oder ganz schlimm oder sonst irgendwie von Interesse, auf die eine oder andere Art zu reproduzieren. Man zitiert ihn, man kopiert ihn oder im Internet da spiegelt man ihn eben. Schön und gut, damit kann ich leben. Denn wenn mir auch an anderer Stelle nicht immer gefallen hat, was gelegentlich mit meinen Artikeln passiert ist, wenn andere sie auf ihren Webseiten gespiegelt haben und sie plötzlich im Kontext eines verwaschenen synthetischen Anarchismus-Blogs wiederauftauchten, gleich hinter Meldungen über neue plattformistische Publikationen, so hatte ich doch immer den Eindruck, dass diese Artikel von den veröffentlichenden Personen einerseits gelesen wurden, andererseits für irgendwie interesssant befunden wurden und zuletzt eben trotz dieses seltsamen Kontextes immer noch irgendwo für sich stehen konnten, weil sie niemand für sich vereinnahmt hat in dem Sinne, dass man behauptet oder den Eindruck erweckt hätte, diese Artikel würden mit den anderen auf dem Blog veröffentlichten zusammengehören.

In diesem Fall aber ist das anders. Wer eine Webseite mit „Anarchistische Föderation“ überschreibt und dann offenbar wahllos die Feeds von Seiten aggregiert, die einander kaum mehr widersprechen könnten, die*der sugeriert nicht nur eine krude Einheit anarchistischer Ideen und eine lächerliche Beliebigkeit der eigenen Vorstellungen, sondern vereinnahmt die Positionen anderer auch für sich selbst und die eigenen Absichten, die sich neben dem Internet-Kapital Traffic durchaus auch in herkömmlichen Währungen bemessen lassen oder warum sonst vertreibt man auf der Seite der entwickelnden Genossenschaft „No Gods No Masters“ den üblichen, ebenso ekelerregenden wie anrüchigen Szene-Merch? Ja so ist das im Kapitalismus, selbst mit seinen erbittertsten Feind*innen lässt sich noch Geld verdienen, wenn man sich nur die richtige Vermarktungsstrategie ausdenkt. Und bei dieser neuen Strategie der Cyber-Zwangsförderation, da brauchen die Feind*innen nicht einmal mitspielen.

„Das Problem mit unabhängigen dezentralen Medien ist, dass es so viele davon gibt, dass es schwierig ist, die verschiedenen Websites im Auge zu behalten und sicherzustellen, dass Sie keine Nachrichten verpassen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten 250 Freunde auf Facebook und der Newsfeed wäre nicht vorhanden. Die einzige Möglichkeit, Nachrichten von Freunden zu erhalten, besteht darin, sich 250 verschiedene Seiten anzusehen. Offensichtlich würden Sie viele Neuigkeiten von einigen Ihrer Freunde vermissen. Dies ist der Zustand des heutigen digitalen anarchistischen Medienuniversums.“

