Chile – Die Wut hat kein Ende

Schon seit einem Monat kommt es im gesamten Land zu massiven Unruhen und Protesten. Aus der ersten Explosion der Wut ausgelöst durch die Erhöhung der Fahrpreise entwickelte sich ein unerwarteter und zerstörerischer sozialer Moment. Das erste Wochenende der Revolte (18.-20. Oktober) war der Startschuss für eine unglaubliche Maße an Momenten der Revolte, des Kennenlernens, der Solidarität, des Angriffs und soviel mehr.

Von Anfang an handelt es sich um eine Revolte die klar die soziale Frage stellt, die explosivsten Auswirkungen hatte und hat sie in den armen peripheren Vierteln um die großen Städte herum. Es ist eine Revolte gegen die Armut und das Elend, welche der Kapitalismus in seiner ungezügeltsten Form in Chile errichtet hat. Man kann dabei auch eine gewisse Form der „Klassensolidarität“ beobachten, fast nirgends werden die kleinen Geschäfte in den Vierteln zerstört, sondern meistens die Filialen der großen Ketten. Und auch wenn die Medien es verzweifelt versuchen andersherum darzustellen, ist sich ein Großteil der Leute bewusst, wenn die Gewalt trifft.

Es scheint zudem so, als hätte der Staat und seine willigen Gehilfen, die Medien, die Deutungshoheit über bestimmte Dinge verloren: „Die wahren gewalttätigen sind die Bullen und die Militärs, die schon mehrere Personen umgebracht haben und aufgrund derer über 200 Personen ein Auge verloren haben und nicht die Vermummten, die sie zurückdrängen. Die echten Plünderungen werden von den multinationalen Konzernen verübt, die Chiles Natur verwüsten wie sie wollen und nicht den Menschen, die sich Dinge aus den Supermärkten wieder aneignen.“ Dieser Verlust der Deutungshoheit ist nicht zu unterschätzen, ist sie doch die Basis für das Gewaltmonopol des Staates…

Es ist schwer zu überblicken was alles durch die Revolte ausgelöst wurde, aber worin sich alle einig sind ist, dass es kein Weg mehr zurück gibt, der komplette soziale Kontext hat sich geändert. Ein paar Auswirkungen sind jedoch jetzt schon offensichtlich. Der Hass gegen die Bullen großer Teile der Gesellschaft ist ins unermessliche gewachsen, das Vertrauen in Medien und Staat ist zerstört, viele neue Beziehungen zwischen RebellInnen, NachbarInnen, etc. sind entstanden, die Akzeptanz sozialer bzw. revolutionärer Gewalt ist extrem gestiegen…

Ein Teil dieser Revolte hat sich in eine sozialen Bewegung die für eine neue Verfassung kämpft (die jetzige stammt noch aus der Militärdiktatur und garantiert das neoliberale Wirtschaftsmodell) entwickelt, dazu gehören auch die Nachbarschaftsversammlungen die in vielen Vierteln entstanden sind. Ein anderer Teil sind die brennenden Barrikaden, die jede Nacht und jeden Morgen Teile Santiagos aber auch im Rest von Chile, blockieren. Im Zuge derer kommt es oft zu Plünderungen oder Brandlegungen. Das interessante ist, das es Staat und Medien bis jetzt nicht gelungen ist, die verschiedenen Teile zu trennen. Auch wenn sie mit aller Kraft versuchen die Gewalttätigen (die „Gangster“ und die „Vermummten“) zu isolieren, kommt es bisher zu keinen Distanzierungen, viele sehen Gewalt als notwendig an, auf den großen Demos jubeln tausende wenn ein Molli sein Ziel erreicht.

Am vergangenen Dienstag riefen verschiedene Organisationen zu einem Generalstreik auf und es war einer der gewalttätigsten Tage seit dem Ausbruch der Revolte. In ganz Chile kam es zu knapp 100 Plünderungen, 350 Bullen wurden verletzt, 19 Kommissariate angegriffen und 850 Personen verhaftet. Um nur einige einzelnen Beispiele zu nennen: In Concepcion wurde das Regierungsgebäude angezündet, in Santiago wurde während einer Brandstiftung an einer Bank auf die anrückende Polizei geschossen, in Arica wurde ein riesiger Supermarkt nachdem er geplündert wurde niedergebrannt, etc..

Zur gleichen Zeit geht aber das alltägliche Leben einigermaßen normal weiter, zumindest bis zum frühen Nachmittag, wenn oft die Proteste wieder losgehen. Soll heißen die Menschen gehen arbeiten, die Geschäfte öffnen, die Busse und U-Bahnen funktionieren einigermaßen, in den reichen Vierteln ist es eh ruhig geblieben…

Und wir als AnarchistInnen, wo sehen wir uns in solch einer Situation? In den ersten Reihen der Straßenkämpfe? In den Nachbarschaftsversammlungen? Beim Verbreiten anarchistischer Propaganda? Hinter den Barrikaden in unseren Vierteln? Überall dort?

Aber vielleicht auch dort wo uns niemand erwartet? An den neuralgischen Punkten dieser durchtechnologisierten Gesellschaft?

Das einzige was klar ist, ist dass wir uns das im Vorhinein überlegen müssen, in der Hitze des Gefechts wird uns die Zeit und der Raum dafür fehlen.

Quelle: Indymedia