Diese Erklärung findet sich auf der Webseite dieser Zwangsföderation. Dabei weiß ich nicht einmal wie der beschissene Newsfeed bei Facebook aussieht. Aber dieser Newsfeed scheint das Vorbild für diese zumindest im Internetsprech plattfomistische Webseite zu sein! Und nicht nur das, auch die Anmeldung via Facebook beim Forum der Seite ist integriert. Haben die Macher*innen dieser Drecksseite schon einmal darüber nachgedacht, warum es wohl so viele verschiedene Websites im „digitalen anarchistischen Medienuniversum“ gibt?! Es fällt mir schwer zu entscheiden, was ich schlimmer finde. Entweder sie dachten sich „Ach, die Anarchist*innen, die sind offenbar zu blöd dazu, eine gemeinsame Online-Präsenz zu schaffen, da helfen wir Tech-Yuppies doch gerne nach“ oder aber man wusste um die Gründe warum es so viele verschiedene anarchistische Webseiten gibt und dachte sich, dass man sich aus Eigennutz einfach alle Beiträge aneignen könnte. Wahrscheinlich war es sowieso letzteres, denn wer sich den Namen „Anarchistische Föderation“ gibt und sowieso so ein*e Online-Enthusiast*in zu sein scheint, die*der wird wohl schon einmal über eine der dutzenden Föderationswebseiten im Internet gestolpert sein, die alle „gemeinsame Online-Präsenzen“ von „Anarchist*innen“ – mit und selten auch ohne Anführungszeichen – sind, auf einer freiwilligen Basis sogar, und von denen die meisten vielleicht ein oder zweimal im Jahr mit einem neuen Artikel aufwarten, den man dann aber doch nach den ersten beiden Sätzen wieder wegklickt, weil es doch spannenderes im eigenen Leben gibt, selbst während des Lockdowns. Und vielleicht dachte man sich da bei der „Anarchistischen Föderation“ ja: „Wenn es mit der Freiwilligkeit nicht so zu klappen scheint, dann machen wir das eben zwangsweise.“ Und ehrlich, besonders genau scheint man es mit dem Anarchismusbegriff ja ohnehin nicht zu nehmen. Oder wie kommt es, dass das „kommunistische Bündnis Ums Ganze“ Teil der Quellen ist, aus denen sich die Seite speist? Und das ist nur ein Beispiel von vielen …

„Massenmedien gehören und werden von einer Handvoll Kapitalisten kontrolliert, und Suchmaschinen gehören großen multinationalen Unternehmen wie Google und Microsoft. Wir brauchen eine Alternative, um den Inhalt aller anarchistischen Websites zusammenzufassen, ohne auf Unternehmen angewiesen zu sein.“

heißt es weiter auf der Seite der „Anarchistischen“ Cyber-Zwangsförderation. Und ich verstehe nicht so ganz was man damit sagen will. Will man nun Google-Alternative sein? Ist man letztlich auch noch Transhumanist*in? Oder will man einfach nur – wie Google – davon profitieren, dass andere sich die Mühe machen, Analysen, Meinungen, Rezensionen, usw. zu verfassen?

Aber immerhin wird von der Seite selbst, die gleich betont, dass eine Löschung von Artikeln nicht möglich sei, ein Ausweg beschrieben, wenn man zu dieser dämlichen Zwangsföderation nicht dazugehören will:

Das Kollektiv, das diese Website betreibt, behält sich das Recht vor, Quellen jederzeit zu entfernen, wenn der Inhalt nicht den Mindeststandards entspricht, die wir von einer anarchistischen Website erwarten. Wir tolerieren keinerlei Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie oder Diskriminierung, Autoritarismus, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus oder Hass.

Und weil ich mich von all dem sicher zu nichts anderem als Hass hinreißen lassen werde, so muss es eben Hass sein, der nun dazu dient, diese Zeitung aus den Quellen dieser Zwangsföderation zu entfernen. Aber wie macht man das? Wie schüttet man seinen Hass über die vereinnahmenden Kommerz-Wichser dieser Zwangsföderation aus? Droht man ihnen? Beleidigt man sie? Gibt man sie der Lächerlichkeit preis? Oder vielleicht alles drei?

Aber was bringt es, wenn der Einzige, der das vonseiten der Verantwortlichen jemals lesen wird, nur ein Bot ist? Wie beleidigt man einen Bot? Wie bedroht man ihn? Wie macht man seine Drohung wahr? Wie gibt man ihn der Lächerlichkeit preis? Ok letzteres leuchtet ein, man jubelt ihm tausende und abertausende Artikel unter, die alles andere als anarchistisch sind, um ihn als autoritär zu entlarven. Und immerhin, das wäre nun auch eine Drohung, die sich – genießt man das zweifelhafte Privileg auf der Liste dieser Zwangsföderation zu stehen – recht leicht wahrmachen ließe. Aber ist das wirklich eine Drohung, wenn auf der Liste auch die berüchtigte „Plattform“ steht, diverse kommunistische Gruppen und antisexistische Organisationen, die offen mit Parteien zusammenarbeiten? Jaja, die Angelegenheit enpuppt sich als ziemlich verzwickt …

Also doch die Beleidigung?

Also gut ihr trafficgeilen Cyber-Möchtegernanarchist*innen, nehmt diese Zeitung aus euren Quellen ihr Vollidioten, die ihr nichteinmal Anarchist*innen von Kommunist*innen und Demokrat*innen unterscheiden könnt. Sollte ich euch jemals treffen, dann verspreche ich euch eine schöne Schlägerei, aber wahrscheinlich wird das ohnehin nicht passieren, wer weiß überhaupt ob ihr echte Menschen seid und nicht einfach nur Bots. Hirnlos wie ein Bot, das seid ihr ja auf alle Fälle. Und jetzt löscht eure scheiß Zwangsföderation oder werft gefälligst alle Anarchist*innen raus, die Feind*innen formeller Organisationen sind. Ansonsten werde ich mir ernsthaft Gedanken machen müssen, wie man eine Cyber-Zwangsföderation zerstören kann.

Eine*r, die*der sich nicht gerne vereinnahmen lässt

Dunkle Ecken schaffen …

Egal ob du dich trotz Kontaktverbot auch weiterhin mit Freunden treffen willst, ob du ohne einen triftigen Grund oder während einer möglichen, nächtlichen Ausgangssperre draußen unterwegs sein willst. Immer sind umherstreifende Bullen deine natürlichen Feinde. Sie haben nun wieder die Erlaubnis, dich jederzeit zu kontrollieren und zu schikanieren. Während bei Tageslicht meist zu viele Menschen unterwegs sind, als dass die Bullen hier jede*n kontrollieren könnten, ändert sich die Situation am späteren Abend schlagartig. Schnell sind du und andere zwielichtige Gestalten die einzigen, die auf den Straßen sind. Und das bedeutet, dass ihr leichte Beute für unterbeschäftigte und übermotivierte Cops seid. Aber selbst wenn die Schweine sicherlich wieder vermehrt Streife fahren werden, ist es einfach unmöglich, dass sie die ganze Stadt unter Kontrolle halten. Jede dunkle, unausgeleuchtete Ecke lässt sich nicht ohne weiteres beim Streifefahren kontrollieren.

Das Problem ist nur: In der Stadt gibt es immer zu wenige dunkle Ecken. Überall stehen Straßenlaternen und werfen ihr Licht auf diejenigen, die sich auch trotz Verbot weiterhin draußen herumtreiben. Könnte man die doch nur abschalten …

Aber das kann man ja: Dafür brauchst du nur einen Dreikantschlüssel (manchmal auch Schaltschrank- oder Universalschlüssel genannt) und einen für bis zu 1000 Volt geprüften Seitenschneider (beides kannst du recht einfach im Baumarkt klauen).

So gut wie alle Straßenlaternen haben auf Höhe von ca. 50cm bis 1m eine Zugangsklappe, über die die Lampe mit dem Stromnetz verbunden ist. Die Abdeckung dieses Zugangs kann in der Regel am oberen Ende mit einem Dreikantschlüssel geöffnet werden. Daraufhin lässt sich die Abdeckung entfernen und du hast Zugang zum Innenteil.

Hier befinden sich vor allem einmal verschiedene Kabel. Dickere, in der Regel schwarz ummantelte Kabel führen nach unten und oben zu Stromverteiler bzw. Lampe. Dünnere, braun und blau ummantelte Kabel, sowie gelb-grün gestreifte Kabel sind die einzelnen Fasern dieser schwarzen Kabel und sind mithilfe einer fest installierten Platine oder irgendwelchen Klemmen mit den Fasern des jeweils anderen Kabels verbunden. Die gelb-grün gestreifen Kabel sind die Erdung, sie sind für die Funktion der Lampe nicht unbedingt erforderlich, durch die braunen und blauen Kabel fließt der Strom. Im Grunde brauchst du nur eines dieser Kabel (blau oder braun) durchtrennen, um den Stromkreis zu unterbrechen. (Du kannst natürlich auch eines der dickeren, schwarzen Kabel durchtrennen, allerdings kann es dabei zu einem Kurzschluss kommen, wenn sich die Enden der unisolierten Fasern dabei berühren oder durch die Schneide deines Seitenschneiders verbunden werden, was meist zu Funkenbildung und einem kleinen Knall führt.) Dafür benutzt du am besten einen Seitenschneider. Aber nimm dir selbst zuliebe besser einen, der entsprechend isoliert ist. Er sollte möglichst für bis zu 1000 Volt geprüft sein. Meist steht das dann auf der Gummiummantelung der Griffe. Ansonsten riskierst du einen Stromschlag, der hier bei möglicherweise schlecht gesichertem Stromnetz auch tödlich verlaufen kann! Entsprechend solltest du auch möglichst keine unisolierten Kabel, irgendwelche Schrauben mit denen diese befestigt sind, usw. berühren. Am besten du fasst die Kabel gar nicht erst an.

Wenn du alles richtig gemacht hat, sollte die Lampe direkt ausgehen und du hast dir eine neue dunkle Ecke geschaffen.

Um bei all dieser Sabotage möglichst keine Spuren zu hinterlassen empfiehlt es sich, zumindest Handschuhe zu tragen, damit deine Fingerabdrücke nirgendwo zurückbleiben und ggf. sauberes Werkzeug (von DNA befreit) zu benutzen. Achte außerdem auch auf Kameras, die dich bei deinem Treiben filmen könnten.

Außerdem empfiehlt es sich gerade wenn du dich später länger im neu entstandenen Dunkel aufhalten willst, zwischendurch das Werkzeug wegzubringen, sodass du im Falle einer Kontrolle durch die Cops keine Beweismittel für diesen kleinen Eingriff bei dir trägst.

Die „groß angelegte Durchimpfung“ der Bevölkerung

von Impfzentren, mobilen Impfteams, militärisch bewachten Impfstoffen und Gentechnik

Es sind martialische Worte mit denen der bayerische möchtegern Monarch da auf einer Pressekonferenz diesen Sonntag von dem sprach, was er in den kommenden Wochen der bayerischen Bevölkerung so alles antun will. Einsperren will er uns alle sowieso, das ist dieser Tage ja sowieso gar keine Frage mehr, aber darum soll es hier nicht gehen. Ich spreche von den Impfplänen, die nicht nur Bayern, sondern ganz Deutschland dieser Tage verfolgt. Es geht um nichts weniger, als um die „groß angelegte Durchimpfung“ der Bevölkerung, um es mit Söders Worten zu sagen. Was das genau bedeuten soll, darüber schweigen sich die Verantwortlichen bislang weitestgehend aus, aber obwohl bislang kein Impfstoff die Zulassung erlangt hat, werden überall in Deutschland bereits allerhand Vorbereitungen getroffen. Es werden sogenannte Impfzentren eingerichtet, mobile Impfteams aufgestellt, das Militär wird zur „Sicherung“ und Auslieferung der Impfstoffe mobil gemacht. Es soll schließlich schnell gehen, das „Durchimpfen“, wenn es soweit ist.

Dabei dürfte sich doch für Viele die dringende Frage stellen, ob sie sich überhaupt impfen lassen wollen. Noch wird die Zulassung der zur Debatte stehenden Impfstoffe für die EU geprüft, sowieso wären diese erst einmal nur bedingt zugelassen. Sonst übliche, ausführliche medizinische Tests mit einer größeren Beobachtungsspanne entfallen entweder oder wurden nur im Eilverfahren durchgeführt. Wer mit diesem Impfstoff geimpft wird, dem muss klar sein, dass er hier vorrangig als menschliches Versuchskaninchen dient. Gerade Angehörige von „Risikogruppen“ sollen den Plänen der Regierung zufolge zuerst geimpft werden. „Mobile Impfteams“ (Pressemitteilung der Stadt München vom 02.12.2020) – klingt wie eine polizeiliche Spezialeinheit mit Spritze, oder? – sollen dafür sorgen, dass die Bewohner*innen von Alten- und Pflegeheimen ihre Dosis auch dann bekommen, wenn sie nicht ins regionale Impfzentrum gelangen können. Ob bei all dieser Massenabfertigung überhaupt Zeit für ein Beratungsgespräch zwischen Ärztin und Patient bleibt? Ein Gespräch, in dem nicht nur die allgemeinen Risiken besprochen werden können, sondern eben auch individuelle, denn wie bei jedem anderen Medikament ist eben auch hier nicht davon auszugehen, dass das alle Menschen gleich gut vertragen. Vielleicht erübrigt sich dieses Gespräch ja auch ohnehin: Seit März 2020 ist im sogenannten Infektionsschutzgesetz der Bundesrepublik Deutschland eine Impfpflicht festgelegt, die natürlich auch auf eine Coronaimpfung übertragen werden könnte, auch wenn die Regierung bislang versichert, dass es keine Impfpflicht geben werde – aber das Gleiche hat man ja auch schon von Lockdown und dergleichen gesagt, bevor all das dann irgendwann doch verordnet wurde. Jedenfalls hat man sich Anfang dieses Jahres die Möglichkeiten geschaffen, eine Zwangsimpfung juristisch durchsetzen zu können.

Ohnehin scheint man im Hinblick auf den Impfstoff merkwürdige Allianzen einzugehen. Medienberichten zufolge soll die Bundeswehr die Auslieferung und Lagerung der Impfstoffe übernehmen. Auch weil man sich davor fürchtet, dass die Bevölkerung diese Impfstoffe vernichten könnte. Man greift also auf eine Praxis zurück, die wiederholt bei Impfstofftests gegen den Willen der Bevölkerung in afrikanischen Ländern und Indien erprobt wurde (siehe auch Eingeimpft in Zündlumpen #078). Und das Szenario ist vielleicht gar nicht so weit hergeholt. Immerhin handelt es sich bei den beiden Impfstoffen, deren Zulassung geprüft wird, um sogenannte mRNA-Impfstoffe. Impfstoffe also, die mithilfe von Genetik arbeiten und in die inneren Prozesse menschlicher Zellen eingreifen. Das Unternehmen Moderna, das einen dieser Impfstoffe entwickelt, macht etwa offen Werbung damit, „die Software des Lebens umschreiben“ zu wollen und das Mainzer Unternehmen BioNTech, das andere, steht dem in nichts nach. Wird einer dieser Impfstoffe zugelassen, wäre das der erste Impfstoff, der nach dieser Methode arbeitet. Zufällig? Oder sehen die Unternehmen hier nicht vielmehr eine Möglichkeit, die Zulassung für ein Verfahren zu bekommen, dessen Konsequenzen noch schwer abzuschätzen sind? Jedenfalls drängt sich einem dieser Verdacht förmlich auf.

In München soll auf dem Messegelände ein solches Massenabfertigungs-Impfzentrum errichtet werden. Bis zum 15. Dezember soll es einsatzbereit sein, auch wenn ein Impfstoff wohl zumindest erst Anfang nächstes Jahr zur Verfügung stehen wird. Dann jedoch scheint Söders Plänen zur „groß angelegten Durchimpfung“ der Bevölkerung nichts mehr im Wege zu stehen. Außer natürlich es kommt zu unvorhergesehenen Pannen bei der Einrichtung des Impfzentrums …